Sabrina* (13) hielt es nicht mehr aus. "Uwe* kommt oft zu mir ins Bett und macht eklige Sachen", berichtete sie ihrer Mutter unter Tränen. Vor dreieinhalb Jahren war der Freund der Mutter eingezogen. Er bestritt die sexuelle Misshandlung. Sabrinas Mutter wandte sich an die Bremer Beratungsstelle "Schattenriss" gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und zeigte den Ex-Partner später an.
Nirgendwo werden Kinder so häufig missbraucht wie im nahen Umfeld der Familie. Nach Statistiken des Bundeskriminalamtes werden jedes Jahr etwa 15.000 Fälle bekannt. Experten gehen aber von bis zu 300.000 Missbrauchsfällen im Nahfeld der Opfer aus. Sexuelle Gewalt erleiden nach Angaben des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München Minderjährige vom Säuglingsalter an in allen sozialen Schichten von Tätern aller Altersgruppen.
"Wir haben zunächst versucht, Sabrinas Mutter in ihrer Situation zu stabilisieren", erläutert Ingrid Wedlich, Diplom-Psychologin und Beraterin bei Schattenriss, "denn sie muss ja ihrer Tochter im Alltag Unterstützung geben können." Um Sabrina kümmerte sich eine andere Mitarbeiterin. Die Erfahrung habe gezeigt, dass es für die betroffenen Mädchen enorm wichtig ist, zunächst eine Ansprechpartnerin ganz für sich alleine zu haben.
Die Folgen des Missbrauchs können für die körperliche und insbesondere für die seelische Entwicklung des Kindes gravierend sein. Die Gewalttaten führen oft zu Alpträumen, haben Schlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten oder Angstzustände zur Folge. Nach Erkenntnissen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde berichten rund 60 Prozent der Jugendlichen mit Borderline-Störung, einer schweren Persönlichkeitsstörung, als Kind missbraucht worden zu sein.
Das Gefühl der Schuld
"Die Mädchen und Jungen fühlen sich schuldig. Sie schämen sich für das, was mit ihnen passiert, und haben ständig Angst, dass es wieder geschieht", sagt die Diplom-Sozialpädagogin Martina Huxoll vom Kinderschutzbund Nordrhein-Westfalen. In der Regel sprächen sie mit niemandem über ihr Schicksal, weil sie vom Täter durch Drohungen eingeschüchtert wurden. Doch gebe es Signale, mit denen sich ihr Leiden äußere. So nässen manche Kinder nachts wieder ein, andere leiden unter Waschzwang, oder sie ziehen sich ganz in sich zurück.
Bei der Bremer Beratungsstelle Schattenriss wurden im vergangenen Jahr knapp 300 Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs gemeldet. Die Angehörigen der Kinder kommen in die Beratungsgespräche mit heftigen Gefühlen wie Schuld, Ohnmacht, Angst und Wut. Besonders stark leiden die Mütter, wenn der eigene Partner, der Vater oder der Sohn der Beschuldigte ist, berichtet Ingrid Wedlich. Die Eltern quälten Fragen wie: "Wie kann es sein, dass ich nichts gemerkt habe"? oder "Warum konnte ich mein Kind nicht schützen?"
Sabrina hörte im ersten Beratungsgespräch fast nur zu und erfuhr, wie Mädchen in ihrer Situation unterstützt werden können. In weiteren Sitzungen fand sie dann mit ihrer Beraterin heraus, mit Alpträumen und Erinnerungsbildern umzugehen. Sie lernte, Aktivitäten einzusetzen, die ihr gut tun, wie zum Beispiel joggen gehen, um Stress zu reduzieren. Sie selbst erinnert sich: "Schattenriss war für mich wie eine Insel, wo ich mich beruhigen konnte, trotz allem Chaos um mich herum und in mir."
Mit Informationen über Reaktionen, Gefühle und Symptome bei den Opfern helfen die Beraterinnen zugleich den Angehörigen, das Verhalten der Betroffenen besser zu verstehen. Durch Aufklärung über das Vorgehen von Tätern machen sie deutlich, warum sich Mädchen oft sehr lange nicht trauen, über das Erlebte zu sprechen. Wedlich: "Wir besprechen vor allem auch, welche Maßnahmen zum Schutz und zur Unterstützung des Opfers eingeleitet werden müssen." Die Betreuung ist oft langwierig: Die Mädchen werden manchmal über Jahre von Schattenriss unterstützt.
Kinder sind sexueller Gewalt im Umfeld der Familie oft ohnmächtig ausgeliefert
"Der macht so eklige Sachen mit mir"
In dieser Woche hat das Thema Missbrauch wieder die Schlagzeilen bestimmt: Bei einer Jugendfreizeit auf der Insel Ameland kam es zu sexuellen Übergriffen. Grundsätzlich aber werden Kinder nirgends so häufig missbraucht wie im Umfeld der Familie. Mit gravierenden Folgen.
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