Großnichte Görings warnt vor Rechtsextremismus und der AfD

"Ich verspüre Verantwortung“

Ihr Leben lang hat sich Bettina Göring mit dem dunklen Erbe des Naziverbrechers in ihrer eigenen Familie auseinandergesetzt. Dass ihr Buch darüber im Moment eines weltweiten Rechtsrucks erscheint, bezeichnet sie als "gutes Timing".

Demonstration gegen Rechtsextremismus / © Daniel Vogl (dpa)
Demonstration gegen Rechtsextremismus / © Daniel Vogl ( dpa )

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie als Kind erfahren, wer dieser Hermann Göring war?

Bettina Göring zu Besuch im DOMRADIO.DE am 06.03.2024. / © Simone Walter (DR)
Bettina Göring zu Besuch im DOMRADIO.DE am 06.03.2024. / © Simone Walter ( DR )

Bettina Göring: Wahrscheinlich durch meinen Vater. Er war selbst auch Flieger und hat mir tolle Geschichten von Fliegerhelden erzählt, von seinen Brüdern und von Hermann. Das war noch nicht so negativ. Aber da gab es diese Geschichte von Ikarus, die er auch erzählt hat, daran kann ich mich gut erinnern. Ich habe damals viele Märchen gelesen habe und er hat mir davon erzählt, wie Ikarus der Sonne zu nahegekommen und abgestürzt ist. Das ist eigentlich auch bezeichnend.

DOMRADIO.DE: Eine Art Wendepunkt gab es, als sie zusammen mit Ihrem Bruder und Ihrer Großmutter einen Dokumentarfilm über den Holocaust gesehen haben. Was ist da passiert?

Göring: Da war ich elf, wir hatten zum ersten Mal einen Fernseher. Ich glaube, es war damals Pflicht, dass alle Schulkinder eine Doku über die Befreiung von Auschwitz sehen. Unsere Großmutter war damals gerade zu uns gezogen. Das war sehr schwierig, weil sie direkt aus dieser Nazifamilie kam.

Während die Doku lief, die wir mit Schrecken anschauten, saß sie hinter uns und hat gesagt, das sei alles Lüge. Da ist mein Bruder sauer geworden und hat ihr einen Schuh an den Kopf geworfen. Was ich auch schrecklich fand, das war mir zu viel. Das jedenfalls war der erste richtig große Schock. Ein Schock, ein Horror, ein Trauma.

DOMRADIO.DE: Sie haben sich später als Jugendliche und junge Frau politisch engagiert, waren kommunistisch orientiert, eine Zeit lang Hippie und haben schließlich jahrelang als Bhagwan-Jüngerin im Ashram im indischen Poona gelebt. War all das im Rückblick eine Flucht vor diesem, wie Sie es im Untertitel Ihres Buches "Der gute Onkel" nennen, "verdammten deutschen Erbe".

Göring: Die Journalisten fragen mich immer nach einer Flucht. Ich würde es eher als Suche bezeichnen. Denn eine Suche war es bestimmt. Die Suche nach einem Weg, mit alledem klar zu kommen. Es ist ganz auffällig, dass unter den Anhängern Bhagwans, den wir später ja Osho nannten, unheimlich viele Deutsche und Japaner waren, aber auch Juden.

Sie waren alle auf der Suche danach, irgendwie mit der Schuld beziehungsweise dem erlittenen Leid aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs fertig zu werden. Für mich war all das eine Suche. Heute würde ich sagen, dass all die Schritte, die ich gemacht habe, mir sehr geholfen haben.

DOMRADIO.DE: Haben Sie während dieser Jahre denn selbst thematisiert, aus was für einer Familie Sie kamen?

Göring: Ja, das habe ich. In meiner politisch aktiven Zeit ohnehin, da war alles sehr kopflastig. Und in der Zeit als Sannyasin (So nannten sich die Jünger des indischen Gurus Bhagwan, Anmerkung der Redaktion) bei Bhagwan habe ich mich mit der einzigen Person in unserem Ashram getroffen, die selbst als junger Mann im KZ gewesen war. 

