Jülichs Superintendent fürchtet Rückschritt durch Eskalation

"Kraftakt nicht nötig"

Der Jülicher Superintendent Jens Sannig sieht im zugespitzten Konflikt um das Dorf Lützerath im Rheinischen Braunkohlerevier einen Rückschritt für die weitere Entwicklung der Region. Er sieht vor allem eine Seite als Schuldigen an.

Autor/in:
Michael Bosse
Erkelenz: Ein Bagger greift bei der Räumung des Dorfes Lützerath nach einem Wohnwagen / © Rolf Vennenbernd (dpa)
Erkelenz: Ein Bagger greift bei der Räumung des Dorfes Lützerath nach einem Wohnwagen / © Rolf Vennenbernd ( dpa )

Zu der verschärften Situation mit Räumung des von Klimaaktivisten besetzten Weilers durch die Polizei hätte es nicht kommen müssen, wenn die Politik und der Energiekonzern RWE auf die Abbaggerung verzichtet hätten, sagte Sannig dem Evangelischen Pressedienst (epd). Man hätte so "die Region befrieden können."

Superintendent Jens Sannig vom evagnelischen Kirchenkreis Jülich / © Guido Schiefer (epd)
Superintendent Jens Sannig vom evagnelischen Kirchenkreis Jülich / © Guido Schiefer ( epd )

Am Samstag will der evangelische Theologe an der geplanten großen Demonstration gegen die anstehende Abbaggerung des Ortes teilnehmen und dort sprechen. "Dieser Kraftakt ist nicht nötig", betonte der Superintendent mit Blick auf den hohen personellen und logistischen Aufwand zur Räumung des Dorfes.

Abschied vom Pariser Abkommen

Sannig verwies auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), nach der die Kohle unter Lützerath nicht nötig wäre, um die Energiesicherheit in Deutschland zu gewährleisten. Zudem verabschiede sich die Politik mit der Verfeuerung der unter Lützerath liegenden Kohle von dem auf dem Pariser Klimagipfel beschlossenen Ziel, den Anstieg der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu beschränken.

Der leitende Theologe des Kirchenkreises Jülich mit rund 75.000 Protestanten geht davon aus, dass der Abriss von Lützerath nicht mehr zu verhindern ist. Zugleich bedauerte er, dass aufgrund der aktuellen Vorkommnisse der Blick auf die Region wieder zu sehr nach hinten gerichtet werde: "Wir waren gefühlt schon weiter!"

Wieder junge Familien anlocken

Das betreffe vor allem die Frage, wie es in den übrigen fünf Dörfern am Rande des Tagebaus Garzweiler weitergehen solle, die erhalten bleiben. Hier gehe es darum, die Dörfer "zukunftsfähig zu gestalten" und dafür zu sorgen, dass die teilweise schon verwaisten Ortschaften wieder junge Familien anlocken, sagte Sannig. Seinen Angaben zufolge leben in diesen Dörfern, die zwischenzeitlich vom Abriss bedroht waren, aktuell noch rund 260 Menschen.

Klimaaktivisten in Lützerath zeigen sich weiterhin fest entschlossen, den Weiler mit allen Mitteln vor den Braunkohlebaggern zu retten.​ / © Guido Schiefer (epd)
Klimaaktivisten in Lützerath zeigen sich weiterhin fest entschlossen, den Weiler mit allen Mitteln vor den Braunkohlebaggern zu retten.​ / © Guido Schiefer ( epd )

Der 59-jährige Theologe ist nach eigenen Angaben nicht überrascht, dass Lützerath neben dem Hambacher Forst zu einem bundesweiten Symbol des Widerstands von Klimaaktivisten gegen die Braunkohle-Verstromung geworden ist. "Damit habe ich gerechnet", sagte er. Bedauerlich sei, dass mit der Auseinandersetzung vor Ort nun auch extremistischen Kräften eine Bühne bereitet worden sei: "Wir hätten diese Bilder nicht gebraucht."

Expertenrat: Erreichung deutscher Klimaziele für 2030 zweifelhaft

Deutschland droht nach Einschätzung des Expertenrats der Bundesregierung seine Klimaziele für das Jahr 2030 deutlich zu verfehlen. "Im Moment sieht es nicht so aus, als könnten wir die Ziele erreichen", sagte die stellvertretende Vorsitzende Brigitte Knopf am Freitag in Berlin bei der Vorstellung eines Gutachtens zum Stand der deutschen Klimapolitik. "Mit einem "Weiter so" werden wir die Klimaziele für das Jahr 2030 definitiv nicht erreichen", warnte Knopf. Die Bundesrepublik will ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis 2030 um mindestens 65 Prozent senken im Vergleich zum Jahr 1990.

Symbolbild Klimaschutz, CO2-Reduktion / © Animaflora PicsStock (shutterstock)
Symbolbild Klimaschutz, CO2-Reduktion / © Animaflora PicsStock ( shutterstock )
Quelle:
epd