Bevölkerungswachstum in Deutschland verlangsamt sich

Jetzt 83,2 Millionen Einwohner

Deutschlands Einwohnerzahl klettert auf immer neue Rekordwerte. Allerdings flacht das Wachstum ab: Ein Zuwachs von rund 200.000 bedeutet die geringste Bevölkerungszunahme seit 2013. Langfristige Prognosen bleiben schwierig.

 (DR)

Deutschlands Einwohnerzahl klettert Jahr für Jahr auf neue Rekordwerte. Weder im Kaiserreich noch während der Nazizeit lebten mehr Menschen im Land. Wie das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mitteilte, wuchs die Einwohnerzahl 2019 nach einer vorläufigen Schätzung auf 83,2 Millionen.

"Deutschland schrumpft. Irgendwann", so hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung die Entwicklung kommentiert. In den drei Jahrzehnten seit der deutschen Vereinigung ist die Bevölkerung beinahe in jedem Jahr gewachsen - mit Ausnahme der Jahre 1998 sowie 2003 bis 2010. Dieses Plus ist nach Angaben der Statistiker allerdings ausschließlich auf die Zuwanderung zurückzuführen.

Anhaltendes Geburtendefizit

Ansonsten würde die Bevölkerung bereits seit 1972 schrumpfen - seither starben jedes Jahr mehr Menschen als geboren wurden. 2019 wanderten zwischen 300.000 bis 350.000 mehr Menschen zu als ab.

Dabei wird das Plus allerdings im vierten Jahr in Folge kleiner. 2015 hatte die Nettozuwanderung extrem stark zugenommen; jetzt ist sie wieder auf das Niveau von 2012 abgesunken.

Gleichzeitig verzeichnet die Bundesrepublik ein anhaltendes Geburtendefizit: Für 2019 ist mit 770.000 bis 790.000 Geborenen und 920.000 bis 940.000 Gestorbenen zu rechnen. Daraus ergibt sich ein Geburtendefizit von 130.000 bis 170.000. Im Jahr 2018 hatte das Geburtendefizit 167.400 betragen.

Für die kommenden Jahre erwarten die Demografen, dass die Zahl der Gestorbenen - trotz steigender Lebenserwartung - weiter zunehmen wird, da die zahlenmäßig starken Jahrgänge der Babyboom-Generation ins hohe Alter hineinwachsen. Zugleich wird die Anzahl potenzieller Mütter in den nächsten 20 Jahren voraussichtlich zurückgehen, da die schwach besetzten 1990er Jahrgänge in die gebärfähige Altersphase kommen.

Längerfristige Prognosen über die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland sind schwierig. Konflikte im Nahen Osten oder mögliche weitere Krisen in Nordafrika könnten für weitere Massenzuwanderung sorgen. In ihren Langfristprognosen rechnen die Statistiker allerdings nicht mit solch großen Krisen, sondern einer durchschnittlichen Entwicklung.

Auf dieser Basis hatten die Bevölkerungsforscher 2016 erklärt, dass die Zuwanderung vermutlich nur sehr eingeschränkte Auswirkungen auf die langfristige Bevölkerungsentwicklung haben werde. Noch viel stärker gilt das für die Geburtenrate, die zuletzt gering angestiegen war.

Medianalter steigt immer weiter

Ein Bevölkerungsrückgang sei auf lange Sicht wegen der ins Rentenalter kommenden geburtenstarken Jahrgänge unvermeidbar, so die Bevölkerungsforscher. Das sogenannte Medianalter, das die Bevölkerung in zwei gleich große Gruppen unterteilt, ist mittlerweile auf 45,8 Jahre geklettert. Vor über einem Jahrhundert (1910) lag der Wert noch bei 23,6 Jahren.

"Die Zahl der Gestorbenen wird die Zahl der Geborenen immer stärker übersteigen. Diese Lücke kann nicht auf Dauer durch den positiven Saldo aus Zuzügen nach und Fortzügen aus Deutschland geschlossen werden", unterstrich etwa 2015 der damals amtierende Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, in einer Langfristprognose. Der demografische Rahmen verschiebe sich in bisher nicht gekannter Art und Weise.

Je nach angenommener Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und Nettozuwanderung wird die Bevölkerungszahl mindestens bis 2024 zunehmen und spätestens ab 2040 zurückgehen. Im Jahr 2060 wird sie voraussichtlich zwischen 74 und 83 Millionen liegen.

Besonders stark wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 66 Jahren schrumpfen: Bis 2035 erwarten die Wissenschaftler einen Rückgang um rund 4 bis 6 Millionen auf 45,8 bis 47,4 Millionen.

Anschließend wird sie sich zunächst stabilisieren und danach bis zum Jahr 2060 je nach der Höhe der Nettozuwanderung auf 40 bis 46 Millionen sinken. Ohne Nettozuwanderung würde sich die Bevölkerung im Erwerbsalter bereits bis 2035 um rund 9 Millionen Menschen verringern.

Autor/in:
Christoph Arens
Quelle:
KNA