Dazu muss man vielleicht wissen, dass wir als Sannyasin praktisch unsere Vergangenheit und Namen abgelegt und neue Namen bekommen haben. Aber obwohl die Vergangenheit eigentlich kaum Thema war, sind wir natürlich alle mit unserer jeweiligen Vergangenheit im Ashram angekommen. Als die Begegnung zwischen mir und dem Holocaust-Überlebenden an die Oberfläche kam, hat auch Bhagwan drüber geredet, dann kam die Presse. Das war mir viel zu viel.

Bettina Göring

"Als ich mir für mein Buch noch einmal die ganze Familie angeschaut habe, habe ich festgestellt, dass im Grunde alle auf seiner Seite gestanden hatten."

DOMRADIO.DE: Sie nennen Ihren Großonkel einen Massenmörder und Psychopaten. Würden Sie sagen, er ist wie ein Geist immer über Ihrer Familie, über ihrem Leben geschwebt?

Göring: Ich weiß nicht, ob ich das so formulieren würde. Ich würde eher sagen, dass wir schon so etwas wie die Summe aller unserer Vorfahren sind. Bei mir umfasst das eben auch einen so extrem negativen Vorfahren wie meinen Großonkel Hermann. Als ich mir für mein Buch noch einmal die ganze Familie angeschaut habe, habe ich festgestellt, dass im Grunde alle auf seiner Seite gestanden hatten.

Nur sein jüngerer Bruder Albert, der sogenannte gute Göring, hat Juden geholfen. Das konnte er allerdings auch nur, weil Hermann ihm immer wieder aus der Bredouille geholfen hat. Aber sonst waren alle dabei und haben Hermann unterstützt. Genauso wie so viele andere Deutsche auch.

DOMRADIO.DE: Haben Sie denn das denn zum Beispiel mit Ihren Eltern diskutiert? Oder mit der Großmutter, die ja für Sie eine schwierige Figur war?

Göring: Letzteres ging gar nicht. Meine Großmutter war, als sie zu uns gezogen ist, schon ziemlich dement. Das verstehe ich heute besser. Mit ihr konnte ich überhaupt nicht reden. Kurz darauf ist sie auch gestorben. Mit meinen Eltern haben wir schon über diese Dinge geredet, aber sie waren keine Täter im eigentlichen Sinne, vor allem nicht auf Seiten der Familie meiner Mutter.

Sie selbst war Krankenschwester, ihr Vater war ein Antifaschist. Auf den war ich sehr stolz, ganz im Gegensatz zur Familie meines Vaters. Mein Papa war ein Schöngeist, ein Träumer. Während der Nazizeit haben sie ihn auf eine so genannte Napola, eine Nationalpolitische Lehranstalt, geschickt und ich habe mich immer gefragt, wie er das überstanden hat. Er war wohl nicht so wirklich dabei. Auch danach hat er diese Sachen nicht vertreten. Er hat viel gelesen, wollte auf diese Art verstehen.

DOMRADIO.DE: Sie aber haben irgendwann angefangen, sich auch offensiv mit dieser dunklen Figur, mit diesem dunklen Erbe der Familie auseinanderzusetzen. Zum Beispiel auch, indem Sie bei Dokumentarfilmen über die Nachkommen von Nazigrößen mitgewirkt haben. Warum haben Sie das gemacht?

Göring: Scheinbar musste ich das tun, um das aus meinem System herauszubekommen. Das ist so, wie wenn man sich das Böse anguckt. Solange man es wegpackt, ist es immer noch da. Irgendwann muss man es sich genau angucken, erst dann ist es irgendwann vorbei. So habe ich mir das gedacht und so war es wohl auch.

