Katholischer Unternehmer bedauert Ende des Handels

"Die Auswirkungen sind erheblich"

Der Krieg in der Ukraine hat weltweite Auswirkungen, emotional wie wirtschaftlich. Große Unternehmen werden mit Einbußen rechnen müssen, das schlägt sich im Preis nieder. Wie steht der Bund katholischer Unternehmer zu den Sanktionen?

Ein Containerschiff auf dem Ozean / © Aun Photographer (shutterstock)
Ein Containerschiff auf dem Ozean / © Aun Photographer ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Haben Sie eine Vorstellung davon, wie sehr die Weltwirtschaft von diesem Krieg und von diesen Sanktionen betroffen sein wird?

Prof. Ulrich Hemel / © Daniel Hemel (KNA)
Prof. Ulrich Hemel / © Daniel Hemel ( KNA )

Prof. Ulrich Hemel (Vorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer, BKU): Die Auswirkungen sind erheblich. Und zwar in verschiedener Hinsicht. Zum einen wegen der steigenden Ausgaben, die es jetzt geben wird, denn Frieden und Freiheit kosten Geld. Das führt aber zunächst einmal zu einer Erhöhung der Militärausgaben. Das ist etwas, was wir in Deutschland über lange Zeit gescheut haben und was jetzt noch kommen wird. Zum Zweiten wegen der Beeinträchtigung der Lieferketten. Wir leben ja in einer Welt, die von der Globalisierung hingeht in multipolare Blöcke: China, Russland, Europa.

Da gibt es schon Verbindungen, aber sie werden schwächer, sodass wir gleichzeitig etwas haben wie eine Globalisierung und Deglobalisierung. Konkret heißt das, wir haben das Vertrauen verloren in die Zuverlässigkeit der Handelsbeziehungen zu manchen Ländern, insbesondere Russland steht ja hier im Vordergrund.

Das führt zu einem allmählichen Rückzug. Aber – das muss man ja auch klar sagen, dieser Rückzug hat ja längst begonnen. Wir hatten 2012 die Krim-Krise, und in diesem Zug haben sich ja schon sehr viele Unternehmen aus Russland zurückgezogen, sodass Russland jetzt nicht mehr auf Platz 10 der Länder liegt, in die wir exportieren, sondern auf Platz 14. Trotz des vielen Gases und Öls, was wir von dort importieren.

DOMRADIO.DE: VW stellt jetzt das Russland-Geschäft ein. Ist das noch mal ein wirklich sehr wirksames Signal.?

Hemel: Eines von vielen. Wir haben die Signale im Finanzsektor mit dem Aussetzen des SWIFT-Systems. Wir haben die Signale hier im Maschinenbau, in der Fahrzeugindustrie. Wir haben in Deutschland insgesamt weit über 3.000 Unternehmen, die unmittelbar eine Niederlassung in Russland haben. Viele von diesen Unternehmen überlegen sich das jetzt und kappen die Beziehungen, beispielsweise auch IKEA.

Ikea stellt seinen Betrieb in Russland vorläufig ein / © Yuri Kochetkov (dpa)
Ikea stellt seinen Betrieb in Russland vorläufig ein / © Yuri Kochetkov ( dpa )

Aber auch viele andere. Das heißt, es wird der Verbraucher merken, es wird das Land merken. Im Grunde ist es ewig schade, denn funktionierender Handel ist letzten Endes schon auch Schaffung von Wohlstand auf beiden Seiten. Sonst würde ja keiner die Produkte kaufen. Aber zum Wirtschaften gehört Vertrauen. Und wenn Vertrauen zerstört ist, dann geht es eben nicht.

DOMRADIO.DE: Wenn Sie sich beim Bund der katholischen Unternehmer in Deutschland umhören und für die katholischen Unternehmen sprechen, wie groß ist da die Solidarität mit der Ukraine? Was bekommen Sie da mit?

Prof. Ulrich Hemel

Wir sind überwältigt von einer Welle der Hilfsbereitschaft. [...] Das ist unglaublich, was da passiert.

Hemel: Riesengroß. Ich kann sagen, wir sind überwältigt von der Welle der Hilfsbereitschaft, die überall hochkommt. Wir kooperieren beispielsweise mit unseren internationalen Partnern. Wir sind ja Teil eines weltweiten Netzwerks christlicher und katholischer Unternehmen. Hier kooperieren wir beispielsweise mit der ungarischen Partnerorganisationen. Und plötzlich kommen die geflüchteten Menschen aus der Ukraine ganz offenherzig nach Ungarn, nach Polen. Dort gab es ja auch schon andere Bilder. Mitglieder aus unserem Verband haben ukrainische Flüchtlinge bereits aufgenommen. Das ist unglaublich, was da passiert. Nicht nur in der allgemeinen Zivilgesellschaft, sondern eben auch hier im Bereich der wirtschaftlich tätigen Unternehmen.

