Joseph Ratzinger und die Missbrauchstäter

Eine Chronologie mit Licht und Schatten

Das jüngste Missbrauchsgutachten im Erzbistum München und Freising erschüttert seit Tagen die katholische Kirche. Vor allem die Rolle des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. sorgt weltweit für Aufsehen. Eine Chronologie der Ereignisse.

Gesicht von Benedikt XVI. auf einem Plakat (KNA)
Gesicht von Benedikt XVI. auf einem Plakat / ( KNA )
Die Brüder Georg (l.) und Joseph Ratzinger (r.) mit ihrem gemeinsamen Freund Rupert Berger  (KNA)
Die Brüder Georg (l.) und Joseph Ratzinger (r.) mit ihrem gemeinsamen Freund Rupert Berger / ( KNA )

März 1977: Der Theologieprofessor Joseph Ratzinger wird zum Erzbischof von München und Freising ernannt, am 27. Juni wird er Kardinal.

1979: Erste dokumentierte Missbrauchstat des Priesters Peter H. im Bistum Essen.

Januar 1980: Das Münchner Erzbistum nimmt H. auf; er durchläuft dort eine Psychotherapie und wird in der Seelsorge eingesetzt.

November 1981: Kardinal Ratzinger wird zum Präfekten der Glaubenskongregation in Rom ernannt, sein Nachfolger in München wird Kardinal Friedrich Wetter.

1983: Das neue weltweite Kirchenrecht tritt nach langen Vorarbeiten in Kraft. Es sieht bei sexuellen Verfehlungen mit Minderjährigen "gerechte Strafen" bis zur Entlassung aus dem Klerikerstand vor. Die "Entehrung" von Klerikern gemäß dem Recht von 1917 wird abgeschafft, der Rechtsschutz für mutmaßliche Täter gestärkt.

1985: Erste Häufung von Medienberichten über Fälle sexuellen Missbrauchs in Nordamerika.

Papst Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger (KNA)
Papst Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger / ( KNA )

Juni 1986: Nach einer Strafanzeige wird H. vom Amtsgericht Ebersberg wegen Kindesmissbrauchs zu 18 Monaten auf Bewährung und 4.000 DM Strafzahlung verurteilt und in ein Seniorenheim versetzt.

Oktober 1987: Kardinal Wetter ernennt H. zum Pfarrer in Garching an der Alz.

1999: Kardinal Ratzinger beginnt eine Untersuchung gegen den mexikanischen Ordensgründer der "Legionäre Christi" und vielfachen Missbrauchstäter Marcial Maciel.

April/Mai 2001: Durch das Gesetz "Sacramentorum sanctitatis tutela" von Johannes Paul II. und den Brief "De delictis gravioribus" von Kardinal Ratzinger wird im Vatikan ein Gerichtshof für Missbrauchsfälle eingerichtet. Die Glaubenskongregation erhält die Zuständigkeit für alle Missbrauchsfälle, die Verjährungsfrist wird verlängert. Seither wurden etwa 3.000 Priester nach Rom gemeldet, die meisten wurden aus dem Klerikerstand entfernt.

2002: Nach Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle in Boston beschließt die US-Bischofskonferenz strenge Richtlinien, darunter eine Verlängerung der Verjährungsfrist und die automatische Entlassung der Täter aus dem Klerikerstand.

April 2005: Ratzinger wird Papst Benedikt XVI.

Joseph Kardinal Ratzinger wurde am 19. April 2005 vom Konklave zum neuen Papst Benedikt XVI. gewählt (KNA)
Joseph Kardinal Ratzinger wurde am 19. April 2005 vom Konklave zum neuen Papst Benedikt XVI. gewählt / ( KNA )

2006: Benedikt XVI. ordnet an, dass sich der notorische Missbrauchstäter Maciel zu einem Leben in Buße zurückziehen muss.