DOMRADIO.DE: Ein besonderes Projekt war sicher die Doku "Bloodlines", für die Sie sich vor laufender Kamera mit einer Tochter von Holocaustüberlebenden getroffen und auseinandergesetzt haben. Wie schwer war das für Sie?

Bettina Göring

"Als Angehörige solcher Menschen hat man, glaube ich, immer Angst, dass das Böse in einem selbst steckt."

Göring: Das war superschwer. Daran dachte ich auch, als ich sagte, ich habe mir das Böse angeguckt. Die Doku hat mich direkt konfrontiert mit einer Frau, die 1947, also kurz nach dem Krieg geboren wurde. Ihre beiden Eltern waren im KZ gewesen, ihr Bruder im KZ ermordet worden. Wir haben uns für den Film in Form eines Rollenspiels miteinander auseinandergesetzt. Und zwar habe ich mich dafür regelrecht in Hermann Görings Psyche versetzt; das war schrecklich.

Aber danach ist es mir etwas von der Seele gefallen, etwas, vor dem ich Angst gehabt hatte. Als Angehörige solcher Menschen hat man, glaube ich, immer Angst, dass das Böse in einem selbst steckt. Potenziell steckt es vielleicht in jedem von uns, so etwas werden zu können.  Aber ich habe in dem Rollenspiel gemerkt: Das bin nicht ich. Das ist gut.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, Sie haben sich in die Psyche dieses bösen Menschen, der ihr Großonkel war, versetzt. Wie muss man sich das vorstellen?

Göring: Es ist schon seltsam, da hineinzugehen. Ich bin eine sehr empathische Person, nicht umsonst habe ich einen Heilberuf ergriffen. Ich kann mich gut in andere hineinversetzen wie eine Art Medium. Aber so etwas wie in diesem Rollenspiel hatte auch ich bis dahin noch nie gemacht, so etwas Direktes. Es ist mir in dem Moment gelungen, wenn auch ich es nicht empfehlen kann.

DOMRADIO.DE: Sich in das Böse hinein zu versetzen?

Göring: Wenn man es nicht unbedingt will; es ist sehr gefährlich.

DOMRADIO.DE:  Aber Sie haben es geschafft, ohne Schaden zu nehmen?

Göring: Naja. Es hat mir schon einiges abverlangt, würde ich sagen.

DOMRADIO.DE: Sie haben sich als junge Frau sterilisieren lassen. In einer früheren Doku kommentieren Sie das mit den Worten, Ihr Bruder und Sie seien beide diesen Schritt gegangen, um keine weiteren Görings in die Welt zu setzen, um die Linie zu unterbrechen. Was sagen Sie heute dazu?

Göring: Mein Bruder hat das damals so gesagt. Er war ja auch Sannyasin und damals haben sich viele Sannyasin aus verschiedenen Gründen sterilisieren lassen. Ich selbst wollte nicht, dass ein Gruppenzwang mich zu so etwas verleitet und habe mich erst, als ich die Kommune verlassen hatte, dazu entschlossen. Da war ich 31 und habe gedacht, ich kann jetzt entscheiden, dass ich keine Kinder mehr haben will.

Erst viel später hat mich Ruth, die Tochter der Holocaust-Überlebenden während der Dreharbeiten zu "Bloodlines" gefragt, wo die Entscheidung etwas mit meinem Großonkel zu tun hatte. Da habe ich gesagt, dass das bestimmt mit in die Entscheidung hineingespielt hat. Im Nachhinein sehe ich das alles sehr komplex. Aber es war, wie es war, und ich bereue es nicht.

DOMRADIO.DE: In Ihrem Buch verknüpfen Sie Ihre Lebensgeschichte eng mit der Auseinandersetzung mit Ihrem Großonkel. Warum haben Sie das Buch jetzt geschrieben?

Göring: Es hat ewig lang gedauert, dieses Buch zu schreiben. Die Idee dazu hatte ich schon mit 20, aber das war zu früh. Kurz vor den Wechseljahren, wo man ja oft grundlegende Sachen angeht, bin ich im Schrank auf ein Foto meiner Großmutter gestoßen und dachte, dass ich irgendwann Frieden mit ihr schließen muss. So fing das an.

