Islamwissenschaftler sieht Kopftuch für Frauen kritisch

Druck ausgesetzt?

Der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi sieht im muslimischen Kopftuch ein Druckmittel gegenüber Frauen. Er respektiere zwar jede Frau, die aus freien Stücken ein Kopftuch trage, doch sehe die Realität in seinen Augen "total anders aus".

Frauen mit Kopftuch / © Oliver Berg (dpa)
Frauen mit Kopftuch / © Oliver Berg ( dpa )

"Denn die Frauen und Mädchen sind einem enormen sozialen Druck ausgesetzt, vor allem in der Fremde, im Ausland", sagte der Freiburger Islamwissenschaftler dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Wenn Frauen kein Kopftuch trügen, würden sie aus der eigenen Gemeinde ausgeschlossen - es komme zu einer völligen Isolierung, kritisierte Ourghi. Es gebe im gesamten Koran keine einzige Passage, die das Kopftuch vorschreibe. "Es ist vielmehr das historische Produkt der männlichen Herrschaft, denn es geht um die Kontrolle über den Körper und den Geist der Frauen." Das Kopftuch habe die Funktion, die männliche Kultur sicherzustellen und zu befriedigen.

Islam brauche Aufklärung

Der Islam brauche dringend ein Zeitalter der Aufklärung, betonte Ourghi. Die Muslime könnten hier von der deutschen Kultur lernen.

Außerdem fehle ihm im Islam ein Konzept der Nächstenliebe wie im Christentum. "Denn Muslime haben eher den Drang, den anderen destruktiv zu behandeln," sagte Ourghi. Aufgabe von Islam-Reformern sei daher, eine "Gnadentheologie" zu entwerfen. "Dabei geht es um einen Gott, der nicht in die Hölle schickt, sondern verzeiht. Gott ist Liebe - das können wir vom Christentum lernen," sagte der Islamwissenschaftler.

Kritik an konservativen Dachverbänden

Kirche und Politik dürfen sich nach Überzeugung von Ourghi nicht zu sehr auf die islamischen Dachverbände verlassen. Diese etablierten Dachverbände seien konservativ und sähen ihre Aufgabe darin, "die hier geborenen Muslime zu re-islamisieren", so Ourghi. Wenn sie etwa Vertreter von Kirchen träfen, sagten sie nur das, was die Kirchen auch gern hören wollten. "Was sie heimlich in ihren Gemeinden predigen - zum Beispiel, dass sie die Inhaber der absoluten Wahrheit sind und alle anderen sind ungläubig - bekommen die Kirche nicht mit."

Ourghi sagte: "Der Islam in seiner konservativen Form, der von den Dachverbänden hier bei uns gepredigt wird, gehört nicht zu Deutschland. Sondern nur ein liberaler Islam, der mit unseren westlichen Werten und unserem Grundgesetz vereinbar ist." Der Islamwissenschaftler prangerte Anfeindungen durch konservative Muslime an. Es sei sehr traurig, dass Islam-Reformer in einem freien Land wie Deutschland auf Personenschützer angewiesen seien. "Dabei lehnen wir den Islam ja nicht plakativ ab, sondern wollen versuchen, den Islam mit den Prinzipien der Vernunft und Aufklärung zu reformieren."

Autor/in:
Christiane Ried und Achim Schmid
Quelle:
epd