Was macht ein Mönch im Auswärtigen Amt in Berlin?

Im Habit unter Politikern und Diplomaten

Läuft ein Mönch durch das Auswärtige Amt in Berlin. Das ist nicht der Beginn einer lustigen Anekdote, sondern Realität. Der Benediktinerpater Nikodemus Schnabel arbeitet seit gut einem Jahr dort. Was genau seine Aufgabe ist, verrät er im Interview.

Benediktinerpater Nikodemus Schnabel / © Julia Steinbrecht (KNA)
Benediktinerpater Nikodemus Schnabel / © Julia Steinbrecht ( KNA )

DOMRADIO.DE: Es gibt Mönche in unterschiedlichsten Berufsfeldern und Tätigkeiten. Sie arbeiten zum Beispiel seit fast einem Jahr als Mönch beim Auswärtigen Amt der Bundesregierung in Berlin. Laufen Sie da im Auswärtigen Amt wirklich mit dem Habit der Benediktiner herum?

Pater Dr. Nikodemus Schnabel (Benediktinerpater): Ja. Mit einem schwarzen Benediktinerhabit bin ich unterwegs und gut erkennbar. Ich bin so vielleicht auch ein bisschen das "Maskottchen" unseres Referates. Es gibt seit August letzten Jahres ein ganz neues Referat "Religion und Außenpolitik". Das darf ich als Berater für ein Jahr unterstützen. Mein Kloster hat mich dafür freigestellt.

Ich war vormals in der Dormitio-Abtei in Jerusalem als Prior-Administrator für unsere Gemeinschaft verantwortlich. Und als ehemaliger höherer Oberer muss man ein sogenanntes "Sabbatical" (einjährige Auszeit, Anm. d. Red.) machen. Ich mache, glaube ich, eines der ungewöhnlichsten "Sabbaticals", das man sich vorstellen kann, indem ich Berater im Auswärtigen Amt für dieses spannende neue Themenfeld "Religion und Außenpolitik" bin.

DOMRADIO.DE: Sie sind mit langem, schwarzem Habit unterwegs und gut erkennbar. Kommt es da auch zu persönlichen Gesprächen über Religion und Glaube mit den Politikern?

Pater Nikodemus: Die Diplomaten sind - das muss man durch die Bank sagen - wirklich alle hochinteressierte Menschen. Ich fühl mich sehr wohl. Man muss sich vorstellen, dass 3.000 Leute hier in der Zentrale vor Ort sind - plus diejenigen auf Posten in den 230 Auslandsvertretungen. Da finde ich es total spannend zu erleben, wie die Leute auf mich reagieren. Sie sind wirklich immer sehr neugierig. Oft höre ich die Frage, was ich denn hier mache und was ich arbeite. Natürlich ist es auch der Fall, dass viele Leute mit mir auch über den Glauben ins Gespräch kommen wollen. Aber das geschieht dann jenseits der Arbeitszeit.

DOMRADIO.DE: Was machen Sie denn nun im Auswärtigen Amt als Mönch?

Pater Nikodemus: Wir sind eine ganz neue Arbeitseinheit, die eine Vorgeschichte hat. Man kann es vielleicht so sagen: Früher wurde Religion in der Außenpolitik als Problemanzeige wahrgenommen. Religionen machen Probleme oder sind Opfer von Problemen, sprich religionsbasierter Terrorismus oder Christenverfolgung, Antisemitismus, Islamophobie und so weiter.

In der Folge gab es den Arbeitsstab "Friedensverantwortung der Religionen", der gesagt hat, Religionen hätten auch eine unglaublich konstruktive Rolle. Gerade im Bereich Friedenserziehung und Mediation sind Religionen ein ganz wichtiger Player. Es gab dann auch zwei große Konferenzen im Auswärtigen Amt in den Jahren 2017 und 2018, die das genau herausgearbeitet haben. Es wurde vom Auswärtigen Amt aus ein Netzwerk für die Religionsvertreter weltweit gebildet, um dieses konstruktive Friedenspotenzial herauszuarbeiten und zu unterstützen.

Und jetzt gibt es das Referat "Religion und Außenpolitik". Das ist ein ganz neuer Schritt. Das geht viel weiter. 84 Prozent der Menschheit ist religiös. Die Außenpolitik öffnet sich gerade, nicht nur die klassische Außenpolitik zwischen Staaten, sondern ergänzend geht es hin zu einer Außenpolitik mit Gesellschaften. Der größte gesellschaftliche Player dieser Welt sind die Religionen - und die nimmt man ernst.

DOMRADIO.DE: Was machen Sie dann als Mönch ganz konkret. Wie sieht Ihr Tag aus?

