Josef Schuster über mögliche dritte Amtszeit und Homolka

Vorwurf der Kampagne "absurd"

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, strebt eine dritte Amtszeit an. Ob er für weitere vier Jahre wiedergewählt wird, entscheidet sich am Sonntag bei der Ratsversammlung in Frankfurt am Main.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland / © Frank Rumpenhorst (dpa)
Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland / © Frank Rumpenhorst ( dpa )

KNA: Herr Schuster, wie fällt Ihre persönliche Bilanz Ihrer noch laufenden zweiten Amtszeit aus?

Schuster: Ich bin zufrieden. Es geht mir, bei allem was leider im Bereich Antisemitismus immer noch passiert, stets darum, jüdisches Leben in Deutschland zu schützen und zu fördern, sichtbarer zu machen und damit einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung zu leisten. Das Wichtigste in dieser Hinsicht war daher sicherlich die Grundsteinlegung für die Jüdische Akademie in Frankfurt am Main vor gut einem Jahr. Das Projekt hatte eine lange Vorlaufzeit. Die Eröffnung der Akademie ist für Frühjahr 2024 geplant. Es geht darum, dort aktuelle Themen, Kultur und Tradition innerjüdisch und auch mit der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft zu diskutieren.

KNA: Und welche Herausforderungen sehen Sie?

Schuster: Erschreckend ist die Zunahme eines offenen Antisemitismus innerhalb der vergangenen vier Jahre. Dazu zählen der Anschlag auf die Synagoge in Halle und zahlreiche Übergriffe auf Jüdinnen und Juden. 2022 zeigte sich dieser unverhohlene Antisemitismus in der documenta. Die Reaktionen von politisch Verantwortlichen waren für mich teilweise völlig unverständlich. Das, was wir dort erlebt haben, habe ich mir in meinen schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen können. Das zeigt, dass Judenhass in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Auch den Anstieg judenfeindlicher Straftaten halte ich für besorgniserregend.

KNA: Wie sehen Sie Ihre Rolle? Kann das Amt des Zentralratspräsidenten jemals ein "normales" werden?

Schuster: Ich würde es mir wünschen, aber ich glaube nicht, dass dies in absehbarer Zeit geschehen wird.

KNA: Sollten Sie in eine dritte Amtszeit gewählt werden: Worum muss sich der Zentralrat unter anderem kümmern?

Schuster: Wir möchten die Gemeinden stärken. Aus demografischen Gründen nehmen die Mitgliederzahlen ab. Vor allem für Familien und Jüngere sollten die Gemeinden Anlaufstellen und Begegnungsorte sein.

Um die Gemeinden zu unterstützen, haben wir im Zentralrat ein Gemeindecoaching auf den Weg gebracht.

KNA: Wie kann Menschen angesichts von hohen Energiepreisen und Inflation geholfen werden? Von Altersarmut sind etwa Holocaust-Überlebende und Zuwanderer betroffen.

Schuster: Wir waren mit den vorherigen Bundesregierungen und sind auch mit dieser Bundesregierung deswegen im Gespräch. Die Betroffenen werden zum "Spielball" der Politik, da sich Bund und Länder nicht über die Finanzierung des Härtefallfonds einigen können. Auch die jetzt geschaffene Lösung einer Stiftung des Bundes, bei der die Beteiligung der Länder noch nicht geklärt ist, ist kein guter Zustand. Die Unterstützung fällt viel zu gering aus. Ich bleibe dabei, dass jeder Betroffene mindestens 10.000 Euro erhalten sollte.

In einzelnen Extremfällen von Mittellosigkeit kann eine Gemeinde oder ein Landesverband helfen oder kommunale Hilfen vermitteln.

Prinzipiell bedarf es jedoch einer angemessenen Lösung seitens der politisch Verantwortlichen.

KNA: Ein Thema, das die jüdische Gemeinschaft in Unruhe versetzt, sind Vorwürfe zu Machtmissbrauch rund um das Abraham-Geiger-Kolleg, an dem liberale Rabbinerinnen und Rabbiner ausgebildet werden.

Kolleggründer Walter Homolka bestreitet die Vorwürfe. Wie beurteilt der Zentralrat die Untersuchung der Universität Potsdam, die "Vorwürfe des Machtmissbrauchs" bestätigt, nicht aber "Vorwürfe der Duldung sexuell belästigenden Verhaltens seitens seines Lebenspartners"?

Schuster: Zu der Untersuchung kann ich mich deshalb nicht äußern, weil der Zentralrat die Kanzlei Gercke Wollschläger mit einer unabhängigen Untersuchung der Vorwürfe beauftragt hat. Ein Gutachten als Ergebnis dieser Untersuchung soll gegen Ende des Jahres vorliegen. Heute verfügen wir über noch keine Erkenntnisse aus der Untersuchung. Dabei ist zu betonen, dass diese Untersuchung unter ausdrücklicher Zustimmung aller Institutionen, die untersucht werden, erfolgte.

