Ist die Bekenntnisschule ein Auslaufmodell?

"Für die Vielfalt unseres Lebens"

​​​​​​​"Bekenntnisschulen" sind in der Landesverfassung verankert, geraten aber zunehmend in die Kritik. Dabei seien sie wichtig für die Pluralität in der Gesellschaft, betont die Expertin Andrea Gersch aus dem Erzbistum Köln.

Schüler recken den Arm im Unterricht / © Sunflower Light Pro (shutterstock)
Schüler recken den Arm im Unterricht / © Sunflower Light Pro ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Vor einer Woche beschrieb der Kölner Stadtanzeiger die Bekenntnisschule so: Die Kirche gibt die Regeln vor, der Staat bezahlt. Lässt sich das so zusammenfassen?

Andrea Gersch (EBK)
Andrea Gersch / ( EBK )

Andrea Gersch: (Abteilung Schule und Hochschule des Erzbischöflichen Generalvikariats in Köln): Das ist nicht der Fall. Die Bekenntnisschule ist eine öffentliche Schule, die sich in Trägerschaft der Kommune befindet. Insofern hat die katholische Kirche überhaupt keine Bezugspunkte zu diesen Schulen.

Es ist wirklich so, dass die Bekenntnisschule eine so genannte staatliche Schule ist. Insofern brauchen keine Gedanken daran verschwendet zu werden, dass die Kirche Einfluss nimmt. Das ist schlicht nicht möglich. 

DOMRADIO.DE: Aber was macht denn dann das "Katholische" an dieser Bekenntnisschule aus, wenn die Kirche überhaupt nicht mitspricht?

Gersch: Die Mütter und Väter unserer Landesverfassung haben nach dem Unrechtsregime der Nazis damals entschieden, es sei gut, wenn wir neben einer Regelschule, der Gemeinschaftsgrundschule, auch ein Angebot haben für katholische oder evangelische Christen oder Eltern, die vielleicht nicht christlich sind, eine solche Erziehung aber für ihr Kind wünschen. Das ist der Hintergrund dafür, dass wir diese Schulart haben, die heute nach wie vor sehr gerne von Eltern in Anspruch genommen wird.

Wir haben eine große Pluralität in NRW - es gibt Kitas jeglicher Couleur, es gibt weiterführende Schulen in vielen Variationen. Da stellt sich schon die Frage, gerade auch an diejenigen, die ein Interesse daran haben, die Bekenntnisschule in ihrem Bestand anzuzweifeln: Wie ist es denn mit der Pluralität im Grundschulbereich bestellt? Soll es da eine Einheitsschule geben? Das hört sich für mich an vielen Stellen jetzt so an.

Die katholischen und evangelischen Bekenntnisschulen sind ausdrücklich Angebotsschulen, die den Kindern offenstehen, die dieses Bekenntnis haben, aber auch ganz, ganz vielen anderen, die eben diese Erziehung für ihr Kind wünschen. Sie können konfessionslos sein, sie können eine andere Religion haben, ein anderes Bekenntnis. Diese Schulen sind wirklich offen für Eltern, die dies für ihr Kind wünschen. Und im Übrigen - das wird auch oft missverstanden - gibt es keine einzige Schule in NRW, die ausschließlich Kinder des Bekenntnisses hat. Bezogen auf das Erzbistum Köln haben die meisten katholischen Bekenntnisschulen zwischen 30 und 40 Prozent katholischer Kinder. 

Andrea Gersch

"Unser Gemeinwesen, also die Gemeinschaft der Menschen in unserem Bundesland, wird ja in ihren vielfältigen Ausprägungen von allen finanziert. Ich kann hier nicht das eine gegen das andere ausspielen."

DOMRADIO.DE: Aber wie sieht es denn mit den Finanzen aus? Der Staat zahlt ja für diese Schulen und die Kirche nicht. 

Gersch: So ist es. Die Kirche ist ja weder Träger noch in einer anderen Art und Weise dort involviert. Grundsätzlich muss man sich aber einfach überlegen: Unser Gemeinwesen, also die Gemeinschaft der Menschen in unserem Bundesland, wird ja in ihren vielfältigen Ausprägungen von allen finanziert.

Ich kann hier nicht das eine gegen das andere ausspielen. Ich kann nicht die Finanzierung des Sports aufgeben und sagen, das müsse alles für die Oper verwendet werden. Wir zahlen alle dafür, dass zum Beispiel Polizeieinsätze bei Fußballspielen stattfinden können. Egal, ob ich jemals in ein Fußballstadion gehe.

Es geht doch letztlich darum, dass wir eine Weite und eine Breite befürworten - eine Pluralität, die für eine Vielfalt unseres Lebens in diesem Bundesland steht. Und ich sehe wirklich nicht, warum jetzt an so einer Stelle - zumal die Bildung unserer Kindern betreffend - etwas abgeschnitten werden soll. 

DOMRADIO.DE: Was aber genau ist denn der Unterschied im Schulbetrieb - also beim Unterricht oder bei Schulveranstaltungen – zwischen einer Bekenntnisschule und einer Gemeinschaftsschule?

Gersch: Da geht es um mehr als um zwei Stunden Religionsunterricht pro Woche. Es geht um Erziehung und Unterrichtung im Bekenntnis. An katholischen Grundschulen ist quasi die religiöse Bildung der rote Faden - im Schulleben, im Alltag.

Diese Schule möchte einen verlässlichen Rahmen bieten, möchte Rituale pflegen, die Sinn und Ziel haben. Sie möchte die Möglichkeit geben, dass christliche Feste gefeiert werden können. Weihnachten oder auch Sankt Martin etwa dürfen so gefeiert werden, wie der Sinn dieser Feste es vorgibt, genauso wie auch ein Erntedankfest. All das darf seinen Platz haben, ohne dass Eltern das ablehnen können. 

