Hochzeitstag mit Schweinefuss

Sommer mit Jerzy 2

Zärtlich tupft sie ihm kleine Essensreste über das Tischchen hinweg vom Mund. Kein einziges Mal vergisst sie es. Sie, deren Erinnerung doch ansonsten schon lange fast ganz in ein Niemandsland verschwunden ist. Auch die Erinnerung daran, dass sie morgen 64 Jahre verheiratet sein wird.

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Verheiratet mit ihrem Jerzy, dem die Ärzte heute sagen mussten, dass sie nichts mehr für ihn tun können. Warum Jerzy im Krankenhaus ist, weiß sie nicht. Wenn er Schmerzen hat, fragt sie: „Hast Du dich gestoßen?“. Nein, er hat sich nicht „gestoßen“. Sondern Krebs, der ihm entsetzliche, grausame Schmerzen bereitet. Die sind jetzt besser. Dafür wird nun ansonsten nichts mehr besser werden. „Dieses Mal hat mich erwischt“ sagt er.

Sicher hundert Mal sollte es ihn schon vorher „erwischen“. Damals, in den Ghettos und den Konzentrationslagern. In denen er seine Kindheit hinter sich lassen musste und seine ganze, große jüdische Familie verlor. Tausende Tote sah: Erschossen, erhängt, gefoltert, verblutet, vergewaltigt, verbrannt. Er wurde bewahrt. Als einziger. 15 Jahre jung, 27 Kilo leicht bei der Befreiung. Unbeugsam stemmte er sich fortan selbst durchs Leben.

Fand ein Zimmer, eine Schule, eine Geige, ein Orchester. Und eine Frau. Alina. Fünf Jahre nach Kriegsende heirateten sie.  Immer noch gab es in Polen kaum  zu essen. Jemand kannte einen Fleischer. Der hatte  noch Reste, Schweinefüße. Die gab es dann als Hochzeitsmahl.

Vor dem Tod hat er keine Angst. „Habe den Tod so oft gesehen. Bin über so viele Leichen gestiegen. Macht mir nichts aus.“ Aber Angst hat er doch. Um Alina. Ihr soll es gut gehen. Alle seine Lieben, der Sohn und die Freunde, werden alles dafür tun, dass es so kommt. Dass es Alina gut gehen wird. Auch wenn er mal nicht mehr da ist.

Eigentlich wären wir gar nicht da. Eigentlich wären wir jetzt in Irland in Urlaub. Aber uneigentlich hat der Winter unser Quartier zerstört. So schade das ist, so froh bin ich jetzt: Schließlich können wir so bei Jerzy sein und ihm an seinem Hochzeitstag Schweinefüße ins Krankenhaus bringen.  Als Jerzy diese  mit großem Appetit verzehrt, leuchten seine Augen. Alle im Raum können es sehen: auch nach 64 Jahren kann sie noch leben, die große Liebe. Wie wunderbar.