Bereits 1969 hat sie die Erinnerungen an die Jahre 1943 bis 1945 in dem Buch "Retter in der Nacht" veröffentlicht, das in diesen Tagen in einer Neuauflage erscheint. Und sie hat unzählige Male an Schulen mit Jugendlichen über die Zeit des Nationalsozialismus und die westfälischen Bauern gesprochen, die ihrer kleinen Familie das Leben gerettet haben. Dass dies trotzdem eine selten erzählte Geschichte ist, liegt daran, dass nur wenige Juden aus Deutschland so etwas erlebt haben.
Der am Donnerstag in deutschen Kinos anlaufende Film setzt ein im Oktober 1943: Der jüdische Pferdehändler Siegmund "Menne" Spiegel (Armin Rohde) hat bisher mit Geschick und Mut seine Frau Marga (Veronica Ferres) und seine Tochter Karin (Louisa Mix) vor den Nazis bewahrt. Doch jetzt sollen auch die letzten Juden nach Osten deportiert werden, dem sicheren Tod entgegen. In letzter Minute flieht er mit den beiden aufs Land, wo ihm der ein oder andere Bauer noch einen Gefallen schuldet. Unter der katholischen Landbevölkerung in Westfalen findet er einen Menschenschlag, dem "der Bischof von Münster näher ist Adolf Hitler".
Über weite Strecken beeindruckender Film
So verhallen die berühmten Protest-Predigten des "Löwen von Münster", Clemens August von Galen, gegen die Nazis auch bei der Familie Aschoff nicht ungehört. Auf ihrem Hof ist zwar für Menne selbst kein Platz. Er führt fortan in diversen dunklen Verließen bei anderen Bauern das Leben eines Gehetzten. Aber Marga und Karin kommen hier unter. Bauer Aschoff (Martin Horn), NSDAP-Mitglied und einer der Wortführer unter den Landwirten, weiß Recht von Unrecht zu unterscheiden. Die Bäuerin (Margarita Broich), eine einfache und erdverbundene Frau, verbirgt unter ihrem harten Äußeren einen sensiblen Kern, der sie mitfühlen lässt mit der Todesangst einer Mutter. Tochter Anni (Lea Hoensbroech), zunächst begeisterte BDM-Aktivistin und lange im Unklaren über die wahre Herkunft der Untergeschlüpften, wird im Laufe der Geschichte zur besten Freundin Margas und riskiert mehr noch als die anderen ihr eigenes Leben für das der beiden Jüdinnen.
Regisseur Ludi Boeken, selbst Jude aus den Niederlanden und Nachkomme von Holocaust-Überlebenden, ist ein über weite Strecken beeindruckender, in seinen besten Szenen anrührender Film gelungen. Vereinfachend im Ablauf der Handlung und etwas platt in der Darstellung des Nazi-Schreckens in Form marschierender Horden, besticht das Werk bei der Beschreibung der widersprüchlichen Gefühle seiner Darsteller.
Von 70 Millionen Deutschen sind 455 als Judenretter anerkannt
Möglich wird das durch durchweg hervorragende Schauspielerleistungen. Allen voran Margarita Broich, die mit dezenter Mimik in ihrer Figur die karge Bäuerin, resolute Hausherrin, folgsame Deutsche und mitfühlende Mutter vereint. Armin Rohde überrascht durch ein für ihn eher untypisches zurückgenommenes Agieren, mit dem er trotzdem eindrücklich die Angst des Vaters und Ehemanns vor dem drohenden Tod seiner Lieben spürbar werden lässt. Glänzend am Ende seine Darstellung des durch Panik, Einsamkeit und Auszehrung in den Wahnsinn Getriebenen, der vielleicht ein Leben lang nicht in die Normalität zurückfindet. Veronica Ferres gelingt ganz ohne Pathos die liebende Mutter und Ehefrau, die in der Gefahr über sich selbst hinauswächst.
Der Zuschauer ist menschlich bewegt. Durch die erzählte Geschichte eines Einzelschicksals erhält er vielleicht eine Ahnung vom Leid der Juden damals und von der Zerrissenheit jener Deutschen, die zwar parteipolitische Mitläufer waren, nicht aber zum Henker werden wollten. Die globalen Zusammenhänge jener Jahre scheinen jedoch nur von weitem auf. "Unter Bauern" ist kein Film über den Holocaust, aber auch keiner über den Widerstand. Dass das, was Menschen wie die Aschoffs taten, die Ausnahme war, macht eine Einblendung am Ende klar: "Von 70 Millionen Deutschen sind 455 als Judenretter anerkannt."
Kinostart von "Unter Bauern" über eine Juden-Rettung
Die Geschichte der Marga Spiegel
Die heute 97-jährige Jüdin und Holocaust-Überlebende Marga Spiegel hat ihre Geschichte schon oft erzählt. Nicht erst in den letzten Wochen zum Kinostart von "Unter Bauern" - einem über weite Strecken beeindruckenden und in seinen besten Szenen anrührenden Film.
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