KNA: Warum hat der Zentralrat das Gutachten in Auftrag gegeben?

Schuster: Der Zentralrat ist der größte Mittelgeber des Kollegs. Wenn dort nun der Vorwurf des Machtmissbrauchs im Raum steht, muss das aufgeklärt werden. Rabbiner Homolka hat seinerseits von einer Kampagne gegen das liberale Judentum gesprochen. Bei allem Respekt für die Verdienste von Rabbiner Homolka ist das meiner Meinung nach eine absurde Behauptung. Mir persönlich und uns allen ist die liberale Rabbinerausbildung am Kolleg außerordentlich wichtig. Und es geht jetzt darum, sie zu erhalten.

KNA: Haben Sie Einblick in das vom Zentralrat in Auftrag gegebene Gutachten?

Schuster: Die Vereinbarung im Rahmen des Auftrags war von Anfang an, dass die Kanzlei die Untersuchung vollständig unabhängig und selbstständig durchführt und auch wir vor Abschluss der Untersuchung keine Informationen über den Inhalt der Untersuchung erhalten.

KNA: Es gibt auch einen Streit zwischen dem Zentralrat und der Union progressiver Juden (UpJ) über die Verteilung staatlicher Zuschüsse und die Ermittlung des Bedarfs. Bei der UpJ ist Rabbiner Homolka Vorstandsvorsitzender, lässt aber derzeit auch dieses Amt ruhen.

Schuster: Der Zentralrat der Juden in Deutschland fördert als Dachverband des Judentums in Deutschland alle Strömungen gleichberechtigt. Man hat die Möglichkeit, im Vorfeld der Haushaltsberatungen beim Zentralrat einen Antrag auf eine Erhöhung der Zuwendungen zu stellen. Das ist von der UpJ nicht geschehen.

Streit würde ich das also nicht nennen.

KNA: Aktuell liegt der staatliche Zuschuss für den Zentralrat bei 13 Millionen Euro. Die Ampelfraktionen haben mitgeteilt, dass der Zuschuss auf 22 Millionen Euro erhöht werden soll.

Schuster: Das wäre ein sehr erfreuliches Zeichen für uns und für die jüdische Gemeinschaft als Ganzes. Bei der von uns erbetenen Erhöhung des Betrages spielt auch die Jüdische Akademie eine große Rolle. Die Akademie wird mit ihrer Arbeit das Judentum in Deutschland insgesamt stärken, also alle Strömungen.

KNA: Ist für die UpJ auch eine Erhöhung der Mittel angedacht?

Schuster: Ja.

KNA: Ein weiteres Thema ist aktuell die Rolle und die Übernahme hoher Ämter von Konvertitinnen und Konvertiten im Judentum.

Schuster: Im vergangenen Jahr gab es 43 liberale und orthodoxe Übertritte. Es geht also um eine sehr geringe Zahl. Viel wichtiger sind mir in dieser Debatte Menschen, die einen jüdischen Vater haben, aber keine jüdische Mutter und damit nach dem Religionsgesetz keine Juden sind. Unsere Rabbinatsgerichte sollten ihnen den Übertritt erleichtern.

KNA: Blicken wir zum Schluss auf den Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen.

Schuster: Es gibt institutionalisierte Formate, aber auch unabhängig davon vielerorts enge Kontakte der christlichen Kirchen zu jüdischen Gemeinden. Jüdisch-muslimischer Dialog ist institutionell schwierig, und zwar schon deshalb, weil es auf muslimischer Seite verschiedene Ansprechpartner gibt. Wir versuchen als Zentralrat, mit unserer Denkfabrik "Schalom Aleikum" daher Formate zu entwickeln, die mehr über gemeinsame Erfahrungen funktionieren. Wir wollen analytischer agieren und zugleich den gesellschaftlichen Dialog verstärken.

Das Interview führte Leticia Witte.

Die Vorsitzenden und Präsidenten des Zentralrats der Juden

Seit seiner Gründung vor 72 Jahren am 19. Juli 1950 hat der Zentralrat der Juden in Deutschland bislang acht verschiedene Vorsitzende beziehungsweise Präsidenten gehabt. In den ersten Jahren leitete ein aus vier Personen bestehendes Direktorium den Zentralrat. Es folgten die Vorsitzenden oder Präsidenten:

 

Heinz Galinski: 1. Amtszeit von 1954 bis 1963

Herbert Lewin: 1963 bis 1969

Werner Nachmann: 1969 bis 1988

Heinz Galinski: 2. Amtszeit von 1988 bis 1992

Ignatz Bubis: 1992 bis 1999

Paul Spiegel: 2000 bis 2006

Charlotte Knobloch / © Dieter Mayr (KNA)
Charlotte Knobloch / © Dieter Mayr ( KNA )

 

Quelle:
KNA