Andrea Gersch

"Werte werden da gelernt, wo sie vorgelebt werden oder wo das Miteinander der Kinder eingeübt wird auf der Grundlage des Gebots der christlichen Nächstenliebe."

DOMRADIO.DE: Dafür sorgt dann aber die Kommune als Trägerin dieser Schule und nicht die Kirche. Unsere Gesellschaft wird ja immer säkularisierter. Immer weniger Leute wissen mit den Festen, die sie aufgeführt haben, etwas anzufangen. Wie will man denn als Kommune sicherstellen, dass diese Feste dann auch wirklich mit dem ursprünglichen Inhalt gefeiert werden können? Wie will man diese katholische oder evangelische Qualität bei einer Bekenntnisschule gewährleisten? 

Gersch: Für die Kommune ist das natürlich in dem Sinne nicht möglich. Dafür ist die Schulaufsicht des Landes zuständig. Eigentlich ist das alles aber grundgelegt in der Verfasstheit dieser Schule, die ja im Gesetz definiert ist. Der Bekenntnisschule ist aufgegeben, dass sie Kinder erziehen und bilden soll im katholischen oder evangelischen Bekenntnis. Das hängt natürlich sehr stark an den handelnden Personen. Insbesondere Schulleitungen spielen da die zentrale Rolle.

Ich denke, wer pädagogische Erfahrungen sammeln konnte, der weiß, wie wichtig Vorbildfunktion ist. Werte werden da gelernt, wo sie vorgelebt werden oder wo das Miteinander der Kinder eingeübt wird auf der Grundlage des Gebots der christlichen Nächstenliebe.

Das ist etwas, was Kinder mitnehmen können und was sie wirklich auch bildet, in dem Sinne, dass sie zu verantwortungsvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft werden können. 

DOMRADIO.DE: Bildung ist Landesaufgabe. Aber die einzigen Bundesländer, die solche Bekenntnisschulen noch betreiben sind NRW und Niedersachsen. Das ist in der Verfassung grundgelegt. Warum nicht auch im sonst so katholischen Bayern?

Gersch: Wenn die Schulen in Bayern Gemeinschaftsschulen heißen, wird meistens allgemein gefolgert, dass das identisch sei mit unseren Gemeinschaftsgrundschulen. Das ist jedoch nicht der Fall, wenn man mal das Kleingedruckte liest. Denn es ist ausdrücklich so, dass in Bayern das Bekenntnis innerhalb der Schule eine wichtige Rolle spielen soll. Das hört man nicht am Namen, aber wenn man näher hinschaut, ist das klar benannt.

Andrea Gersch

"Wir haben wirklich eine Pluralität in unserer Gesellschaft, und die darf sich auch abbilden. Dazu gehören auch die christlichen Kinder, die christlichen Familien."

DOMRADIO.DE: Auch hier im Erzbistum Köln gibt es immer wieder den Fall, dass Eltern Bekenntnisschulen in Gemeinschaftsschulen umwandeln wollen, etwa aktuell in Düsseldorf. Vor einer Woche berichtete auch der Stadtanzeiger darüber. Das scheint ja einerseits doch verständlich, weil vielleicht immer weniger Eltern etwas mit dem mit dem katholischen Glauben anfangen können. Stehen Sie mit diesen Eltern im Gespräch und wissen etwas über die entsprechenden Motivationen, weshalb es immer wieder zu solchen Forderungen kommt? 

Gersch: Es ist völlig richtig, dass sich natürlich die Situation wandelt. Gleichzeitig ist aber festzustellen, dass der Anteil der katholischen Bekenntnisschulen beispielsweise im Erzbistum Köln bei etwa 26 Prozent der Grundschulen liegt. Und 29 Prozent der Kinder sind katholisch. Wenn man das also in Relation setzt, ist das durchaus angemessen.

Zudem möchte ich betonen: Wir haben wirklich eine Pluralität in unserer Gesellschaft, und die darf sich auch abbilden. Dazu gehören auch die christlichen Kinder, die christlichen Familien. Die dürfen auch ihren Platz haben, genauso wie Humanisten oder Menschen anderen Glaubens, die sich einbringen können.

So ist ja unser Staat gedacht: Alle sind aufgefordert, ihren Glauben oder ihre Überzeugung zu leben und damit unsere Gesellschaft zu gestalten. Und das tun Christen. Sie tun es eben in diesen Schularten, über die wir gerade sprechen. Sie tun es auch an anderen Orten, auch in der Caritas, in der Diakonie. Sie gehen dahin, wo Menschen gebraucht werden. Und das ist ein wichtiger Teil unserer Gesamtgesellschaft. Erwähnt sei noch ein Aspekt: Es gibt auch viele Muslime, die sagen: Ich möchte mein Kind lieber auf eine katholische Bekenntnisschule schicken, weil ich weiß, dass dann zumindest ein Gottesbezug gegeben ist. 

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

Bekenntnisschulen

Bekenntnisschulen sind Schulen in staatlicher Trägerschaft. Sie wurden nach dem Krieg nach damaligen religiösen Proportionen eingerichtet. Heute gibt es sie nur noch in NRW und in Niedersachsen. Wenn es zu Engpässen bei der Aufnahme neuer Schüler kommt, bekommen Schüler mit der entsprechenden Konfession an Bekenntnisschulen in der Regel den Vorzug.

879 katholische Bekenntnisgrundschulen gibt es in NRW (dpa)
879 katholische Bekenntnisgrundschulen gibt es in NRW / ( dpa )
Quelle:
DR