Himmel über der Ruhr wieder blauer

50 Jahre nach Brandt-Rede

Als Willy Brandt 1961 die Luftbelastung im Ruhrgebiet zum Thema im Bundestagswahlkampf machte, stank das Problem im Wortsinn zum Himmel. Im "Pott" sorgten Staub, Asche und Ruß aus Hochöfen, Stahlkonvertern und Kokereien für dicke Luft. Diese Zeiten sind vorbei.

Autor/in:
Martin Teigeler
 (DR)

Anwohner konnten damals ihre Wäsche nicht zum Trocknen ins Freie hängen. Viele husteten und wurden vom Dreck krank. Über dem Revier hing oft eine Dunstglocke. In der Bonner Beethovenhalle sprach Brandt am 28. April 1961 das Problem an. Mit der griffigen Forderung "Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden" setzte der damalige SPD-Kanzlerkandidat eine kühne Zielmarke.



"Die Lebensumstände und die Umweltbelastungen waren seinerzeit enorm. Innerhalb weniger Jahre stieg in einigen Kommunen die Zahl der Krebserkrankungen um 100 Prozent", berichtet NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne). Auch Atemwegserkrankungen nahmen drastisch zu. "Deshalb rumorte es ja auch in der Bevölkerung schon längere Zeit." Willy Brandt habe damals "Weitsicht bewiesen" und "den Wunsch der Menschen auf den Punkt gebracht", sagt Remmel.



Brandts Gratwanderung

Es war allerdings eine Gratwanderung für den Sozialdemokraten Brandt. Die SPD-nahen Gewerkschaften und Betriebsräte waren oft wenig angetan von der Forderung nach teuren Filtern für die Industrieschlote im Zeiten des sogenannten Wirtschaftswunders.



Doch der Druck der Bürger wurde irgendwann zu groß. 1962 beschloss der Düsseldorfer Landtag das "Landes-Immissionsschutzgesetz". Schrittweise wurden an Rhein und Ruhr erstmals in der Republik Höchstwerte für den Schadstoffausstoß festgelegt.



In gewissem Sinne war SPD-Mann Brandt mit seiner Forderung zwar der erste "Grüne", doch es dauerte bis zu spürbaren Verbesserungen. Noch bis in die 80er Jahre protestierten Bürgerinitiativen gegen die schlechte Luftqualität von Oberhausen bis Dortmund.



"Mit seiner Forderung nach klarer Luft, sauberem Wasser und weniger Lärm für die Bürgerinnen und Bürger des Ruhrgebiets machte Brandt deutlich, dass Umweltschutz eine nicht zu vernachlässigende Gemeinschaftsaufgabe ist. Und diese Aufgabe wurde von den 1970er Jahren an erfolgreich angegangen", sagt der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, im Rückblick.



Der Trend ist eindeutig

Seit den 1970er Jahren wurde die Luftqualität im Ruhrgebiet durch strengere Schadstoffgesetze, Rauchgasentschwefelung in Kohlekraftwerken, aber auch durch die Deindustrialisierung im Zuge des Strukturwandels schrittweise besser. Wirklich blau wurde der Himmel dort, wo Zechen und Stahlwerke dicht machen mussten.



Der Trend ist eindeutig: Nach Angaben des NRW-Umweltministeriums konnte zum Beispiel die Schwefeldioxidbelastung im Ruhrgebiet zwischen 1964 und 2007 um 97 Prozent gemindert werden.



Doch NRW-Umweltminister Remmel sieht weiter Handlungsbedarf: "Der Himmel über dem Ruhrgebiet ist zwar blauer geworden. Aber es gibt immer noch einen Grauschleier." Das hätten die jüngsten Daten zur Luftbelastung gezeigt. "Wir haben immer noch starke Belastungen mit Stickoxiden und Lärm, und auch beim Feinstaub liegen wir bei einigen Messstationen im Revier über den Grenzwerten", sagt Remmel. Für eine Entwarnung sei es daher auch 50 Jahre nach Brandts "wegweisender" Rede noch zu früh.