Pater Nikodemus: Mein Tag sieht meistens so aus, dass ich erst mal Gottesdienst irgendwo im Erzbistum Berlin feiere, weil ich ja auch Mönch und Priester bin und das auch lebe. Ich bin meistens in der Ersatzkathedrale von Sankt Hedwig, in Sankt Joseph, feiere um 8 Uhr morgens die Messe und bin oft auch am Abend da. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn ich habe eigentlich zwei Funktionen hier in Berlin: Die eine ist, im Erzbistum Berlin einzutauchen. Dafür bin ich auch unglaublich dankbar. Die andere ist die Arbeit im Auswärtigen Amt.

Meine Arbeit ist sehr unterschiedlich. Erstmal bin ich dafür da, Fragen zu identifizieren. Eine Sache, die ich beispielsweise mit angestoßen habe, sind Expertengespräche zwischen Diplomaten, Religionsvertretern und Wissenschaftlern. Dabei geht es darum zu sehen, dass es in dieser Welt Player gibt, die nicht vorrangig geopolitisch, wirtschaftspolitisch oder verteidigungspolitisch denken, sondern eben anders auf die Welt schauen.

In diesem Zusammenhang hatte ich mal ein Gespräch unter dem Titel "Der Faktor orthodoxe Kirche in Ost- und Südosteuropa" geführt. Dies fand mit Vertretern der Orthodoxie, mit Diplomaten, die sich mit dieser Region beschäftigen und Wissenschaftlern statt. Da hat man sich mal vier oder fünf Stunden zusammengesetzt, um zu schauen, inwieweit die orthodoxe Kirche ein Faktor ist. Wo überschätzen wir sie, wo unterschätzen wir sie?

Wir haben auch schon mal über den "Islam in Aserbaidschan und Indonesien" gesprochen. Das sind sehr spannende Länder, weil der Islam dort nicht Staatsreligion, aber Mehrheitsreligion ist. Wie ist das dann wahrzunehmen? Auch Flucht und Migration und weitere Themen werden behandelt. Das ist eine meiner Aufgaben. Ich nenne das "religious literacy", also die Sensibilität für den Faktor Religion für die deutsche Außenpolitik zu steigern. Und das macht unglaublich Freude.

DOMRADIO.DE: Sie wohnen und leben in Berlin und sind Benediktiner. In der Hauptstadt gibt es kein Benediktinerkloster, aber trotzdem leben Sie ganz nah am Geschehen, oder?

Pater Nikodemus: Ja, ich darf im Bernhard-Lichtenberg-Haus leben. Ich bin total dankbar, dass das Berliner Metropolitankapital mich unter seine Fittiche genommen hat. Da darf ich genau gegenüber von der Sankt-Hedwigs-Kathedrale leben und damit mehr oder weniger gegenüber vom Auswärtigen Amt. Das ist wirklich wunderbar mitten in Berlin. Das zweite, für das ich unglaublich dankbar bin, ist, dass ich im Erzbistum Berlin mithelfen darf und so dieses unglaublich spannende Erzbistum Berlin erleben darf.

Ich bin Aushilfs-Priester, was jetzt gerade im Juli heißt, wenn Not am Mann ist, dass ich gefragt werde, ob ich nicht Sonntagsmesse oder Vorabendmesse feiern möchte. So komme ich richtig herum und erlebe eine unglaublich internationale Weltkirche in Berlin. Immer, wenn ich Gottesdienst feiere, sind alle möglichen Hautfarben, alle möglichen Altersstrukturen vertreten. Es ist unglaublich spannend, zu erleben, dass die katholische Kirche hier zwar eine Minderheitskirche, aber eine unglaublich globale Weltkirche ist. Das macht große Freude!

In Jerusalem war ich es gewohnt, als Christ unter anderen Gottsuchern Minderheit zu sein. Die Mehrheit sind Juden und Muslime. Hier in Berlin bin ich sozusagen mit allen Gottsuchern in der Minderheit inmitten einer großen Mehrheit, die sagt, dass sie an nichts glaubt, dass ihr an nichts fehlt. Deswegen finde ich auch meine Aufgabe so spannend, weil das Auswärtige Amt in Berlin sozusagen in einer absoluten Sondersituation liegt. In Berlin könnte man denken, dass man Religion ignorieren kann, dass sie unwichtig ist. Aber weltweit sieht das ganz anders aus. Weltweit sind Religionen unglaublich wichtig. In vielen Ländern wie zum Beispiel in Afrika vertrauen die Leute ihren Politikern nicht, vertrauen aber ihren Religionsführern. Das heißt, die Religionsführer sind unglaublich wichtig und die müssen wir in Verantwortung nehmen, auch im Dialog.

Das Interview führte Johannes Schröer.

Auswärtiges Amt / © Marius Becker (dpa)
Auswärtiges Amt / © Marius Becker ( dpa )
Quelle:
DR
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