Hans Joas sieht Hoffnung in globalem Christentum

"Christentum ist keine nationale Ideologie"

Das Christentum verliert seine bürgerlich-europäische Gestalt und globalisiert sich zunehmend. Hans Joas findet diese Entwicklung aufregend, auch weil sie statt völkischen Nationalismus einen moralischen Universalismus fördert.

Autor/in:
Johannes Schröer
Hans Joas / © Maximilian von Lachner (SW)
Hans Joas / © Maximilian von Lachner ( SW )

“Die fortschreitende Globalisierung des Christentums ist eine der aufregendsten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte”, sagt der Soziologe Hans Joas. Das Christentum verliere zurzeit seine bürgerlich-europäische Gestalt, wie sie im 19. Jahrhundert entstanden sei, und entwickle sich in eine neue globale Richtung, die nicht hauptsächlich europäisch und auch nicht bürgerlich sei. Dabei spielt Joas auf die expandierende Kirche, zum Beispiel in Afrika und Ostasien, an.

Die Bedeutung, die das Christentum als globale Organisation bekommt, hält Joas für eine Entwicklung, die er begrüßt, weil sie dem Machtstreben einzelner Imperien einen moralischen Universalismus entgegensetzen kann. Dabei beschreibt Joas den Universalismus als eine moralische Orientierung, die uns verpflichtet, unsere Entscheidungen nicht nur am Wohl der eigenen Familie, der eigenen Nation und der eigenen Religionsgemeinschaft auszurichten, sondern auch am Wohl aller anderer Menschen. 

In seinem Buch weist Joas nach, dass die Idee des moralischen Universalismus keine Erfindung des jüdisch-christlichen Abendlandes ist, sondern viel älter als Christi Geburt und auch in anderen Kulturen zu finden. Gerade die historische Globalität mache den moralischen Universalismus als Handlungsmaxime so bedeutsam.

"Universalismus. Weltherrschaft und Menschheitsethos" heißt sein Buch, das Joas jetzt in der Kölner Karl-Rahner-Akademie bei einem Fest zum Jahresauftakt vorgestellt hat. Dabei nahm er auch Bezug auf die aktuelle politische Situation in den USA. "Es ist erstaunlich, dass der Konvertit und Vizepräsident JD Vance theologische Positionen vertritt, denen Papst Leo vehement widerspricht". Der Begriff "Christian nationalism" sei ein Widerspruch in sich, erklärt Joas: "Denn die zentralen Botschaften des Christentums beinhalten eine Überschreitung des eigenen nationalen Kollektivs."

Natürlich müsse es Kriterien für eine Balance zwischen der Verpflichtung gegenüber den eigenen Staatsbürgern und gegenüber denen geben, die von außen kommen. Aber die Einstellung, wenn nix übrig bleibt, dann sei man auch gar nicht mehr verpflichtet, den anderen Menschen zu helfen, sei zutiefst unchristlich. "Es ist ganz schrecklich, wenn aus dem Christentum, nicht zum ersten Mal in der Geschichte natürlich, jetzt in den USA wieder eine nationalistische Ideologie geformt wird", fürchtet Joas. 

Für den Soziologen ist die Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Autokratie nicht der zentrale Konflikt der Zukunft. Er hält den Machtkampf der Imperien USA und China für viel prägender. Die beiden Imperien würden ihr politisches Streben nach diesem Machtkampf ausrichten, sagt Joas.

Sein Buch "Universalismus" hat Joas seinen Enkelkindern gewidmet. Klar, taucht da die Frage auf, ob er optimistisch in die Zukunft blicke. Wirklich optimistisch sei er nicht, aber als Christ habe er doch Hoffnung. Und diese Hoffnung stützt er auch auf die mögliche Rolle global aufgestellter, moralisch universalistischer, religiöser Organisationen, wie es die katholische Kirche ist. "Dabei meine ich nicht einfach nur die auf Rom zentrierte Kirchenhierarchie", sagt Joas, "sondern zum Beispiel gerade auch die Rolle der Orden". Die Jesuiten sieht er hier zum Beispiel als wichtige Bündnispartner für einen moralischen Universalismus.

Quelle:
DR

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