Goethe-Haus in Rom erzählt "Bilder-Geschichten"

Verjagte Päpste und verbrannte Liebesbriefe

Kunst ist meist schön anzusehen. Aber oft erzählt sie auch Geschichten, von denen man nichts ahnt: über ihre Schöpfer, ihre Entstehung oder ihre Provenienz. Viele solcher Geschichten findet man nun im Goethe-Haus in Rom.

Autor/in:
Sabine Kleyboldt
Ausstellung "Kunstgeschichten - Neuzugänge in der Sammlung der Casa di Goethe", am 5. Februar 2026 außen am Gebäude der Casa di Goethe in Rom (Italien) / © Sabine Kleyboldt (KNA)
Ausstellung "Kunstgeschichten - Neuzugänge in der Sammlung der Casa di Goethe", am 5. Februar 2026 außen am Gebäude der Casa di Goethe in Rom (Italien) / © Sabine Kleyboldt ( KNA )

Den bärtigen Herrn auf dem Gemälde kennt eigentlich keiner, auch seinen Porträtisten nicht. 

Dennoch lohnt es sich, die Geschichte um das Porträt des Bildhauers Artur Volkmann (1851-1941) zu erzählen, das sein Freund Franz Pallenberg (1873-1949) von ihm schuf. Zu sehen ist es in der Casa di Goethe in Rom, dem Museum geschenkt von den Erben Pallenbergs. 

Casa di Goethe / © Daniele COSSU (shutterstock)

Eine der Enkelinnen des Künstlers ist auf ganz andere Weise berühmt: Anita Pallenberg, Schauspielerin, Model und Muse der "Rolling Stones" die mit Keith Richards drei Kinder hatte.

Eine der zahlreichen Anekdoten und Erzählungen, die das einzige deutsche Museum im Ausland ab Freitag darbietet. Bis 12. April präsentiert die Casa di Goethe in der Ausstellung "Kunst-Geschichten" rund 30 noch nie gezeigte Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken sowie Gebrauchsgegenstände, die sie seit 2017 neu gesammelt hat.

Werke von 1775 bis heute

Zu sehen sind Werke von 1775 bis heute, angefangen von Künstlern aus der Zeit Johann Wolfgang von Goethes (1749-1832) in Italien zwischen 1786 und 1788, wie Christian Heinrich Kniep und Jakob Philipp Hackert. Das 19. Jahrhundert repräsentieren unter anderem Gemälde von Wilhelm Brücke, Oswald Achenbach oder Edmund Kanoldt. 

Gregor H. Lersch, Direktor der Casa di Goethe in Rom (Italien), und Kuratorin Claudia Nordhoff, am 5. Februar 2026 in der Casa di Goethe in Rom / © Sabine Kleyboldt (KNA)
Gregor H. Lersch, Direktor der Casa di Goethe in Rom (Italien), und Kuratorin Claudia Nordhoff, am 5. Februar 2026 in der Casa di Goethe in Rom / © Sabine Kleyboldt ( KNA )

Die Moderne ist durch vier Farb-Lithografien von Henry Moore zu Goethes Hymne an Prometheus, ein Goetheporträt des italienischen Futuristen Filippo de Pisis sowie die Kaltnadelradierungen "Rom" von Claudia Berg zu Goethes Italien-Reise vertreten.

Viele Werke nehmen Bezug auf die 5.000 Bände umfassende Bibliothek des Deutschen Künstlervereins, die die Casa di Goethe aufbewahrt. Auch Pallenberg und Volkmann gehörten zu der bis 1917 bestehenden Vereinigung, in der sich die zahlreichen in Rom seit dem 18. Jahrhundert tätigen Künstler organisierten.

Kompromittierende Dokumente?

Prominentes Beispiel ist Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829), einer von Goethes Mitbewohnern seiner Künstler-WG in dem heutigen Museum. Die Zeichnung "Wie ich meine Briefe verbrannte" reizt die Fantasie: Tischbein sitzt über ein Feuer geneigt, sein Gesicht nur von den Flammen erleuchtet, und wirft Papiere hinein. 

