Gottesdienst zur Deutschen Einheit in Erfurt

Große Aufgaben bleiben

Mit einem ökumenischen Gottesdienst sind die zentralen Feierlichkeiten am Tag der Deutschen Einheit begangen worden. Laut Bischof Ulrich Neymeyr seien die Deutschen aber bis heute "nicht wirklich" zu einem Volk zusammengewachsen.

Erfurter Dom und Severikirche / © Roger Hagmann (KNA)
Erfurter Dom und Severikirche / © Roger Hagmann ( KNA )

Am 3. Oktober 1990 sei wohl nur wenigen Menschen bewusst gewesen sei, "welch große Aufgabe vor unserem Volk lag", betonte der Erfurter Bischof weiter. Vor Vertretern der Spitzen des Staates bat er um Gottes Beistand für weiteres Zusammenwachsen und ein "Wachsen an den Herausforderungen der Zeit".

Bischof Ulrich Neymeyr / © Dominik Wolf (KNA)
Bischof Ulrich Neymeyr / © Dominik Wolf ( KNA )

Der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer, warb in seiner Predigt für ein Miteinander ohne Gewalt, Bosheit und üble Nachrede. "Keine Gewalt - das ist der Konsens, der durch die friedliche Revolution in das neue Deutschland eingebracht wurde. Und es ist die Grundlage der Demokratie, denn nur in gewaltfreien Diskursen lassen sich sinnvolle Lösungen finden. Und das ist in diesen Tagen wahrlich nicht einfach", so Kramer.

Friedrich Kramer, Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland / © Ronny Hartmann (dpa)
Friedrich Kramer, Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland / © Ronny Hartmann ( dpa )

Kramer sagte: "Für Viele hier im Osten Deutschlands schmeckten die Jahre nach der Vereinigung nicht nach Milch und Honig, sondern gerade die Zeit der Deindustrialisierung und Massenarbeitslosigkeit lässt heute noch vielen hier in Thüringen die Galle aufstoßen." Ost und West hätten "wechselseitig" negative Erfahrungen gemacht. Aber es gebe auch viele Geschichten des gelingenden Wachsens. Beides müsse einander erzählt werden. "Lasst uns unsere Geschichten erzählen und nicht in Bosheit und übler Nachrede über Ossis und Wessis die Galle verstärken, lasst uns dies ablegen und einander zuhören auf Augen- und Ohrenhöhe."

Der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde, Reinhard Schramm, appellierte an die Kirchen, dass ihnen angesichts eines wachsenden Judenhasses in der Gesellschaft eine besondere Verantwortung zukomme:

"Denn vor Antisemitismus konnten sich Juden noch nie selbst schützen." Zugleich danke er Kirchen und Staat für eine vielfältige Zusammenarbeit, die dazu beigetragen habe, jüdisches Leben in Thüringen "tief zu verankern".

Aufruf zum Gewaltverzicht

Für die islamischen Gemeinden in Thüringen rief Nour Alzubi zu Gewaltverzicht auf: "Es ist an der Zeit, dass Christen, Juden, Muslime und alle Religionen gemeinsam gegen Gewalt ankämpfen, denn die führt oft zu Kriegen und einer Instabilität der Gesellschaften." Nur mit Liebe könne man den "ewigen Kreislauf der Gewalt" durchbrechen. Die Studentin war 2015 aus Syrien geflüchtet.

Zentrale Feier zum Tag der Deutschen Einheit / © Martin Schutt (dpa)
Zentrale Feier zum Tag der Deutschen Einheit / © Martin Schutt ( dpa )

Als Vertreter für Menschen ohne Religionszugehörigkeit sagte Bernd Kemter, Vorsitzender der Thüringer Goethegesellschaft, er sei dankbar für die Orte, an denen im wiedervereinten Deutschland bereits ein vertrauensvolles, friedliches Miteinander gelinge: "Gläubig oder nicht, westdeutsch oder ostdeutsch, mit oder ohne Migrationshintergrund - wir wachsen weiter zusammen."

An dem Gottesdienst nahmen unter anderen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sowie der Papst-Botschafter in Deutschland, Nuntius Nikola Eterovic, teil.

Ökumenischer Gottesdienst im Mariendom in Erfurt zum Tag der Deutschen Einheit / © Martin Schutt (dpa)
Ökumenischer Gottesdienst im Mariendom in Erfurt zum Tag der Deutschen Einheit / © Martin Schutt ( dpa )

Im Anschluss war im Erfurter Theater ein Festakt zum 32. Jahrestag der Einheit geplant. Thüringen hat aktuell den Bundesratsvorsitz und richtet deshalb die Einheitsfeierlichkeiten aus. Bereits seit Samstag findet in Erfurts Innenstadt ein Bürgerfest statt.

Chronologie: Von der Ausreisewelle zur Deutschen Einheit

1989: 4. September: In Leipzig versammeln sich an einem Montag rund 1000 Menschen vor der Nikolaikirche und fordern unter anderem Reisefreiheit. Daraus entstehen die Montagsdemonstrationen.

10. September: Ungarn kündigt an, seine Grenze nach Österreich für DDR-Bürger, die dort teilweise seit Wochen ausharren, zu öffnen. Bis Ende Oktober gelangen so etwa 50 000 Menschen in die Bundesrepublik.

Rund eine Million Menschen feierten in der Nacht des 3. Oktober 1990 in Berlin die deutsche Einheit (dpa)
Rund eine Million Menschen feierten in der Nacht des 3. Oktober 1990 in Berlin die deutsche Einheit / ( dpa )
Autor/in:
Karin Wollschläger
Quelle:
KNA