Kerstin Claus folgt Rörig als Missbrauchsbeauftragte

Engagiert im Kampf gegen sexualisierte Gewalt

Als Teenager wurde sie missbraucht. 2010 machte sie ihren Fall öffentlich. Seitdem engagiert sie sich im Kampf gegen sexualisierte Gewalt. Am Mittwoch berief die Regierung Kerstin Claus zur neuen Missbrauchsbeauftragten.

Kerstin Claus, unabhängige Beauftrage für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs  / © Kay Nietfeld (dpa)
Kerstin Claus, unabhängige Beauftrage für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs / © Kay Nietfeld ( dpa )

In den vergangenen Jahren ist sie nicht müde geworden, immer wieder auf Missstände hinzuweisen und mehr Maßnahmen zur Bekämpfung von Missbrauch zu fordern. Sie tat das auf eine ruhige, aber sehr klare und unmissverständliche Art und Weise.

Die 52-jährige Kerstin Claus kennt die Wirkung von Worten, sie hat den Beruf der Journalistin gelernt und lange Jahre ausgeübt. 2010 machte sie ihren eigenen Missbrauch durch einen evangelischen Pfarrer öffentlich und arbeitete mehrere Jahre im Betroffenenrat mit. Nun tritt sie die Nachfolge von Johannes-Wilhelm Rörig an und wird Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung.

Missbrauch durch Pfarrer

Anne Spiegel (Bündnis 90/Die Grünen, l), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, stellt Kerstin Claus als die neue unabhängige Beauftrage für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs vor. / © Kay Nietfeld (dpa)
Anne Spiegel (Bündnis 90/Die Grünen, l), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, stellt Kerstin Claus als die neue unabhängige Beauftrage für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs vor. / © Kay Nietfeld ( dpa )

Claus war 14 Jahre alt, als sie sich in einer schwierigen familiären Situation an ihren evangelischen Pfarrer wandte. Er versprach, sich zu kümmern. Was er damit auch verband, konnte sie nicht ahnen. Zwar sorgte er dafür, dass sie in ein evangelisches Internat kam; zugleich bedrängte der Pfarrer sie, wurde sexuell übergriffig und missbrauchte sie, bis sie 17 war.

Erst Jahre später, als sie selbst Kinder hatte, konnte sie über das Erlebte sprechen, so berichtete sie in Interviews und vor Synodalen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Eine konstruktive Unterstützung von der bayerischen Landeskirche, an die sie sich 2003 erstmals wandte, habe sie nicht erhalten. Erst 2010 nahm die Staatsanwaltschaft Passau Ermittlungen auf. Da war der Fall bereits verjährt. Dass der Täter weiter lange Jahre in einer Gemeinde tätig war, schmerzt sie bis heute.

Aber Claus entschied sich, weiter zu kämpfen - auch um anderen Kindern und Jugendliche ihre schrecklichen Erlebnisse zu ersparen: Sie beriet den Missbrauchsbeauftragten in ihrer Funktion als Mitglied im Betroffenenrat. Parallel absolvierte sie ein Studium zur systemischen Beratung. Als erste Betroffene wandte sie sich vor vier Jahren bei einer EKD-Synode an die Synodalen und forderte mit eindringlichen Worten mehr Maßnahmen im Kampf gegen den Missbrauch.

Langer Kampf gegen Missbrauch

Seit 2019 sitzt sie zudem im Nationalen Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Ziel des Gremiums, dem unter anderen auch der Missbrauchsbeauftragte der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann, angehört, ist die dauerhafte Stärkung der Strukturen für Schutz, Prävention und Intervention bei Missbrauch.

Als Expertin wurde Claus in den vergangenen Jahren immer wieder angefragt - nicht nur, wenn es um Fälle in der evangelischen Kirche ging. So nahm sie etwa auch Stellung zum Missbrauchskomplex in Bergisch-Gladbach. Sie setzte sich vor allem für unbürokratische Beratung und Hilfen für Betroffene ein und forderte eine institutionelle Aufarbeitung, die "verbindlich, unabhängig und transparent" ist, so steht es unter ihrem Namen auf der Homepage des Betroffenenrats.

Auch parteipolitisch ist die verheiratete Mutter von zwei Kindern - die ältere ist bereits erwachsen, der jüngere im Teenager-Alter - aktiv. Sie ist Mitglied der Grünen im Landesverband Rheinland-Pfalz, dem auch Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) angehört. In dem Bundesland wohnt sie auch mit ihrer Familie, in Nieder-Olm südlich von Mainz. Für ihre Arbeit im Betroffenenrat ist sie in den vergangenen Jahren immer wieder nach Berlin gependelt.

Amt Teil des Familienministeriums

Das wird sie nun häufiger tun. Ihr Büro ist im Bundesbildungsministerium unweit des Hauptbahnhofs untergebracht, politisch zugeordnet ist es aber dem Familienministerium. Durch ihr Engagement in den verschiedenen Gremien kennt sie das Team, das Rörig in den vergangenen Jahren aufgebaut hat.

Johannes-Wilhelm Rörig / © Gregor Fischer (dpa)
Johannes-Wilhelm Rörig / © Gregor Fischer ( dpa )

Durch seine Beteiligung an den Koalitionsgesprächen konnte Rörig erreichen, dass ihr Amt noch in dieser Legislaturperiode auf eine gesetzliche Grundlage gestellt werden soll. Dann hätte Claus die Möglichkeit, die Parlamentarier im Bundestag regelmäßig darüber zu unterrichten, was im Kampf gegen sexualisierte Gewalt gut läuft und woran es hapert.

In nächster Zeit wird sie sich mit der Neuaufstellung der Aufarbeitungskommission beschäftigen, deren Vorsitz vakant ist und die ebenfalls ein größeres Gewicht erhalten soll. Zudem stehen Vereinbarungen über eine unabhängige Aufarbeitung aus, die Rörig mit der katholischen Kirche bereits abgeschlossen hatte.

Claus hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie nicht müde wird, den Finger in die Wunde zu legen. So findet sich auf der Homepage des Betroffenenrats auch folgendes Zitat von ihr: "Ja, wir haben eine Vergangenheit, eine in Teilen entsetzliche Vergangenheit dazu. Dies müssen wir, dies muss auch die Gesellschaft lernen, auszuhalten."

Das Amt des Missbrauchsbeauftragten

Das Amt des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten sowie den Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch hat die Bundesregierung 2010 eingerichtet. Es war eine Reaktion auf das damals bekannt gewordene Ausmaß des sexuellen Kindesmissbrauchs in Einrichtungen und Institutionen. Das Amt wurde zunächst von der ehemaligen Bundesfamilienministerin Christine Bergmann ausgeübt. Seit Dezember 2011 war Johannes-Wilhelm Rörig Missbrauchsbeauftragter, am 30.03.2022 wurde er von Kerstin Claus abgelöst. (www.bundesregierung.de)

Symbolbild Missbrauch / © somkhana (shutterstock)
Autor/in:
Birgit Wilke
Quelle:
KNA