In die dortige Aula hatte das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" geladen, um mit dem Frontmann der Linken über das Thema "Wie tot ist der Sozialismus?" zu diskutieren. "Alles, was ich kann, hängt mit Sprechen zusammen", sagt Gysi gerne - ist er doch ein begnadeter Rhetoriker. So erlebten mehrere hundert Zuhörer zwei Stunden lang eine große Gregor-Gysi-Show und bekamen Parallelen zwischen Christentum und Sozialismus serviert.
Die Kernfrage hatte der Politiker schnell beantwortet: Der Sozialismus sei nicht tot, auch wenn der Staatssozialismus gescheitert sei, sogar scheitern habe müssen. Die falsche Umsetzung einer Idee dürfe aber nicht zu deren Begräbnis führen. Als bestes Beispiel diene dafür die katholische Kirche: Die Idee der Bergpredigt sei seit 2.000 Jahren auch noch nicht Realität, stattdessen habe es im Namen des Christentums viele Verbrechen gegeben. Trotzdem sei sie so stark, dass die Kirche immer noch bestehe. "Und die hat nicht einmal den Namen aufgegeben", witzelte er in Anspielung auf die Umbenennung der SED in PDS, heute Linkspartei.
Und weil der Linken-Fraktionschef schon mal dabei war, Komplimente zu verteilen, bekam auch der Kapitalismus eins ab. Durch ihn gebe es große Fortschritte, etwa in der Wissenschaft, der Kultur oder bei der Steigerung der Effektivität. Aber mit ihm könne man eben kein Elend bekämpfen, langfristig Frieden schaffen oder die ökologischen Fragen lösen. Kurzum: Der Kapitalismus erzeuge keine Moral, so wie es auch keine politische Partei oder Strömung tue - nicht einmal die Linken.
"Das können nur die Kirchen, wenn sie wollen", sagte Gysi und schob ein weiteres Lob hinterher: Beide großen Kirchen hätten einen Armutsbericht geschrieben, den selbst "Gewerkschaften so nicht zustande gebracht hatten". Gysi sammelte auch ohne solche Komplimente Pluspunkte bei den Eichstätter Studenten. Er hatte es leicht an diesem Abend. Lediglich "Spiegel"-Redakteur Stefan Berg unterbrach die Wortgewalt des Politikers immer wieder mit kritischen Fragen. Kritische Fragen der Studenten kamen nur spärlich.
Dabei waren die Erwartungen, zumindest der derzeitigen Hochschulleitung, ganz andere. Dass ein bekennender Sozialist an der katholischen Hochschule spreche, sei zwar etwas Besonderes, hatte Gert Melville bei der Begrüßung gesagt. Doch dies sei auch selbstverständlich. Die KU wolle ein Forum für den Diskurs über die Kernfragen der Gesellschaft sein; denn sich allein auf die eigenen Ansichten zu beschränken, sei "akademischer Unfug". Und der kommissarische Vizechef der Hochschule fügte hinzu: "Dabei kann und will uns keiner reinreden." Dafür gab es ebenso Applaus wie für Gysis Seitenhiebe auf die Kirche.
Wenn es um die Erneuerung der eigenen Institution beziehungsweise Partei gehe, bestehe die Linke den Vergleich mit der katholischen Kirche locker, so der Politiker und verteilte weiteres Lob: Sein Vater habe es als DDR-Staatssekretär für Kirchenangelegenheiten mit der katholischen Kirche immer leichter gehabt als mit der evangelischen. "Die waren strukturiert wie wir: Wenn der Chef was sagt, wird es auch so gemacht", zitierte ihn Gysi. Es komme darauf an, Werte zu erhalten, auch wenn sie nicht dem Zeitgeist entsprächen. Die katholische Sexualmoral zähle er allerdings nicht dazu.
Selbst mit seiner Antwort auf die Gretchenfrage, ob er denn an Gott glaube, sammelte Gysi Sympathiepunkte: Ja, es gebe Dinge, die man nicht erklären könne, zumindest bisher nicht. Er verstehe etwa immer noch nicht, wie aus etwas Anorganischem eine organische Erde werde.
"An den Urknall glaube ich noch weniger als an Gott." Aber auch wenn er bei seiner schweren Gehirnoperation vor einigen Jahren dem Tode nahe gewesen sei, glaube er trotzdem nicht: "Ich habe mir dann
gesagt: Wenn ich in diesem Moment nicht religiös geworden bin, werde ich es auch nicht mehr."