Karsamstag ist der unterschätzte "Tag danach"

Sinnbild für Trauer

Vom "Ostersamstag" ist seit ein paar Jahren immer wieder zu hören. Doch das ist eigentlich der Tag vor dem Weißen Sonntag. Der letzte Tag der Passionswoche ist der "Karsamstag" - und dieser Tag hat es in sich.

Karsamstag - Ein Tag der Trauer / © Harald Oppitz (KNA)
Karsamstag - Ein Tag der Trauer / © Harald Oppitz ( KNA )

In der Bibel spielt der Karsamstag keine große Rolle. Nach der Kreuzigung und Grablegung Jesu tut sich eine Leerstelle auf: Die Evangelisten berichten davon, dass die Hohepriester und Pharisäer auf einer Grabwache bestehen, damit die Jünger den Leichnam nicht stehlen können.

Markus erwähnt, dass Maria und Maria Magdalena beobachten, wohin Jesus gelegt wird; Lukas schreibt, dass die Frauen die vorgeschriebene Sabbatruhe einhalten. Wie es den Weggefährten des Gekreuzigten aber an diesem Tag geht, davon schweigt die Bibel.

Sinnbild für Trauer

Wie mag es ihnen gegangen sein? Nach einer Nacht ohne Schlaf, übermüdet und verzweifelt? Am Morgen nach einer schlechten Nachricht oder einem schlimmen Ereignis steht oft die Erkenntnis, die einen trifft wie ein Faustschlag: Nein, es war nicht nur ein böser Traum. Es ist geschehen. Alles ist anders. Für immer. "Karsamstag ist ein Sinnbild für Trauer", sagt Michael Hillenkamp.

Der Diplomtheologe und -pädagoge ist Sprecher der katholischen Konferenz für Telefonseelsorge - und hat immer wieder mit Menschen zu tun, die keinen Ausweg sehen. "An Karsamstag ist Gott fern, eine Stimmung der Grabesruhe", erklärt er: "In dem Sinne, dass der Mensch sich heimat- und schutzlos fühlt, allein den Härten des Lebens und dem eigenen Leiden ausgesetzt."

Seit fast 30 Jahren ist Hillenkamp als Telefon-Seelsorger tätig. Er erinnert sich an ein Ehepaar, das die Tochter an Heiligabend tot entdeckte. "Da wurde Heiligabend zu einem Tag der Klage", erklärt er. "Das war kein Tag, um weihnachtliche Kerzen anzuzünden. Er war leer, wüst, verlassen." In solch einer Situation gebe es keinen vorschnellen Trost, betont der Experte. Typisch sei, dass die Betroffenen den Verlust zunächst nicht wahrhaben wollten - ein Schutzmechanismus des Bewusstseins. Wenn dieser jedoch nachlasse, fühlten sich die Menschen "regelrecht durchgeschüttelt", sagt Hillenkamp.

Trauerphasen - Ein Sturm auf hoher See

Früher ging die Psychologie von Trauerphasen aus, die aufeinanderfolgen: Schock und Verleugnung - Schmerz und Sehnsucht - Suchen und Loslassen - Neuorientierung. Der Seelsorger beobachtet, dass diese Phasen oft eher durcheinandergehen. Er hält den Vergleich mit einem Sturm auf hoher See für passender: "Die Trauer hat Phasen voller Wucht, die wie Wellen über mir zusammen schlagen, auch ruhige Momente zwischendurch kommen vor. Ich kann mich aber nicht vorbereiten auf die nächsten turmhohen Wellen .Es ist kein Land in Sicht."

Über diese Zeit der Untröstlichkeit gehe man heute oft allzu schnell hinweg, meint Hillenkamp. "Nach vier Wochen gilt man als krank, wenn man die Trauer über einen Todesfall noch nicht überwunden hat." Dabei brauche die Seele Zeit, um ein einschneidendes Ereignis zu verarbeiten. Manche Menschen wenden sich genau deshalb an die Telefonseelsorge: Sie hätten das Gefühl, mit ihnen stimme etwas nicht, weil sie "immer noch" trauern und leiden. "Bei anderen hat das pragmatische Gründe, etwa dass sie um 2 Uhr morgens niemanden aus dem Bett klingeln wollen." Außerdem schämten sich viele, über negative Gefühle, die sie einem Verstorbenen gegenüber hegten, zu sprechen.

Chance für die Kirchen

Gerade angesichts der gesellschaftlichen Tendenz, immer funktionieren zu wollen und zu müssen, sieht Hillenkamp im Karsamstag eine Chance für die Kirchen: "In der Passionswoche verdichtet sich das Leid, das Menschen geschehen kann." Die Kirchen könnten hier zu wichtigen Anwälten werden und neu darüber sprechen, was es bedeutet, wenn im Leben gerade Karsamstag ist, meint er. "Stimmige und menschennahe Rituale sind für den Umgang und die Bewältigung von Trauer und Schmerz immens wichtig; die kirchlichen Rituale dieser Tage erschließen sich den meisten Menschen für das eigene Leben aber seit langem nicht mehr."

Menschen in Ausnahmesituationen - wie dem Ehepaar mit der toten Tochter - kommt Hillenkamp "nicht mit Karsamstag um die Ecke".

Zunächst könne er, genau wie Freunde, Bekannte oder Kollegen eines Trauernden, nichts machen, sagt er. "Man kann diesen Schmerz nicht nehmen. Aber man kann zuhören und den Schmerz aushalten und mittragen." Erst danach entstehe irgendwann, oft kaum merklich, Raum für Hoffnung. Davon wiederum erzählt die Bibel eindrücklich - davon, dass nach jedem Karsamstag irgendwann Ostern wird.

 

Autor/in:
Paula Konersmann
Quelle:
KNA