Pflegerats-Präsident Wagner fordert klares Signal von Politik

Im Krisenmodus - aber auf einem guten Weg

​Der für diese Woche geplante Deutsche Pflegetag ist abgesagt. Der Vorsitzende des Deutschen Pflegerates, Franz Wagner, zieht trotzdem Bilanz zur Situation der Pflege. Er fordert ein deutliches Signal von der Politik, wie es langfristig weiter geht.

Ausländische Pflegekräfte im Krankenhaus / © Andreas Arnold (dpa)
Ausländische Pflegekräfte im Krankenhaus / © Andreas Arnold ( dpa )

Katholische Nachrichten-Agentur (KNA): Herr Wagner, vor zwei Jahren startete die Konzertierte Aktion Pflege. Vor etwas mehr als einem halben Jahr wurden die Ergebnisse vorgestellt. Ist die Pflege in Deutschland mittlerweile auf einem besseren Gleis?

Franz Wagner (Vorsitzender des Deutschen Pflegerates​): Es wurde ein riesiger Katalog von Maßnahmen beschlossen. Und wir sind bei vielen Themen in der Umsetzungsphase und auf einem guten Weg: Das gilt etwa bei der Personalbemessung, bei der Bezahlung, bei der Modernisierung der Ausbildung oder bei einer veränderten Aufgabenverteilung in den Gesundheitsberufen. Ich habe aber das Gefühl, dass wir uns - nach langen Jahren der Stagnation - noch immer im Krisenmodus befinden und Mängel beseitigen müssen.

KNA: Bei den Pflegekräften hat sich die Stimmung laut Umfrage zwar leicht gebessert, bleibt aber weiterhin trüb. Und das trotz der vielen Reformen. Warum?

Wagner: Die Veränderungen sind vielfach noch gar nicht in der Praxis angekommen. Viele davon treten jetzt erst in Kraft, wie beispielsweise das Pflegebudget im Krankenhaus, oder entfalten in diesem Jahr ihre Wirkung – wie die generalistische Ausbildung. Außerdem sind es oft nur kleine Verbesserungen: Nehmen Sie die versprochenen zusätzlichen 13.000 Stellen in der stationären Altenpflege: Bei mehr als 12.000 Heimen bedeutet das gerade mal eine Stelle pro Einrichtung.

KNA: Was wäre denn nötig, um eine schnelle Verbesserung der Stimmung durchzusetzen?

Wagner: Wir brauchen ein deutliches Signal, dass konkrete und umfassende Verbesserungen bald kommen - etwa bei der Personalbemessung. Wenn dann klar wäre, dass sich Arbeitssituation schnell verbessern würde, dann hätten die Pflegenden die Perspektive, dass ihr Dienstplan bald wieder verlässlich ist, es freie Wochenenden und bessere Bezahlung gibt. Dann hätten wir auch die Chance, dass Pflegende, die ausgestiegen sind oder ihre Stundenzahl reduziert haben, zurückkehren.

KNA: Sie haben mal eine Vision für die Pflege bis 2030 gefordert...

Wagner: Genau. Was mir weiter fehlt, ist ein grundsätzliches Nachdenken über die langfristige Entwicklung. Wo steht die Pflege in 10 bis 15 Jahren? Da sind viele Variablen zu bedenken: Was macht die Demografie, was können Angehörige auf Dauer leisten, welche Entlastungen bringt die Digitalisierung und welche Versorgungsformen bevorzugt die Generation der Babyboomer?

KNA: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will im ersten Halbjahr ein Finanzierungskonzept für die Pflege vorlegen. Was erwarten Sie da?

Wagner: Die Reformen kosten viel Geld. Bessere Bezahlung von Pflegefachpersonen, mehr Leistungen für Pflegebedürftige und stärkere Hilfsangebote für Angehörige - das alles bekommt man nicht umsonst. Bislang hat das sehr stark auf die Eigenanteile der Pflegebedürftigen durchgeschlagen; da ist eine Obergrenze erreicht. Wir werden also sicherlich Steuerzuschüsse und möglicherweise auch Beitragserhöhungen brauchen. Deutschland gibt ja in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich einiger Nachbarländer wenig für Pflege aus. Ich habe auch den Eindruck, dass die Bevölkerung beides akzeptiert - zumindest gab es bei der letzten Beitragsanhebung keine Proteste.

