Kardinal Woelki: Ethische Grunddifferenz

 (DR)

​In allen Lebensbereichen hätten Katholiken und Protestanten miteinander zu tun und auch im öffentlichen Bereich werde auf strenge Parität geachtet, schreibt Kardinal Woelki in einem Gastbeitrag für die "Herder Korrespondenz" (2017). Gemeinsame Plattformen und Arbeitskreise der Christen verschiedener Konfessionen seien "Ausweis des beiderseitigen Bemühens, sich in die Perspektive des Gesprächspartners hineinzuversetzen und Missverständnisse und Einseitigkeiten auszuräumen." Woelki erinnert an die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre vom 31. Oktober 1999 als "Höhepunkt der Konvergenzökumene".

Bei aller Freude über die gegenseitige Wertschätzung durch gemeinsam getragene Projekte von Caritas, Diakonie und Bildungsarbeit gehöre zu einer ehrlichen Bilanz aber auch das Benennen von Anfragen und Sorgen, so Woelki weiter. "Es gibt – so scheint mir – einen zunehmenden Dissens in moral- und sozialethischen Fragen." Als Beispiele nennt der Kölner Erzbischof die Stichtagsverschiebung für den Import getöteter Embryonen, die Präimplantationsdiagnostik (PID), die "Ehe für alle", aber auch die Beurteilung von Abtreibung und Sterbehilfe. "Wenn hinter diesem Befund die Überzeugung steht, dass sich aus dem Evangelium gar keine verbindliche Ethik ableiten lasse, dann muss man ehrlicherweise von einer ethischen Grunddifferenz zwischen beiden Konfessionen sprechen." Wahrheit sei kein Konstrukt des einzelnen Subjekts. Wer grundlegende Unterschiede in "sich wechselseitig bereichernde Dimensionen" umdeute, dürfe sich über den Vorwurf des Etikettenschwindels nicht wundern.

Einheit der Kirche könne nicht auf einer unsichtbaren oder endzeitlichen Ebene angesiedelt werden. "Ihre Einheit muss die Verschiedenheit zwar nicht aufheben, aber doch in einem Bekenntnis versöhnen", formuliert Woelki und nennt einige Beispiele wie den Begriff des Messopfers, das besondere Priestertum sowie die Lehre von der Apostolischen Sukzession. Wenn Protestanten und andere Kritiker der katholischen Position überzeugt werden könnten, dass diese "immer schon Bestandteil der eigenen Tradition" gewesen ist, wären die Gegensätze und Unterschiede kein Grund mehr zur Trennung.

Den Begriff der "eucharistischen Gastfreundschaft" hält Woelki für nicht unproblematisch. Er wecke die Vorstellung, der Einladende sei nicht Christus, sondern eine Konfessionsgemeinschaft. Doch eine solche könne nicht eine andere zur "Feier der Einheit in Christus" einladen, solange im Christusbekenntnis zwischen den Konfessionen unterschieden würde. Solche Bekenntnisse würden weniger durch Gastfreundschaft, sondern durch die "Bekehrung aller Beteiligten zu Christus" versöhnt.