1.700 Jahre Sonntagsruhe: Ein immer wieder bedrohtes Gut

Gottesdienst und Müßiggang

Kaiser Konstantin hat ihn vor 1.700 Jahren eingerichtet. Doch der arbeitsfreie Sonntag hat sich immer wieder verändert und neue Formen angenommen. Ein Blick zurück in die jüngere und fernere Geschichte.

Junge Frau auf einer Kirchenbank im Gebet / © Anna Nass (shutterstock)
Junge Frau auf einer Kirchenbank im Gebet / © Anna Nass ( shutterstock )

Brötchenverkauf am Sonntagmorgen, Einkaufsbummel in der City und Freizeitkleidung statt Festtagsoutfit: Der Sonntag ist nicht mehr das, was er mal war. Wenn Städte zu verkaufsoffenen Sonntagen einladen, wenn der Online-Händler Amazon an Adventssonntagen Zehntausende arbeiten lassen will - dann liegen sie quer zu einem 1.700 Jahre alten Gebot.

Ruhetag seit 1700 Jahren

Der römische Kaiser Konstantin war es, der am 3. März des Jahres 321 nach jüdischem Vorbild die Sonntagsarbeit gesetzlich einschränkte und den Tag zum öffentlichen Ruhetag für Richter, Händler und die Stadtbevölkerung machte. Kirchen und Gewerkschaften wollen deshalb in den kommenden Wochen 1.700 Jahre arbeitsfreien Sonntag feiern.

Der Begriff "Sonntag" ist dabei keine Erfindung der Christen. Griechen und Römer benannten ihre Wochentage nach den Planeten und deren angeblich göttlichen Kräften. Die frühen Christen dagegen feierten die Auferstehung Jesu am "Tag des Herrn - dies domenica". Schließlich setzte sich in einigen Sprachen aber doch wieder die antike Bezeichnung durch, war doch Jesus die "neue Sonne".

Konstantins Gesetz ließ sich erst nach und nach durchsetzen; so war der Ruhetag im Frühmittelalter im deutschen Sprachraum noch kein Thema. Doch die Kirche machte Druck: Das Konzil von Narbonne (589) verhängte bei Verstößen sechs Goldstücke für einen Freien und 100 Geißelhiebe für einen Hörigen. Es gab immer präzisere Vorschriften: Der Sonntag wurde zu einem Tag umfassender Enthaltsamkeit. Neben knechtischer Arbeit, Sex und Kriegsdienst wurden zeitweise auch Rasieren, Reiten oder Kartenspielen verboten.

Nicht unumstritten

Auch bei Christen blieb die Sonntagsruhe aber nicht unumstritten. Es sei Gott wohlgefälliger, nach dem Gottesdienst "zu mähen, Gras zu schneiden und zu heuen und andere notwendige Arbeiten zu verrichten, als sich liederlich dem Müßiggang hinzugeben", belehrte der Züricher Reformator Ulrich Zwingli 1523 seine Gemeinde.

Die Arbeitsruhe sei im Verlauf der Kirchengeschichte fälschlicherweise immer wieder zum wesentlichen Kriterium der Sonntagsheiligung gemacht worden, kritisierte auch der Mainzer Liturgiewissenschaftler Adolf Adam in einem in den 70er Jahren erschienenen Standardwerk über das Kirchenjahr. Die Kirche habe sich den strengen Sabbat-Vorschriften des Judentums wieder angenähert, schreibt Adam. Erst in der Neuzeit habe die katholische Kirche wieder klar in den Mittelpunkt gerückt, was schon für die frühen Christen den Kern ausmachte: die gemeinschaftliche Feier des Gottesdienstes.

Die Grundzüge einer "Sonntagskultur" mit Familienkaffee und Spaziergang bildeten sich erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts heraus. Allerdings nur für das Bürgertum, denn weder Bauern noch Arbeiter konnten einen regelmäßigen Ruhetag genießen. Erst mit den Sozialgesetzen zu Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Arbeit am Sonntag wieder eingeschränkt. Die Weimarer Reichsverfassung von 1919 gab der Sonntagsruhe Verfassungsrang - wie auch das Grundgesetz.

Sonntagsruhe und die Politik

Immer wieder war der Sonntag auch politisch bedroht: Die Französische Revolution versuchte ebenso wie die Bolschewisten, eine andere Zeitrechnung einzuführen und den Sonntag abzuschaffen. Die Nazis organisierten Feste, Propagandamärsche und Gruppenstunden für Jugendliche, um dem Gottesdienst Konkurrenz zu machen.

In der Bundesrepublik ließ die kirchliche Bindung mehr und mehr nach, der Gottesdienst gehörte für viele nicht mehr zum Sonntagsritual. Wirtschaftswachstum sowie der arbeitsfreie Samstag ab 1956 brachten ein verändertes Wochenendgefühl. Auto und Fernsehen sorgten für neue Riten - von der Sportschau am Samstagabend bis zum Tatort am Sonntagabend. DDR-Familien verbrachten den Sonntag bevorzugt in ihrer Laube im Grünen. Kirche wurde aus der Öffentlichkeit verdrängt und spielte immer weniger eine Rolle.

Im wiedervereinigten Deutschland lassen sich sowohl eine zunehmende Entkirchlichung als auch eine zunehmende Aufweichung des Arbeitsverbots an Sonn- und Feiertagen beobachten. Maschinen sollen rund um die Uhr ausgelastet werden, Börsen und international arbeitende Unternehmen können sich nach eigener Darstellung eine Auszeit nicht leisten. Viele Menschen empfinden die Sonntagsruhe zudem als langweilig, wollen etwas erleben - und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein.

Spaziergang in der Kälte / © Harald Oppitz (KNA)
Spaziergang in der Kälte / © Harald Oppitz ( KNA )
Weihrauch steigt aus einer Schale auf in der Heilig-Kreuz-Kirche, Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität, in Frankfurt am 19. Januar 2021 / © Harald Oppitz (KNA)
Weihrauch steigt aus einer Schale auf in der Heilig-Kreuz-Kirche, Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität, in Frankfurt am 19. Januar 2021 / © Harald Oppitz ( KNA )
Autor/in:
Christoph Arens
Quelle:
KNA