KNA: Als wichtigen Baustein haben Sie die Ausbildungsreform und damit die Verzahnung von Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege bezeichnet. Wie sieht ihre Zwischenbilanz aus?

Wagner: Die Reform ist ja zum ersten Januar in Kraft getreten. Es gibt ganz unterschiedliche Rückmeldungen, aber insgesamt ist die Bilanz positiv. Die meisten Schulen haben sich offenbar gut auf die neuen Lehrpläne eingestellt. Anpassungsschwierigkeiten gibt es bei der Zahl der Praktikumsplätze und bei den Einsatzstellen in der Kinderkrankenpflege. Auch an Pflegelehrern fehlt es. Hier brauchen wir Förderung. Ein Problem ist, dass Studierende in der Pflegeausbildung finanziell benachteiligt sind; sie erhalten, anders als Pflegende, die ihre Ausbildung in den Schulen absolvieren, keine Vergütung. Und können auch in den Semesterferien wegen der vielen Pflichtstunden nichts dazuverdienen.

KNA: Ihnen geht es auch um ein attraktiveres Berufsbild und eine andere Aufgabenverteilung bei den Gesundheitsberufen. Ist das mit den Ärzten machbar?

Wagner: Wir wollen nicht die Ärzte ersetzen, wollen aber auch nicht Lückenbüßer werden für Aufgaben, die für die Ärzte nicht attraktiv sind. Es geht uns darum, die Abläufe zu verbessern und Bürokratie abzubauen. Da wo Pflegefachpersonen kompetent sind und vielleicht sogar im Detail mehr wissen als mancher Hausarzt, etwa bei der Wundversorgung, sollen sie auch eigenverantwortlich arbeiten können. Dafür sehe ich gute Chancen.

KNA: Minister Spahn will auch verstärkt ausländische Pflegekräfte anwerben. Wie sehen Sie das?

Wagner: Ich habe nichts gegen eine Anwerbung solcher Pflegefachpersonen; das wird aber unser Problem nicht lösen. Dagegen sprechen die unterschiedlichen Pflegekulturen und der riesige Aufwand bei der Anwerbung und Integration; das Geld dafür würde man besser einsetzen, um ausgestiegene Pflegende hierzulande zurückzuholen. Dagegen spricht aber auch, dass Deutschland für ausländische Pflegende nicht sonderlich attraktiv ist. Weltweit besteht ein Mangel in den Gesundheitsberufen; allein die USA benötigen in den kommenden Jahren eine Million Pflegende. Andere Länder sind wegen Sprache, beruflichem Status und Bezahlung weit attraktiver als Deutschland.

KNA: Kürzlich hat der serbische Präsident erklärt, er lasse serbische Pflegekräfte nicht abwerben.

Wagner: Wir schaden mit solchen Abwerbungen den Gesundheitssystemen anderer Länder. Argumentiert wird immer, dass es in diesen Ländern viele arbeitslose Pflegende gäbe. Das stimmt zwar, aber sie sind oft arbeitslos, weil der Staat sie nicht bezahlen kann, und nicht, weil es zu viele gibt.

KNA: Sie kämpfen für die Gründung von Landespflegekammern und einer Bundespflegekammer, um die Stimme der Pflege im Gesundheitswesen zu verstärken. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Wagner: In drei Bundesländern gibt es bereits Landespflegekammern; in diesem Jahr könnten die Voraussetzungen auch noch in NRW und Baden-Württemberg geschaffen werden. Dann wären wir einen großen Schritt weiter. Die Bundespflegekammer ist im Aufbau. Wir haben ein Büro in Berlin, arbeiten gerade an der Satzung und werden auch schon zu Anhörungen auf Bundesebene eingeladen. Wir laufen gerade los und wollen spätestens im nächsten Jahr voll arbeitsfähig sein.

KNA: Mit einem Präsidenten namens Wagner?

Wagner: Nein. In diesem Beruf sollte eine Frau an der Spitze der Bundespflegekammer stehen.

Pflegerin mit Patient  / © Corinne Simon (KNA)
Pflegerin mit Patient / © Corinne Simon ( KNA )
Pflegeroboter Pepper - vorgestellt auf der Altenpflegemesse 2018 in Hannover / © Julian Stratenschulte (dpa)
Pflegeroboter Pepper - vorgestellt auf der Altenpflegemesse 2018 in Hannover / © Julian Stratenschulte ( dpa )
Autor/in:
Christoph Arens
Quelle:
KNA
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