Gastgeber Rio de Janeiro steckt tief in der Finanzkrise

Olympialand ist abgebrannt

Knapp sieben Monate vor Beginn der Olympischen Spiele steht Gastgeber Rio de Janeiro vor der Pleite. Schuld sind Brasiliens Wirtschaftskrise und ein Korruptionsskandal rund um den Ölkonzern Petrobras.

Autor/in:
Thomas Milz
Strand von Copacabana in Rio / © Marcelo Sayao (dpa)
Strand von Copacabana in Rio / © Marcelo Sayao ( dpa )

Ana Luisa kam auf einem mit Gras überwucherten Bürgersteig in Mesquita, einem Vorort von Rio de Janeiro, zur Welt - direkt gegenüber einer Geburtsklinik. Weil von Rios Finanzkrise vor allem die Krankenhäuser betroffen sind, werden täglich Tausende Patienten wie Ana Luisas Mutter unbehandelt fortgeschickt.

Gesundheitsnotstand

Das Hospital Rocha Faria im Westen der Stadt weist ebenfalls Schwangere ab. Weder funktioniere der Ultraschallapparat, noch stünden Krankenbetten zur Verfügung, so die Begründung. Ein neu errichtetes Frauenkrankenhaus im Vorort Sao Joao de Meriti hat zwar 127 Betten, musste jedoch wegen fehlenden Materials schließen.

Insgesamt sind 27 Kliniken komplett oder teilweise geschlossen. Gouverneur Luiz Fernando Pezao rief bereits für sechs Monate den Gesundheitsnotstand aus. In knapp sieben Monaten beginnen die Olympischen Spiele, und seit sechs Jahren wird dafür hektisch gebaut. Das Olympia-Budget beläuft sich auf umgerechnet knapp zehn Milliarden Euro. Darin enthalten sind auch die Kosten für sogenannte Infrastruktur-Interventionen, die den chaotischen Verkehr ordnen sollen. Rios Regierende müssen das Problem rasch lösen, um einen Imageschaden zu verhindern.

Leere Kassen

Um die Situation in den Krankenhäusern wieder zu stabilisieren und den Betrieb wenigstens bis Ende Januar zu garantieren, braucht die Landesregierung kurzfristig 150 Millionen Euro. Doch die Kassen sind leer; 2015 gingen die Einnahmen um rund drei Milliarden Euro zurück. Vor Wochen schloss bereits die Landesuniversität wegen fehlender Gehälter. Zudem sind die 13. Monatsgehälter für die Beamten überfällig.

Der Bundesstaat Rio de Janeiro hängt am Tropf des halbstaatlichen Ölkonzerns Petrobras, der seinen Firmensitz im Zentrum der Stadt hat. In den vergangenen Jahren warfen die Aktivitäten des Unternehmens Milliardeneinnahmen für die öffentliche Hand ab. Dank der sprudelnden Ölgelder wurde der Beamtenapparat aufgebläht; nun herrscht Katerstimmung. Man habe mit einem Ölpreis von über 100 US-Dollar pro Barrel kalkuliert, so die Landesregierung. Jetzt liegt er bei 40 US-Dollar.

Petrobras leidet auch unter den seit zwei Jahren laufenden Untersuchungen zu einem gigantischen Korruptionsskandal, durch den das Unternehmen Milliarden Euro und viel Vertrauen verloren hat. Manager und Unternehmer sitzen in Haft; gegen viele Spitzenpolitiker wird ermittelt. Der Skandal lähmt Brasilien, die Wirtschaft taumelt 2015 einem Minuswachstum (gleich Schrumpfung) von vier Prozent entgegen.

Last der Olympia-Ausgaben

Die rasch steigende Arbeitslosigkeit macht der Stadt Rio zu schaffen. Sie muss neben dem Bund die Hauptlast der Olympia-Ausgaben stemmen. Bürgermeister Eduardo Paes versicherte zuletzt, dass es um den städtischen Haushalt besser stehe als um die Landeskassen. "Die Stadt Rio geht nicht pleite", so sein Mantra.

Man habe bereits zu Jahresbeginn den städtischen Haushalt um 15 Prozent gekürzt, so Paes. Zugutekomme der Stadt auch, dass mehr als 60 Prozent der Olympiakosten von der Privatwirtschaft, hauptsächlich Immobilienfirmen, übernommen würden. Die bekommen dafür Baulizenzen auf öffentlichem Grund. Zudem ziehen die Sponsoren nach wie vor mit.

In diesem Punkt steht Olympia besser da als die FIFA. Der Bund hat seine Finanzzusagen trotz wegbrechender Steuereinnahmen bislang ebenso eingehalten. Die Olympiabauten stehen kurz vor der Fertigstellung. Einzig dort, wo das Land verantwortlich ist, wie beim Ruderstadion und der Metroanbindung des Olympiaparks, sieht es kritisch aus. Genau wie im Gesundheitssektor wird wohl der Bund einspringen müssen.

Sportler müssen zuzahlen

Sparen muss unterdessen auch das Organisationskomitee - das am Komfort der Sportler ansetzt. Die sollen für Essen und Klimaanlagen selbst zahlen; die Fernseher auf den Zimmern sind gestrichen. Die geplante Säuberung der Guanabara-Bucht, in der im August die olympischen Segler starten sollen, fiel ebenfalls den Einsparungen zum Opfer. Bei Testveranstaltungen erkrankten wegen des stark verschmutzten Wassers schon mehrere Sportler. Die ungewisse Versorgungslage in den Kliniken verschärft die Problematik. Etliche Olympia-Teilnehmer dürften daher in Rio mit einem mulmigen Gefühl an den Start gehen.


Unter Druck: Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff (dpa)
Unter Druck: Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff / ( dpa )
Quelle:
KNA
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