Bari feiert seinen Patron Nikolaus

Heiliger für Ost und West

Alljährlich im Mai erinnert die Adria-Stadt Bari mit Feuerwerk, farbenprächtigen Umzügen und sogar einem echten Wunder an die Ankunft der Reliquien des Volksheiligen. Doch das sieht in diesem Jahr alles ein wenig anders aus.

Menschen stehen vor einer Figur des heiligen Nikolaus in der Basilika San Nicola (Archiv) / © Francesco Pistilli (KNA)
Menschen stehen vor einer Figur des heiligen Nikolaus in der Basilika San Nicola (Archiv) / © Francesco Pistilli ( KNA )

Zu normalen Jahren herrscht vom 7. bis 9. Mai in Bari Ausnahmezustand: Dann lässt die süditalienische Hafenstadt ihren Schutzpatron Sankt Nikolaus hochleben - und ebenso sich selbst. Zwar liegt der Gedenktag des heiligen Bischofs von Myra am 6. Dezember.

Gefeiert wird hier aber die Ankunft seiner Reliquien aus der Südwesttürkei vor fast 1.000 Jahren. Von Pilgern aus den Ostkirchen wie aus dem Westen besucht, bilden die Gebeine in der Basilika San Nicola den größten Schatz Baris und sorgen für Ruhm und Wohlstand.

Bis die Corona-Pandemie das Nikolausfest einschränkte, ließen die Baresen es für ihren Patron buchstäblich krachen. Zur Tradition gehört ein farbenfrohes Tagfeuerwerk, der Lancio di Diane. Wuchtige Donnerschläge und Kaskaden von Detonationen hallen über das Hafenbecken, aus Blitzen und Pulverwölkchen am blauen Himmel fallen farbige Rauchschleier zum Meer herab.

Zu den Böllern tönen im Wechsel die Glocken der unterschiedlichen Kirchen. Sie begleiten den Zug der Heiligenstatue durch die Gassen. Der herbe, dissonante Klang gemahnt an Geläute griechischer Gotteshäuser.

Stadt verbindet Völker und Konfessionen

In der Tat verbindet die Adria-Stadt Völker und Konfessionen. Russisch ist praktisch die zweite Sprache nach dem Italienischen; in der Krypta der Basilika San Nicola bekreuzigen sich die einen nach westlich-katholischem Brauch von der linken zur rechten Schulter, die anderen auf orthodoxe Weise mit drei Fingern von rechts nach links.

Auch das Bildnis des Nikolaus deutet seine ferne Herkunft an: Die verehrte Statue zeigt ihn mit orientalischem Bischofsornat und tiefbraunem Gesicht.

Über Jahrhunderte war Bari als strategischer Hafen zum östlichen Mittelmeer ein Vorposten Konstantinopels, teils auch als Hauptstadt einer eigenen byzantinischen Provinz. Doch im 11. Jahrhundert strebten die Normannen eine Ausdehnung ihrer Herrschaft über ganz Süditalien an. 1071, nach fast dreieinhalbjähriger Belagerung durch Robert Guiskard, fiel Bari als letzte Bastion. Damit endete für Byzanz ein halbes Jahrtausend Herrschaft - und für Bari die Rolle als Verwaltungshauptstadt.

Aus ihrem Bedeutungsverlust retteten sich die Baresen, indem sie 1087 im Wettlauf mit Venedig die Reliquien des frühchristlichen Bischofs Nikolaus in ihren Besitz brachten, eines der populärsten Heiligen ihrer Zeit. Manche sagen: Sie retteten ihn vor den muslimischen Seldschuken. Andere sehen darin einen cleveren Coup unternehmerisch denkender Bürger. Bari, Sprungbrett für Pilger und Handelsreisende in den Orient, wurde mit den Gebeinen des Nikolaus, Patron der Seefahrer und Händler, zum florierenden Wallfahrtsort.

Beliebt bei einfachen Leuten

Etliche Legenden erzählen von Nikolaus als Helfer in konkreter Not.

Das machte ihn beliebt bei den einfachen Leuten. Kein Wunder, dass sich im armen Süditalien alljährlich viele auf den Weg machen zu ihrem Fürsprecher in Bari, oft in mehrtägigen Fußmärschen aus den Bergen von Molise oder aus den Abruzzen, mit einem Pilgerstecken, den ein Sträußchen grüner Zweige schmückt.

Den 7. Mai prägt die Ankunft der Pilger und - bis zur Unterbrechung durch die Pandemie - ein Umzug, der mit lebenden Bildern die Legenden des Heiligen ins Gedächtnis ruft. Am folgenden Morgen öffnet noch vor Sonnenaufgang die Basilika San Nicola. Traditionell wird die Skulptur des Heiligen herausgebracht und durch die Stadt hinunter zum Hafen getragen, wo der Bischof eine Messe zelebriert. In heilig-profaner Eintracht mischen sich dann an der Mole Weihrauchduft und Rauch von Grillbuden.

Nach altem Brauch verbringt die Statue ihren Feiertag auf einem Schiff draußen im Hafenbecken. Für einen Obolus lässt man sich per Wassertaxi hinausfahren, um Nikolaus seine Reverenz zu erweisen, bevor er am Abend mit großem Pomp anlandet und von Trägern wiegenden Schritts und unter teils beschwingten, teils schwermütigen Melodien zur zentralen Piazza del Ferrarese geleitet wird. Dort erreichen Fest und Andrang ihren Höhepunkt. Für viele junge Baresen, die auswärts studieren oder arbeiten, ist dieser Abend der Termin, um sich mit Freunden zu verabreden, die man das ganze Jahr nicht gesehen hat.

Heiligenbild gegen eine Spende

Und doch geht das Religiöse nicht vergessen. Der Besuch bei San Nicola unter seinem weißen Baldachin, geschmückt mit Jasminbüschen, Hortensien und Aronstab - er gehört dazu wie die Stippvisite bei einem lieben alten Verwandten. Für eine Spende gibt es ein Heiligenbild. Viele halten inne, schlagen ein Kreuz; mancher hat zu bitten, ein Leid zu klagen oder für etwas zu danken.

Eine besondere Zeremonie vollzieht sich am 9. Mai in der Krypta des heiligen Nikolaus. Dort ruhen sicher eingemauert wie in einem Tresor seine sterblichen Überreste, eine der begehrtesten Reliquien der Christenheit. Der Rektor der Basilika öffnet am Abend das kleine, mit einem Schloss versehene Sichtglas über dem Sarkophag und saugt mit einem Heber die Flüssigkeit auf, die sich am Boden gesammelt hat.

Zwei-drei Fingerbreit reinsten Wassers in einer Glasampulle sind das Geschenk des Heiligen.

Die Kirchenleitung versichert, das Phänomen sei bislang wissenschaftlich nicht erklärt. Tropfenweise in Weihwasser aufgelöst, wird das sogenannte Manna in Flakons an Gläubige verkauft, zu Zehntausenden und in homöopathischer Verdünnung. Auch hier zeigt sich vielleicht der praktische Sinn der Baresen.

Autor/in:
Burkhard Jürgens
Quelle:
KNA