Nacheinander sind dann Dokumentationen wie zum Beispiel "Bloodlines" entstanden. Dabei habe ich immer das Gefühl gehabt, dass ich mich in diesen Projekten anderer Leute nicht genauso zeigen kann, wie ich bin. Deshalb wollte ich endlich selbst ein Buch schreiben. Es hat dann noch eine ganze Weile gedauert, bis wir einen Verlag gefunden haben und dazu Melissa Müller als Schreiberin, die übrigens einen Wahnsinnsjob gemacht hat.

Bettina Göring

"Der Unterschied ist, dass die Leute in der Weimarer Zeit wirklich arm waren, dass sie gehungert haben. Das ist jetzt nicht so, aber die Angst scheint mir dieselbe zu sein, die Angst vor dem Wandel."

Während wir dachten, jetzt dauert es noch ein Jahr, hat es am Ende zehn Jahre gedauert. Aber jetzt ist es fertig. Interessanterweise war das ein gutes Timing, weil wir gerade auf der ganzen Welt einen solchen Rechtsruck erleben und in Deutschland die AfD so stark geworden ist. Vielleicht ist das genau die richtige Zeit für dieses Buch.

DOMRADIO.DE: Ihr Buch ist tatsächlich in einem Moment erschienen, in dem die AfD in Deutschland in Umfragen Rekordwerte einfährt. Wie fühlt sich das für Sie an?

Göring: Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich daran denke, es macht mir Angst. Gleichzeitig habe ich mich unglaublich gefreut über die vielen Demonstrationen gegen Rechtsextremismus, die es gerade hier in Deutschland gibt. Sie geben mir Hoffnung. Umso wichtiger finde ich, jetzt zu sagen: "Wehret den Anfängen!"  Denn es ist alles wieder da.

Der Unterschied ist, dass die Leute in der Weimarer Zeit wirklich arm waren, dass sie gehungert haben. Das ist jetzt nicht so, aber die Angst scheint mir dieselbe zu sein, die Angst vor dem Wandel. Der Wandel wird weitergehen, die Völkerwanderung auf der Welt wird weitergehen, schon allein, weil das Klima schwieriger wird. Unsere Probleme werden nicht einfach verschwinden. Von daher sollten wir uns mehr zusammensetzen als uns auseinanderzusetzen!

DOMRADIO.DE: Verspüren Sie aufgrund Ihrer Familiengeschichte eine besondere Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder passiert?

Göring:  Auf jeden Fall verspüre ich eine solche Verantwortung. Deshalb habe ich auch das Buch geschrieben.

DOMRADIO.DE: Anfang Februar hat es einen Appell gegeben von Nachkommen von Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime. Über 280 Menschen haben da einen Aufruf unterzeichnet, aus der Geschichte zu lernen und die Demokratie zu stärken. Wäre es nicht eine gute Idee, etwas Ähnliches von Seiten der Nachkommen von Naziverbrechern zu starten?

Göring: Ja, hört sich sehr gut an. Das ist definitiv eine gute Idee, ich kenne einige, die ich da fragen könnte.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

In den Nürnberger Prozessen wurden 161 Nazis verurteilt

Bereits im November 1943 hatten die Alliierten in der Moskauer Erklärung beschlossen, Hauptverantwortliche der NS-Verbrechen vor Gericht zu stellen. Die entsprechenden Verfahren begannen im November 1945 und gingen – wegen ihres Gerichtsortes – als "Nürnberger Prozesse" in die Geschichte ein.

Saal 600 des Nürnberger Justizgebäudes: Schauplatz der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher der Nazi-Zeit / © Daniel Karmann (dpa)
Saal 600 des Nürnberger Justizgebäudes: Schauplatz der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher der Nazi-Zeit / © Daniel Karmann ( dpa )
Quelle:
DR