Kirchenhistoriker kritisiert Franziskus-Verehrung in Italien

"Italien instrumentalisiert heiligen Franziskus"

Für den Kirchenhistoriker Volker Leppin ist Franz von Assisi bis heute eine Projektionsfläche für politische Interessen. Die italienische Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hab ihn erneut zur Symbolfigur gemacht.

Volker Leppin / © Harald Oppitz (KNA)
Volker Leppin / © Harald Oppitz ( KNA )

Der Kirchenhistoriker Volker Leppin sieht in der aktuellen Franziskus-Verehrung in Italien eine politische Instrumentalisierung des Heiligen von Assisi. In einem Beitrag für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" verweist Leppin am Samstag darauf, dass Ministerpräsidentin Giorgia Meloni den heiligen Franziskus zur Identifikationsfigur italienischer Einheit mache. Die Einführung des 4. Oktober als offizieller Feiertag sei "ein Baustein in Giorgia Melonis Versuch, das Land hinter sich zu einen".

Papst Leo XIV. empfängt die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni / © Vatican Media/Romano Siciliani (KNA)
Papst Leo XIV. empfängt die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni / © Vatican Media/Romano Siciliani ( KNA )

Leppin zieht dabei eine direkte historische Linie zum italienischen Faschismus. Meloni knüpfe "sachte auch daran an, dass Benito Mussolini Franz zu dessen 700. Todestag als nationale Ikone neben Dante, Kolumbus und Leonardo da Vinci inszeniert hatte". Auch die Ernennung des Franziskus zum Nationalpatron Italiens 1939 sei vom Druck der Faschisten begleitet gewesen.

Kritik an modernen Zuschreibungen

Zugleich beschreibt Leppin das Franziskusbild der Gegenwart als vielfach überformte Figur. Der Heilige erscheine heute als Friedensapostel, Umweltfreund und freundlicher Tierliebhaber. Historisch sei das Bild jedoch deutlich widersprüchlicher. Franziskus habe seinen Mitmenschen "mit aller Wucht Gottes Drohungen" entgegenschleudert. Moderne Vorstellungen von Dialog ließen sich nur bedingt auf ihn übertragen.

Eine Pilgerin mit Bildern des heiligen Franziskus von Assisi  / © Alessia Giuliani/CPP (KNA)
Eine Pilgerin mit Bildern des heiligen Franziskus von Assisi / © Alessia Giuliani/CPP ( KNA )

Gerade die historische Unschärfe der Überlieferung ermögliche immer neue Projektionen auf den Heiligen, deutet Leppin an. Über Franziskus wisse man "wenig genug, um viele Deutungen sprudeln zu lassen, und viel genug, um den Deutungen wenigstens etwas Anhalt zu verleihen".

Leppin betont, dass sich über Jahrhunderte unterschiedlichste Gruppen auf Franziskus berufen hätten: von italienischen Nationalisten über Umweltbewegungen bis zur Hippie-Kultur der 1960er Jahre.

Warnung vor Nationalismus

Mit Blick auf politische Vereinnahmungen verweist Leppin auch auf eine Warnung von Papst Pius XI. aus dem Jahr 1926. Dieser habe davor gewarnt, Franziskus "für eine übertriebene Liebe zur eigenen Nation zu missbrauchen".

Papst Pius XII. / © KNA-Bild (KNA)
Papst Pius XII. / © KNA-Bild ( KNA )

Italien begeht in diesem Jahr den 800. Todestag des 1226 gestorbenen Heiligen. In der katholischen Kirche wird Franziskus als Patron der Armen, Blinden, Lahmen, Strafgefangenen, Sozialarbeiter und Schiffbrüchigen verehrt. Außerdem gilt er als Vermittler zwischen den Religionen. Papst Johannes Paul II. erklärte ihn 1980 zudem zum Patron des Umweltschutzes und der Ökologie.

Franziskus gründete zwischen 1209 und 1220 den Orden der Franziskaner. Außer diesem "Ersten Orden" gründete Franziskus zwei weitere: die Klarissen als weiblichen Zweig und den "Dritten Orden" für Laien. Im 16. Jahrhundert entstanden aus Reformen Minoriten und Kapuziner. Heute umfasst die franziskanische Familie weltweit rund 650.000 Mitglieder in Laienbewegungen, Bruderschaften und klösterlichen Gemeinschaften.

Radikale Rechte feiert Wahlsieg in Italien

Der Wahlsieg von Giorgia Meloni und deren rechtsradikaler Partei Fratelli d'Italia hat bei ihren rechten Verbündeten in Europa Jubel und Genugtuung, vielerorts aber vor allem Sorgen hervorgerufen. Die Nationalistin und EU-Skeptikerin wurde bei der Wahl klar stärkste Kraft, nach Hochrechnungen vom Montagmorgen kommen die "Brüder Italiens" auf mehr als 26 Prozent der Stimmen. Die gesamte Rechtsallianz hat wegen der Besonderheiten des italienischen Wahlrechts künftig eine klare, absolute Mehrheit im Parlament.

Giorgia Meloni, Vorsitzende der rechtsradikalen Partei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens) / © Oliver Weiken (dpa)
Giorgia Meloni, Vorsitzende der rechtsradikalen Partei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens) / © Oliver Weiken ( dpa )
Quelle:
KNA