Gerhardt betont Schulterschluss mit Union

In Vorwahlzeiten punkten

Das Verhältnis von Liberalen und Kirche sei in Wirklichkeit entspannter als öffentlich oft dargestellt, urteilt der FDP-Politiker Wolfgang Gerhardt. Im domradio.de-Interview spricht der Ex-FDP-Vorsitzende über sein Ausscheiden aus dem Bundestag.

Wolfgang Gerhardt (dpa)
Wolfgang Gerhardt / ( dpa )

domradio.de: Sie haben mal gesagt, Bundestagsarbeit sei wie "Gehirnjogging", weil es ständig schnelle Themenwechsel gibt, werden Sie das vielleicht vermissen?

Gerhardt: Nein, das behalte ich bei. Ich kann mich nicht beschweren, dass auch die internationale Arbeit der Friedrich Naumann Stiftung die Herausforderung bereit hält, die man braucht und natürlich bleibe ich politisch interessiert und bin auch in den Sitzungswochen des Bundestages weiterhin in Kontakten in Berlin.

domradio.de: Wie intensiv verfolgen Sie den Wahlkampf? Kann man da etwas entspannter sein, wenn man aus der aktiven Politik ausscheidet?

Gerhardt: Ja und nein. Ich bin auf Einladungen vieler Kreis- und Bezirksverbände der FDP in ganz Deutschland unterwegs, aber nicht mehr in den alten Veranstaltungsformen von Betriebsbesuch bis Einzelgespräch bis Pressekonferenz. Ich mache Veranstaltungen, aber viel grundsätzlicher, nicht das Versinken in der aktuellen Tagespolitik.

domradio.de: Geht Wahlkampf 2013 anders als vor 20 Jahren?

Gerhardt: Eigentlich nicht viel, man müsste ihn aber anders gestalten. Ich glaube, dass wir uns täuschen, dass wir durch die traditionellen Wahlkampfveranstaltungen viele Menschen erreichen. Ich erlebe es jedenfalls bei der Stiftungsarbeit. Wenn man sich in Nichtwahlzeiten einen Abend Zeit nimmt, über sehr viele grundsätzliche Fragen diskutiert, dass hohes Interesse da ist. Ich behaupte sogar, dass die Meinungsbildung für die eine oder andere politische Grundrichtung eher herbeizuführen ist, wenn man in Vorwahlzeiten sich ausreichend Zeit nimmt. Man darf nicht glauben, obwohl viele sagen, Menschen entscheiden sich in den letzten Wochen, dass man sich allein darauf verlassen sollte.

domradio.de: Am 22. September wird gewählt. Nach aktuellen Umfragen könnte die FDP so ein bisschen das Zünglein an der Waage sein, was die Mehrheitsverhältnisse angeht. Sehen Sie das auch so?

Gerhardt: Ja, ich sehe das so. Ich traue uns auch etwas mehr zu, als es jetzt in Umfragen deutlich wird und spüre das auch in Gesprächen, wenn mich Mitbürger ansprechen. Es gibt zwar einen großen Trend von Menschen, eigentlich mehr um sich selbst vor komplizierten Fragen zu entlasten, die eine große Koalition (wollen, Anm. d. Red.), aber es gibt auch ein Potenzial, das sagt, das führt uns nicht weiter, wir wollen eher eine klare politische Programmatik haben. Solche Wähler werden wir mit Sicherheit bekommen. Ich glaube, dass wir zusammen mit der Union die Wahl gewinnen werden. 

domradio.de: Das war vor vier Jahren auch so. Damals hatten Sie ein hervorragendes Wahlergebnis für die FDP einfahren können und dann gab es einen katastrophalen Start in die Regierungszeit. Die Umfragewerte sind auch prompt eingebrochen. Sollte es mit dem Wiedereinzug nicht klappen, wäre das dann ein Fall von "selbst Schuld"?

Gerhardt: Ich glaube, dass wir den Bundestag erreichen werden, aber Sie haben Recht, man muss sich immer bewusst werden, dass wir damals einen katastrophalen Fehler mit hohem Vertrauensverlust zu Beginn der Legislaturperiode gemacht haben, aber man ist auch dazu da, um zu lernen. Das muss ein einmaliges Ereignis bleiben und das wird es auch sein.

domradio.de: Das Wahlprogramm Ihrer Partei trägt den Titel "Bürgerprogramm". Mit welcher Partei sehen Sie da Schnittstellen? Geht eine Koalition mit Ihren Zielen, Forderungen und Versprechungen nur eine Koalition mit der CDU?

Gerhardt: Gegenwärtig von den wirtschaftlichen, von den ökonomischen Fragen ist es die Union. Wir haben die größeren Schnittstellen mit der Union und wir haben die größeren Differenzen mit anderen Parteien. Das sollte man dann auch so zum Ausdruck bringen, das ist nichts ehrenrühriges, wenn man sagt, mit anderen können wir gegenwärtig nicht arbeiten, das ist eine logische Folge der Beschlussfassung auch bei der SPD vor allem.

domradio.de: Wenn man durch Ihr Bürgerprogramm blättert, dann findet man das Wort "Kirche" an zwei Stellen. Einmal bei der Forderung der absoluten Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften und dann ein zweites Mal, dass Sie die Mittel für Kirchen und Stiftungen erhöht haben, um die Entwicklungszusammenarbeit breiter aufzustellen. Wie sehen Sie das Verhältnis von Politik, von Staat und Kirche?

Gerhardt: Auch bei der FDP, die ja immer auch eine gewisse Distanz zu Kirche hatte, aber mehr aus ganz früheren Zeiten, sehe ich das völlig entspannt. Ich bin mit Interesse auf ein Papier der katholischen Bischöfe über Sozialpolitik gestoßen, das ich fast hundertprozentig unterschreiben könnte, mit "Fördern und Fordern", mit dem Thema Selbstbestimmung des Menschen, mit den Bindungen, die Menschen eingehen sollten. Die öffentliche Wahrnehmung zwischen FDP und Kirche entspricht nicht dem konzeptionellen Bereich. Ich bin jemand, der dieses Papier der katholischen Bischöfe meiner eigenen Partei auch anempfehlen würde.

Das Interview führte Matthias Friebe


Quelle:
DR

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