Februar 2008: Kardinal Marx gibt ein forensisch-psychiatrisches Gutachten in Auftrag. Daraufhin wird H. als Kurseelsorger nach Bad Tölz versetzt.

April 2008: In den USA trifft Benedikt XVI. erstmals Missbrauchsopfer. Der Papst betet mit ihnen und hört ihnen zu. Bei späteren Papstreisen trifft er weitere Opfer.

2010: Benedikt XVI. verlängert die Verjährungsfrist bei Missbrauch abermals. In Deutschland macht Jesuitenpater Klaus Mertes den Missbrauchsskandal am Berliner Canisius-Kolleg öfffentlich, weitere Enthüllungen folgen. Medien berichten erneut über den Fall H. Erst jetzt wird er durch den Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, in den Ruhestand versetzt.

November 2012: Kardinal Marx empfiehlt der Glaubenskongregation, H. auf dem Verwaltungsweg aus dem Priesteramt zu entlassen. Rom will jedoch ein anderes Verfahren.

2013: Benedikt XVI. tritt zurück, neuer Papst wird Franziskus. Dieser erhält von seinem Vorgänger einen Untersuchungsbericht zu Skandalen im Vatikan, zusammengestellt von drei alten Kardinälen. Der Bericht wird nie publiziert.

9. Mai 2016: Strafdekret des Münchner Kirchengerichts gegen H., unterzeichnet von Offizial Lorenz Wolf und im Folgejahr bestätigt vom Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller.

Ex-Kardinal Theodore E. McCarrick / © Bob Roller (KNA)
Ex-Kardinal Theodore E. McCarrick / © Bob Roller ( KNA )

2018: Der frühere Washingtoner Kardinal Theodore McCarrick legt nach Missbrauchsvorwürfen seine Titel nieder, 2019 wird er aus dem Priesterstand entfernt.

Februar 2019: Im Vatikan findet ein viertägiger Anti-Missbrauchsgipfel statt.

11. April 2019: Benedikt XVI. schreibt einen langen Text über den "Skandal des sexuellen Missbrauchs". Darin sieht er den Verfall der Morallehre - auch als Folge der "Revolution von 1968"- und die zunehmende Gottlosigkeit als Hauptursachen der Missbrauchskrise.

Mai 2019: Mit dem Gesetz "Vos estis lux mundi" verpflichtet Franziskus alle Geistlichen, Verdachtsfälle von Missbrauch zu melden. Bischöfe, die Ermittlungen vertuscht, unterlassen oder verschleppt haben, können nun dafür bestraft werden - was in der Folge mehrere Male geschieht. Kirchliche Stellen werden verpflichtet, staatliche Ermittler zu unterstützen.

Papst Benedikt reist zurück in den Vatikan  / © Sven Hoppe (dpa)
Papst Benedikt reist zurück in den Vatikan / © Sven Hoppe ( dpa )

Dezember 2021: Der frühere Papst Benedikt XVI. beantwortet die Fragen der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) zu seinem vier Jahrzehnte zurückliegenden Umgang mit Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising schriftlich auf 82 Seiten.

20. Januar 2022: Das Münchner Missbrauchsgutachten bescheinigt Joseph Ratzinger in vier Fällen zwischen 1977 und 1982 Führungsversagen im Umgang mit Missbrauchstätern sowie fehlende Sorge für die Geschädigten. Im Fall H. hat Ratzinger aus Sicht der Gutachter offenbar falsche Angaben gemacht, zumindest zu seiner Teilnahme an einer Sitzung im Januar 1980.

24. Januar 2022: Benedikt XVI. räumt ein, dass er am 15. Januar 1980 doch an der Sitzung teilgenommen hat, bei der die Aufnahme des Priesters H. nach München beschlossen wurde. Zugleich betont er, dass in dieser Sitzung über einen seelsorgerlichen Einsatz des Priesters nicht entschieden wurde.

Autor/in:
Christiane Laudage und Simon Kajan
Quelle:
KNA