Kirche und Sexualität - das ist ein bisweilen hoch emotional geführter Dauerstreit. Vom blanken Busen der Hildegard Knef im Film "Die Sünderin" 1951 über die Auseinandersetzung um Pille und Verhütung bis hin zum Streit über die Ursachen des sexuellen Missbrauchs: Sexualität, Gesellschaft und Kirche führen bis heute eine hochproblematische Dreierbeziehung.
Vor diesen Hintergrund will der international renommierte Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch zu einem neuen Blick auf das Thema ermutigen. Der emeritierte Professor für Kirchengeschichte an der Universität Oxford, Diakon der Church of England und bekennender Homosexueller, schlägt in seinem am Freitag auf Deutsch erscheinenden, ungeheuer gelehrten und teilweise weit ausholenden Buch "Niedriger als die Engel. Eine Sexualgeschichte des Christentums" Schneisen durch mehr als 2.000 Jahre des Ringens der Christen um Sexualität, Geschlecht und Familie.
Christentum als Chamäleon-Glaube
Sein Fazit: Eine einheitliche christliche Lehre der Sexualität gab und gibt es nicht. Es findet sich vielmehr eine Fülle von Lehren, die sich teilweise stark widersprechen. Mahnend wendet sich MacCulloch deshalb an vermeintliche Hüter einer "wahren" Lehre: Selbsternannte Traditionalisten wüssten selten genug über die Traditionen, die sie verkündeten.
Das Christentum ist nach den Worten des Autors wie alle erfolgreichen Weltreligionen ein "Chamäleon-Glaube": bemerkenswert in seiner Fähigkeit, sich in veränderten Zeiten neu zu erfinden. Dass der Konflikt um Sexualität in den vergangenen Jahrzehnten mit solcher Schärfe ausgetragen wurde, hängt nach Auffassung MacCullochs mit der weltweiten sexuellen Revolution zusammen, in der die Kirche einen dramatischen Machtverlust hinnehmen musste.
Sex und Geschlecht seien im vergangenen halben Jahrhundert auch in internen Kirchenkonflikten stärker instrumentalisiert worden als zu irgendeinem Zeitpunkt der Kirchengeschichte, schreibt er. Früher hätten Christen über das Wesen der Dreieinigkeit, Wege zur Erlösung oder die Eucharistie gestritten. Heutzutage spalte der Konflikt über Sexualmoral und sexuelle Identität ganze Kirchen.
Bibel macht keine klaren Vorgaben
Dabei können sich die streitenden Positionen nach Meinung des Autors nur sehr bedingt auf die Bibel berufen. MacCulloch betont, dass sich Jesus und seine Jünger über Fragen zur (Homo-)Sexualität gar nicht den Kopf zerbrochen hätten. Einzig das Nein zur Ehescheidung sei deutlich formuliert. Schon Paulus aber habe Jesu Forderung, eine Ehe dürfe nicht geschieden werden, widersprochen.
Dass die Heilige Schrift keine klaren Aussagen zur Sexualität trifft, ist aus Sicht des Autors kein großes Problem: Historisch gesehen, habe die Kirche Fragen der Sexualmoral nicht durch biblische Textauslegung, sondern durch die Heranziehung des Naturrechts behandelt, schreibt er.
Hohes Ideal der Enthaltsamkeit und Jungfräulichkeit
Wer sich der Haltung der Kirchen zu Sexualität und Familie aus historischer Perspektive nähern will, muss sich aus Sicht des Autors zunächst mit dem Judentum und der griechisch-römischen Kultur beschäftigen. Die Antworten, die die Christen daraus schöpften, waren vielstimmig. Klar ist, dass Stimmen besonders stark wurden, die sexuelle Enthaltsamkeit und Jungfräulichkeit als höheres Ideal werteten als die Ehe.
Zugleich wendet sich MacCulloch gegen die Theorie, es habe im ersten Jahrtausend des Christentums so etwas wie eine einheitlich definierte christliche Ehe gegeben. Erst ab dem 11. Jahrhundert beanspruchte die Kirche seiner Darstellung zufolge zunehmend Einfluss auf verschiedene Bereiche der privaten Lebensgestaltung. "Bis dahin konnte ein Paar heiraten, wann immer es wollte. Das mündliche Eheversprechen musste lediglich durch den Geschlechtsakt besiegelt werden", erklärt der Kirchenhistoriker.
Ab Ende des 12. Jahrhunderts, mit Papst Gregor VII., wurde die kirchlich-sakramentale Ehe dann zur verpflichtenden Norm, die nicht zuletzt dem Papst großen Einfluss auf den Adel und seine Heiratspolitik ermöglichte. Mehr und mehr wurde selbst der eheliche Geschlechtsverkehr als sündig gebrandmarkt. Dass die Reformation des 16. Jahrhunderts den Zölibat ablehnte und Sexualität in der Ehe aufwertete, führte auf katholischer Seite zu weiterer Verhärtung.
Privatisierung von Lebensentscheidungen
Ab dem 18. Jahrhundert kam es dann zu einer langsamen Privatisierung von Lebensentscheidungen, einschließlich sexueller Beziehungen. Zudem gewannen Frauen nach und nach an Einfluss. Eine Entwicklung, die die christlichen Kirchen zunehmend in die Defensive brachte.
Die Christen seien gerade erst dabei, das Thema Sexualität in der modernen Welt neu zu diskutieren, schreibt MacCulloch. Er fordert Kirchen und Theologie dazu auf, moralische Fragen "durch eine flexiblere und kreativere Betrachtung des Naturrechts zu diskutieren". Dabei müssten die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse über Verhalten und Biologie des Menschen berücksichtigt werden.