Hochschulpfarrer sieht wachsende Armut bei Studierenden

In finanzieller Not fällt Lernen schwer

Fast jeder dritte Studierende ist laut einer aktuellen Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes von Armut bedroht. Hochschulpfarrer Stefan Wißkirchen kennt das Problem und wirbt für einen Ansatz, der bereits früher greift.

Studierende in einem Hörsaal / © Britta Pedersen (dpa)
Studierende in einem Hörsaal / © Britta Pedersen ( dpa )

DOMRADIO.DE: Haben Sie die Ergebnisse der Studie überrascht?

Pfarrer Stefan Wißkirchen in der Kapelle der KHG Düsseldorf / © Gerald Mayer (DR)
Pfarrer Stefan Wißkirchen in der Kapelle der KHG Düsseldorf / © Gerald Mayer ( DR )

Stefan Wißkirchen (Pfarrer der katholischen Hochschulgemeinde Düsseldorf): Es hat mich eigentlich überhaupt nicht überrascht. Das ist eine Erkenntnis, die wir schon seit einigen Jahren haben. Auch mein Vorgänger hat immer schon davon berichtet. Es ist tatsächlich so, dass inzwischen nicht nur die internationalen Studierenden in großen Problemen sind, sondern auch die, die aus unserem Land kommen.

DOMRADIO.DE: Beim Blick auf die Ursachen, kann man sagen, dass die Corona-Pandemie die Lage verschärft hat?

Wißkirchen Job-Knappheit ist ein riesiges Problem an vielen Ecken und Enden. Gerade in der Corona-Situation sind viele der typischen Jobs für Studierende weggefallen.

In einer Stadt wie Düsseldorf, wo ich als Hochschullehrer tätig bin, sind natürlich auch der Wohnungspreis und die Lebenshaltungskosten ein großes Thema. Wenn wir als in der Regel privilegierte Menschen mal ein paar Cent mehr im Supermarkt bezahlen müssen, dann ist das nicht so schlimm. Für einen Studierenden mit einem knappen Budget kann das ganz schön heftig werden.

DOMRADIO.DE: Kommen betroffene Studierende dann auch zu Ihnen und sprechen die finanzielle Notlage direkt an oder ist das eher ein Tabu?

Wißkirchen: Nein. Gott sei Dank kommen sie zu uns. Ich glaube, das hängt auch damit zusammen, dass wir als Hochschulgemeinde sehr offensiv mit dem Thema umgehen. Wir gehen auf unsere Studierenden zu, aber nicht nur auf die, die sowieso zu uns kommen, sondern ich würde sogar sagen, dass eher 90 Prozent derer, die zu uns kommen, eigentlich gar keinen Kontakt vorher mit der Studierendengemeinde hatten.

Das hängt aber damit zusammen, dass wir eigentlich der einzige Player im Bereich der Hochschule sind, die tatsächlich kurzfristig und finanziell an mancher Situation etwas tun können.

DOMRADIO.DE: Das heißt, Sie können tatsächlich konkret Hilfe leisten? Was können Sie tun?

Wißkirchen: Wichtig ist uns erst mal eine Hilfe zur Selbsthilfe, damit sich die Studierenden in so einer Situation erst mal selber wieder sortieren und den Kopf freibekommen. In so einer Situation ist man erst mal eingeengt und hat dann Angst: Wird mein Zimmer gekündigt? Bekomme ich den Strom abgestellt? Kann ich überhaupt die Studierenden-Gebühren bezahlen? All das sind ja Probleme.

Dann können wir konkret finanziell helfen. Aber wichtig ist eigentlich erst mal dieser erste Schritt, das zusammen zu sortieren, was man so zu tun hat und wie man wieder vorankommen kann.

Symbolbild: Studierende im Hörsaal / © Matej Kastelic (shutterstock)
Symbolbild: Studierende im Hörsaal / © Matej Kastelic ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: Was macht das mit den Betroffenen, wenn die da gar nicht wissen, wie sie ihren Alltag noch stemmen sollen? Auch seelisch?

Wißkirchen: Das ist natürlich eine große Not, die viele jungen Leuten haben. Wir erleben viele, die psychische Probleme bekommen. Fairerweise muss man auch sagen, dass es manchmal so ist, dass die psychischen Probleme dazu führen, dass man überhaupt in so eine Situation hineinkommt.

