Jeder dritte Katholik wird nicht mehr katholisch bestattet

Bedeutung von Riten verändert sich

In den Riten als Ausdruck der persönlichen Identität anstatt der Zugehörigkeit sieht der Soziologe Michael N. Ebertz einen Grund für weniger kirchliche Bestattungen. Trauerredner ließen sich darauf oft besser ein.

Autor/in:
Niklas Hesselmann
Symbolbild Engel auf einem Friedhof / © Lima_84 (shutterstock)
Symbolbild Engel auf einem Friedhof / © Lima_84 ( shutterstock )

Wer sich die Zahlen der aktuellen Kirchenstatistik genau anschaut, stellt fest, dass die angegeben Daten den Mitgliederrückgang um rund 550.000 Menschen nicht vollends entschlüsseln. Nach Gegenrechnung von Austritten und Bestattungen auf der einen sowie Taufen, Eintritte und Wiederaufnahmen auf der anderen Seite bleibt eine Lücke von rund 156.000 Menschen.

Zwei Größen, die diese Lücke erklären könnten, erfasst die Statistik nicht: Abwanderung ins Ausland und Sterbefälle ohne katholische Bestattung. Zu Abwanderungen ins Ausland kann die Bischofskonferenz auf Nachfrage keine konkreten Angaben machen, wohl aber zur Zahl der Sterbefälle. Diese liegt jedoch bislang nur für 2024 vor - und zeigt: Jeder dritte gestorbene Katholik wird nicht katholisch bestattet.

"Mitunter wird Wille des Verstorbenen nicht berücksichtigt"

Die Kirchenstatistik für 2024 zählt 213.046 Bestattungen, der Bischofskonferenz liegen Daten aus dem Meldewesen vor, nach denen im selben Jahr 319.480 Katholiken gestorben sind. "Die Zahl der Verstorbenen liegt also höher als die Zahl der kirchlichen Bestattungen", heißt es dazu nüchtern.

Der Bestatter Wilhelm Becker legt im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) dabei Wert auf eine genaue Formulierung: Lassen sich die Menschen nicht katholisch bestatten oder werden sie nicht katholisch bestattet? 

Symbolbild Trauernde auf dem Friedhof / © Rawpixel.com (shutterstock)
Symbolbild Trauernde auf dem Friedhof / © Rawpixel.com ( shutterstock )

Er sieht oft eher letzteren Fall, wenn Angehörige keinen kirchlichen Bezug haben und sich daher gegen eine kirchliche Bestattung aussprechen, auch wenn der Verstorbene eine Kirchenbindung hatte. Mitunter werde dabei auch der Wille des Verstorbenen nicht berücksichtigt. Andersherum gebe es auch Fälle, in denen der Verstorbene trotz Mitgliedschaft ganz bewusst keine kirchliche Bestattung wünsche. Jeder Fall müsse einzeln beleuchtet werden, so Becker.

Soziologe: Kirchen nicht als Option im Kopf

Für den Religionssoziologen Michael N. Ebertz ist die hohe Zahl nicht-kirchlicher Bestattungen von Kirchenmitgliedern keine Überraschung. Er liefert der KNA dafür gleich mehrere mögliche Erklärungen. 

Zuerst nennt er die fehlende kirchliche Bindung von Verstorbenen und Angehörigen. Naheliegend sei dann der Kontakt zum Beerdigungsunternehmen, das freie Trauerredner vermittele. Priester, Diakone und andere kirchlich Verantwortliche seien mitunter nicht einmal als Option im Kopf.

Wilhelm Becker

"Ich weiß um den Trost und die Perspektive, wenn katholisch beerdigt wird - wir feiern ja Wiederauferstehung"

Bestatter Becker sieht seine Zunft in der Pflicht. Ob sich kirchenferne Angehörige für eine kirchliche Bestattung entscheiden, hänge auch vom Wirken des Bestatters ab. "Ich weiß um den Trost und die Perspektive, wenn katholisch beerdigt wird - wir feiern ja Wiederauferstehung", sagt Becker. So könne er den Angehörigen die Möglichkeit aufzeigen, "katholisch aufgehoben" zu sein.

Rituale heute Ausdruck persönlicher Identität

Soziologe Ebertz verweist hingegen auf vermehrt positive Erfahrungen mit freien Trauerbegleitern, die sich etwa umfangreicher als bei einem klassischen Trauergespräch mit den Angehörigen treffen und eine individualisierte Feier vorbereiten. Das wecke den Wunsch nach ähnlichen Angeboten. 

"Kirchliche Beerdigungen werden oft nicht den gesellschaftlichen Erwartungen der Ritualgestaltung gerecht", analysiert Ebertz. Nichtkirchliche Trauerfeiern würden daher oft als qualitativ besser wahrgenommen.

Grund dafür sei auch, dass sich die Bedeutung von Ritualen und Riten in der Gesellschaft völlig gewandelt habe. "Früher waren sie Ausdruck soziokultureller Zugehörigkeit", so der Soziologe. Heute seien sie Ausdruck der persönlichen Identität: "Sie markieren das singuläre Ereignis." 

Symbolbild Ein Sarg in einem Leichenwagen / © SimonTheSorcerer (shutterstock)
Symbolbild Ein Sarg in einem Leichenwagen / © SimonTheSorcerer ( shutterstock )

Auf solche kreativen Ansprüche an die ästhetische Gestaltung ließen sich die "freien Ritendesigner" oft besser ein als die Kirche, der rituelle und dogmatische Vorgaben wichtige Anliegen sind. Doch Menschen möchten sich nicht mehr zwingend "mit dem Ritual in einen eindeutigen Traditionszusammenhang stellen", zumal die Sinngebung des Todes sich bei vielen Kirchenmitgliedern gewandelt habe: "Der Tod ist ihnen selbst zum Erlöser geworden, der keiner Erlösung mehr bedarf."

Becker hingegen sieht gerade im Todesfall und in der Trauer nach wie vor die Kirche am Zug. Sich um Trauernde zu kümmern, sei in der Gesellschaft noch immer ein Thema, dessen sich nur wenige gerne annehmen. "Da liegt die wahre Chance der Kirche" - möglicherweise auch, Menschen neu an sich zu binden.

Bestattungen in Deutschland

Es gibt zu den Bestattungsarten in Deutschland keine repräsentative Statistiken und Umfragen. Nach vorsichtigen Schätzungen des Bundesverbands Deutscher Bestatter liegt der Anteil von Feuerbestattungen bei etwa 58 Prozent im Jahr. Besonders nachgefragt sind Feuerbestattungen in Nord- und Ostdeutschland, aber auch in den eher katholisch geprägten Regionen nimmt der Trend zur Urne zu. Einzelne Bestatter in Norddeutschland berichten in ihrem Einzugsgebiet von einem Anteil der Feuerbestattung von über 80 Prozent. (DR/dpa)

Symbolbild: Schneebedeckter Grabstein auf einem Friedhof / © Adam J Hague (shutterstock)
Symbolbild: Schneebedeckter Grabstein auf einem Friedhof / © Adam J Hague ( shutterstock )
Quelle:
KNA