Katholische Bischöfe und Heilige im Tagungshaus in Mainz verhüllt

Signal der Aufarbeitung

Im christlichen Tagungshaus Erbacher Hof sind Heiligenfiguren, Bischöfe und Wappen verhüllt. Diese Maßnahme folgt einer Studie aus dem Jahr 2023 und soll eine neue Erinnerungskultur schaffen. Die Räume heißen vorerst "Interim".

Autor/in:
Matthias Jöran Berntsen
Verhülltes Wappen eines geistlichen Würdenträgers über einem Eingang zum Tagungshaus Erbacher Hof in Mainz. / © Matthias Jöran Berntsen (KNA)
Verhülltes Wappen eines geistlichen Würdenträgers über einem Eingang zum Tagungshaus Erbacher Hof in Mainz. / © Matthias Jöran Berntsen ( KNA )

Die Aufarbeitung des jahrzehntelangen Missbrauchs in der katholischen Kirche hält an. Kaum ein Monat, in dem nicht in einem der 27 Bistümer eine wissenschaftliche Studie oder ein neuer Bericht die Debatte befeuert. In der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz setzen Engagierte ein deutliches Zeichen: Im Tagungshaus Erbacher Hof, gelegen in der historischen Innenstadt unweit des Rheins, sind Ende 2025 vorübergehend sämtliche Hinweise auf kirchliche Persönlichkeiten verdeckt worden.

Schild eines Tagungsraums im Tagungshaus Erbacher Hof in Mainz vom Namen eines kirchlichen Würdenträgers zu "Interim" geändert. / © Matthias Jöran Berntsen (KNA)
Schild eines Tagungsraums im Tagungshaus Erbacher Hof in Mainz vom Namen eines kirchlichen Würdenträgers zu "Interim" geändert. / © Matthias Jöran Berntsen ( KNA )

Eine Bischofsbüste wurde ebenso verdeckt wie Wappen im Innenhof und Namensbezeichnungen an den Veranstaltungsräumen. Sie alle heißen bis auf Weiteres "Interim", um die Vorläufigkeit zum Ausdruck zu bringen. Ein gerahmter Aushang informiert die Besucher des Hauses, warum dort Verhüllungen und Interimsbezeichnungen stehen. Gäste erhalten Gelegenheit, im Buch ihre Gedanken und Empfindungen zu hinterlassen.

"Es sind Fragen aufgekommen rund um einige Personen der Mainzer Kirchengeschichte, die im Umgang mit sexualisierter Gewalt ihrer persönlichen Verantwortung nicht gerecht wurden", berichtet Elisabeth Eicher der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Sie ist im Bistum unter anderem zuständig für Erwachsenenbildung - und sie ist Mitglied der Arbeitsgruppe Erinnerungskultur Erbacher Hof.

Bischöfe und Heilige jetzt verhüllt

Die Verhüllung geschehe im Rahmen der Aufarbeitung, teilte das katholische Bistum zuvor mit. Ziel sei "nicht die Auslöschung von Erinnerung, sondern eine produktive Auseinandersetzung mit einer in Teilen ambivalenten Vergangenheit", teilte eine Sprecherin des Bistums auf KNA-Anfrage mit. Kirchen-Gemeinden in den Bundesländern Hessen und Rheinland-Pfalz gehören diesem an.

So diene die Aktion unter anderem dazu, Prozesse des Nachdenkens im Tagungshaus und im Bistum insgesamt sichtbar zu machen. Grundlage sind Ergebnisse der unabhängigen Aufarbeitungsstudie "Erfahren, verstehen, vorsorgen" aus dem Jahr 2023. Zu den Verdeckten zählen etwa die Heilige Hildegard und die Heilige Lioba, Martin Buber und Edith Stein sowie sämtliche Bischöfe seit dem Zweiten Weltkrieg: von Albert Stohr über Hermann Volk bis hin zu Kardinal Karl Lehmann.

Akteure: Genug Zeit nehmen

Es gehe allerdings nicht um konkrete Täterstrukturen. "Da wir gerade in einer umfassenden Betrachtung der Geschichte des Erbacher Hofs waren, haben wir entschieden: Wir nutzen jetzt diese Zäsur und schauen gezielt darauf, welche Geschichten solch ein Tagungshaus seinen Gästen und der Gesellschaft erzählt." Es stelle sich dabei die Frage, nach einem angemessenen Umgang mit der Vergangenheit. Passende Antworten zu finden, brauche Zeit. Und Beteiligung.

Verhülltes Wappen eines geistlichen Würdenträgers über einem Eingang zum Tagungshaus Erbacher Hof in Mainz. / © Matthias Jöran Berntsen (KNA)
Verhülltes Wappen eines geistlichen Würdenträgers über einem Eingang zum Tagungshaus Erbacher Hof in Mainz. / © Matthias Jöran Berntsen ( KNA )

So sind auch Missbrauchsbetroffene eingebunden. In den kommenden Monaten soll eine Neugestaltung vorgenommen werden, im Laufe des Jahres 2026 könnte es erste Ergebnisse geben. Offen ist, ob künftig noch Namen genutzt werden oder es vielleicht eine komplette Neukonzeption geben wird.

Auch Ideen künstlerischer Art gefragt

"Wir wollen uns noch einmal ganz bewusst anschauen: Wie ist die Genese dieses Geschehens? Uns steht es nicht zu, einzelne Personen zu verurteilen", erklärt der Leiter des Bistumsdezernats Bildung, Gereon Geissler. Er ist ebenfalls Mitglied der Arbeitsgruppe. Aufgabe sei es, einen systemischen Blick einzunehmen und historischen Kontext herzustellen. Rund zehn Personen beteiligen sich an der Erinnerungskultur Erbacher Hof. Neben Mitarbeitern des Bistums und Betroffenen sind auch externe Fachleute dabei.

Gemeinsam solle unter anderem auch geschaut werden, welche Konzepte andernorts bereits erfolgreich umgesetzt wurden und was sich daraus übernehmen ließe - etwa auch Ideen künstlerischer Art. Klar sei, dass es am Ende inhaltlich und ästhetisch funktionieren muss. "Wir hoffen, dass durch die neue Gestaltung auch ambivalentes Erinnern Teil der Alltagskultur im Erbacher Hof wird", betont Geissler.

Quelle:
KNA