Deswegen ist es gut, dass wir über unsere konkrete Hilfe hinaus mit ganz vielen anderen zusammenarbeiten, wie mit dem Studierendenwerk oder der Schuldnerberatung. Esperanza (Schwangerschaftsberatungsstelle, Anm. d. Red.) ist für uns ein ganz wichtiger Partner, wenn es um ungewollte oder gewollte Schwangerschaften geht. Zudem die Caritas, die Ehe-, Familien- und Lebensberatung und auch die Evangelische Studierenden-Gemeinde. Wir arbeiten hier ganz eng zusammen.

Und zuletzt natürlich auch der AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss, Anm. d. Red.), der uns an vielen Ecken hilft, wir ihnen aber auch helfen können.

DOMRADIO.DE: Die Bundesregierung hat einen Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht, der Studierende und Schüler in Krisen künftig finanziell besser absichern soll. Wenn die ihren Job verlieren, dann sollen sie BAföG beziehen können. Sagen Sie, das ist ein Schritt in die richtige Richtung?

Wißkirchen: Na klar. Ich glaube, es ist ganz wichtig, das zu tun. Was ich aber auch "erzieherisch" wichtig fände, ist, wenn jungen Leuten im Prinzip schon geholfen wird, bevor diese ganzen Dinge passieren. An manchen Ecken und Enden wäre es auch einfach wichtig, dass in der schulischen Ausbildung, aber auch darüber hinaus jungen Menschen geholfen wird.

Kabinett beschließt Bafög-"Notfallmechanismus"

Studierende und Schüler sollen in künftigen Krisen finanziell besser abgesichert sein. Das Bundeskabinett hat dafür am Mittwoch ein Gesetz für einen sogenannten Notfallmechanismus im Bafög auf den Weg gebracht. Damit wird die Regierung ermächtigt, in Krisensituationen per Verordnung das Bafög auch für Studierende und Schüler zu öffnen, die es normalerweise nicht bekommen würden.

Gestapelte Geldstücke / © Lens7 (shutterstock)

Sie sollen wieder lernen: Wie stelle ich mir einen Haushalt auf? Wie plane ich meinen Monat? Wie bleibt am Ende des Monats noch genug Geld übrig, um all die Dinge zu bezahlen, die ich gerne bezahlen möchte und wo muss ich vielleicht auch auf das eine oder andere verzichten?

Aber grundsätzlich ist es erst mal wichtig und gut, dass die Studierenden mehr und besser unterstützt werden.

DOMRADIO.DE: Die Bundesregierung hat schon angekündigt, dass sie das BAföG, also die staatliche Unterstützung für die Ausbildung von Schülern und Studenten in Deutschland, anheben will. Die Macher der Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sagen, es sei gut, Reichweiten und Altersgrenzen für den Leistungsbezug anzuheben, aber tatsächlich müssten die Bezüge auch noch deutlich höher ausfallen. Teilen Sie die Einschätzung?

Wißkirchen: Studierende sind erst mal privilegiert. Ihnen wird eine gute und teure Ausbildung vom Staat mitfinanziert. Aber wenn das für unsere Gesellschaft auch wirklich fruchtbar werden soll, dann müssen das Studierende auch in einer guten und sicheren Situation machen. Wenn ich jeden Tag darüber nachdenken muss, wie ich mein Leben finanziere, dann bleibt für den einen oder anderen nicht genug Zeit zum Studieren – und das sollte schon das Hauptaugenmerk in dieser Zeit sein.

Ich glaube, es ist wie in vielen Dingen beides wichtig: Natürlich ist es gut, dass die Finanzierung erhöht wird, aber ich glaube, dieser zweite Aspekt, den Studierenden einen guten Raum zu bieten, dass sie studieren können, ist ebenso entscheidend.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

30 Prozent der Studierenden laut Paritätischem Gesamtverband arm

Der Paritätische Gesamtverband hat eine stärkere Bafög-Anhebung gefordert, als von der Ampel-Koalition geplant. Der Verband begründet das mit eigenen Berechnungen, wonach 30 Prozent aller Studierenden in Deutschland von Armut betroffen seien. Bei den alleinlebenden Studenten und Studentinnen seien es sogar 79 Prozent, teilte der Paritätische am Dienstag mit.

Symbolbild Armut / © Lukas Gojda (shutterstock)
Quelle:
DR