DOMRADIO.DE: Ist das etwas, was auch eine gewisse Nachhaltigkeit nicht im Sinne von Ökologie, sondern nachhaltig im Sinne von langer Dauer hat? Im Moment sind wir ja alle sehr betroffen und in einigen Monaten ist das Thema weniger in der Presse präsent. Wie schätzen Sie das ein?

Hemel: Ich glaube, das ist kein vorübergehendes Phänomen, denn es ist ein Konflikt, der uns sehr nahe ist. Das ist ja direkt an der Außengrenze der EU. Die Ukraine ist ein Volk, mit dem wir sehr viele Verbindungen haben. Es gibt sehr viele Menschen aus der Ukraine, die hier leben. Aber wir sollten auch nicht vergessen, es gibt auch viele Menschen aus Russland, die hier leben und die doch auch ganz unterschiedliche Standpunkte vertreten. Wir sollten da nie vergessen, es ist ein Krieg der Regierung in Russland und nicht ein Krieg des russischen Volkes gegen die Ukraine. Das sollten wir schon auch gut bedenken und uns da nicht einseitig in eine feindselige Haltung hineinbegeben. Es ist ein Krieg von Herrn Putin und den Menschen, die ihm die Stange halten. Aber es ist nicht ein Krieg des russischen Volkes gegen das ukrainische Volk.

DOMRADIO.DE: Trotzdem treffen die Sanktionen das russische Volk. Wenn der Rubel an Wert verliert, die Regale in den Geschäften leer sind, dann treffen solche Maßnahmen wahrscheinlich zuerst mal die Bevölkerung und Herr Putin wird dennoch genügend Dinge zum Leben haben, oder?

Bund Katholischer Unternehmer

Dem 1949 gegründeten Bund Katholischer Unternehmer e.V. (BKU) gehören mehr als 1.100 Inhaber-Unternehmer, Selbstständige und leitende Angestellte an.

Der BKU ist in 34 Diözesangruppen gegliedert. In den Arbeitskreisen des Verbandes entstehen innovative Konzepte zur Wirtschafts- und Sozialpolitik und zur werteorientierten Führung.

Der BKU wirkt als Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Kirche und Politik. (BKU)

Geschäftsfrau am Schreibtisch / © Natee Meepian (shutterstock)

Hemel: So wird es sein und das ist immer so – oder zumindest die allgemeine Erfahrung in Kriegen, dass diejenigen, die sie anzetteln, erst ganz spät, wenn überhaupt zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist Teil der himmelschreienden Ungerechtigkeiten dieser Welt. Warum wir ja auch als wertorientierte und im Glauben fundierte Unternehmer und Unternehmerinnen sagen: Das kann nicht das letzte Wort sein. Aber das ist eine Sache, die uns als Bund katholischer Unternehmer besonders am Herzen liegt.

DOMRADIO.DE: Heißt aber, man muss jetzt einfach durch eine Zeit, wo das russische Volk leiden wird?

Der Rubel hat massiv an Wert verloren / © Heikki Saukkomaa (dpa)
Der Rubel hat massiv an Wert verloren / © Heikki Saukkomaa ( dpa )

Hemel: So ist das, aber wir dürfen nicht vergessen, das ukrainische Volk leidet ja auch. Sie werden überzogen mit Krieg. Wir haben jetzt fast schon eine Million geflüchteter Menschen aus der Ukraine. Wir haben die Zivilbevölkerung, die in Mitleidenschaft gezogen wird. Also das ist schon eine grausame und furchtbare Sache. Aber auch hier: Wir haben gelernt, gerade als Unternehmer und Unternehmerinnen die zwei Seiten einer Medaille zu sehen. Es ist schon auch richtig, dass das Hinhören auf die Bedürfnisse der anderen nicht ganz so gut geklappt hat in den letzten zehn, 20, 30 Jahren. Und ich glaube, da haben wir auch im Westen durchaus noch Raum für Verbesserungen.

Man darf nicht vergessen, Russland hatte früher andere Träume und wir haben doch wenig hingehört. Auf der anderen Seite ist das keineswegs ein Rechtfertigungsgrund für einen solchen Überfall und deswegen ist die einhellige Reaktion der ganzen Welt – bei nur fünf Gegenstimmen hatten wir das gestern bei den Vereinten Nationen – richtig und notwendig, um hier womöglich auch die Herrschenden zu einem Einlenken zu bewegen.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.