Aber welche Schriftstücke sind das? Heimliche Liebesbriefe? Kompromittierende Dokumente?

"Es ist wohl eine Anspielung auf eine von Goethe beschriebene Szene aus 'Dichtung und Wahrheit'", erläutert Ausstellungs-Kuratorin Claudia Nordhoff. "Tischbein war ein merkwürdiger Kauz, nicht sehr zuverlässig", so die Kunsthistorikerin. 

Als er Akademiedirektor in Neapel wurde, übernahm Goethe sein größeres WG-Zimmer, als Tischbein kurz darauf seine Rückkehr nach Rom ankündigte, machte Goethe sein Zimmer rasch wieder frei. Am Ende kam er doch nicht wieder. "Typisch Tischbein", meint Nordhoff. "Aber die Zeichnung ist ein starkes Stück für unsere Sammlung."

Nicht nur Dichterhaus, sondern auch Museum

"Unsere Sammlungstätigkeit macht uns erst zum Museum, denn wir sind nicht nur Dichterhaus", sagt Gregor Lersch, seit 2021 Direktor der 1997 gegründeten Casa di Goethe. Bis 2017 umfasste die Kollektion 16 Gemälde, rund 90 Zeichnungen und etwa 1.000 Werke im Bereich der Druckgrafik.

Eine aufgeschlagene Ausgabe aus dem Jahr 1774 des Romans "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe. Ausgestellt in der Bibliothek des Museums "Casa di Goethe", dem Goethe-Haus in Rom. / © Paula Konersmann (KNA)
Eine aufgeschlagene Ausgabe aus dem Jahr 1774 des Romans "Die Leiden des jungen Werthers" von Johann Wolfgang von Goethe. Ausgestellt in der Bibliothek des Museums "Casa di Goethe", dem Goethe-Haus in Rom. / © Paula Konersmann ( KNA )

Viele gehen auf Schenkungen, Auktionen oder den Erwerb aus dem Kunsthandel zurück, denn dem Museum steht ein gewisses Budget für Ankäufe zur Verfügung.

Auch werden inzwischen mehr kulturhistorische Gegenstände aus der Zeit Goethes erworben. In der Ausstellung finden sich zwei Geldscheine und mehrere Münzen. Eine Medaille erinnert an Papst Pius VI. (1775-1799) - dessen Pontifikat nicht unumstritten war, wie Claudia Nordhoff sagt: 

"Wenn er in der Sänfte durch die Straßen getragen wurde, riefen die Menschen 'Wir wollen keinen Segen, wir wollen Brot!'", so die Kuratorin. Sein tragisches Ende war aber rein politisch motiviert: 1798 wurde Pius VI. auf Geheiß Napoleons nach Frankreich verschleppt, wo er 1799 mit 81 Jahren starb.

Für Touristen: Rom damals und heute

Für die vielen Rom-Touristen bieten sich Vergleiche mit der Ewigen Stadt der vergangenen Jahrhunderte an. So zeigt der Maler Luigi Rossini (1790-1857) die Ruine der Basilika Sankt Paul vor den Mauern, die im Juli 1823 fast komplett niederbrannte.

Johann Wilhelm Brücke (1800-1874) bietet einen Blick vom Pincio mit einem Brunnen, der heute noch steht. Giovanni Battista Piranesis (1720-1778) Radierungen zeigen ein völlig überwuchertes Kolosseum. Auf dem Forum Romanum weideten damals Kühe, Ausgrabungen wurden von sogenannten "antiquari" nach Belieben vorgenommen.

Die meisten dieser Werke sollen in die Dauerausstellung integriert werden, vielleicht schon zum 30-jährigen Bestehen des Museums im kommenden Jahr. Eine Locke des Dichterfürsten Goethe dürfte aber im Depot bleiben, meint Kuratorin Nordhoff: "Wir wissen nicht, ob sie einer DNA-Überprüfung standhielte."

Quelle:
KNA