Gastbeitrag zum Woelki-Hirtenbrief

"Man wird ja noch träumen dürfen"

Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki wirbt in einem Hirtenbrief um einen Neuanfang in der Erzdiözese. In einem Gastbeitrag skizziert der Kölner Diözesanratsvorsitzende Tim Kurzbach nun, welchen Inhalt er sich lieber gewünscht hätte.

Tim-O. Kurzbach / © Julia Steinbrecht (KNA)
Tim-O. Kurzbach / © Julia Steinbrecht ( KNA )

Kardinal Woelki hat uns allen einen langen Brief geschrieben. Er hat da von Schuld geschrieben, von eigenen Versäumnissen und Fehlern, er hat uns teilnehmen lassen an seinen ignatianischen Exerzitien, die in ihm Verhärtungen gelöst hätten und ihm die Freiheit gegeben hätten, dem Papst seinen Rücktritt anzubieten. Er bittet um die Chance eines Neuanfangs und wer wird als Christ so eine ausgestreckte Hand nicht ergreifen! Wir alle haben uns einen Neuanfang gewünscht, haben uns gewünscht, einen neuen Erzbischof zu haben, der uns wirklich zuhört, der mit uns gemeinsam einen Weg geht, der mit uns auf die 50.000 Katholikinnen und Katholiken zugeht, die – zum großen Teil "wegen Woelki" – die Kirche im vergangenen Jahr verlassen haben. 

Woran liegt es aber, dass dieser Brief so ein ungutes Gefühl hinterlässt? Schaut man genauer hin, dann benennt der Kardinal kein einziges konkretes eigenes Versagen, keinen einzigen konkreten eigenen Fehler, keine einzige wirkliche Schuld. Es bleibt nur bei allgemeinen Schuldbeteuerungen, wie sie uns Christen allen gut anstehen, aber den Vertrauensverlust, den er, Kardinal Woelki persönlich, angerichtet hat, die zehntausenden Kirchenaustritte, die verzweifelten Gemeinden, die durch sein Verhalten verletzten Menschen, werden nicht konkret benannt. 

Damit klar wird, was ich meine, formuliere ich mal einen Kardinalsbrief, wie ich ihn mir gewünscht hätte. Es hätten ja schon ein paar Aspekte dieses Briefes genügt, aber dass buchstäblich kein einziger dieser Punkte im realen Brief des Erzbischofs vorkommt, lässt mich zweifeln und hoffen, dass der Heilige Vater jetzt seiner Hirtensorge nachkommt.

Ein geträumter Brief:

Liebe Brüder und Schwestern im Erzbistum Köln, 

fünf Monate hatte ich Zeit, mir Gedanken über mein Verhalten in den vergangenen eineinhalb Jahren zu machen - und ich bin über mich selber erschüttert. Ich habe meine Pflicht als Ihr Erzbischof nicht erfüllt, ich habe leichtfertig Fehlentscheidungen getroffen und ich habe außerdem "Gutes unterlassen". Bevor ich dafür Sie alle, liebe Brüder und Schwester, um Verzeihung bitte, möchte ich aber meine Schuld ohne Wenn und Aber bekennen: 

Ich habe leichtfertig im Jahre 2018 eine Anwaltskanzlei mit einer Untersuchung beauftragt, die offensichtlich von den aussagerechtlichen und datenschutzrechtlichen Aspekten einer solchen Untersuchung überfordert war. Ich hätte mich da besser kundig machen müssen und die auf der Hand liegenden Probleme einer solchen erstmaligen Untersuchung sofort klären lassen müssen. 

Ich habe dann die ungesehene Veröffentlichung dieser Untersuchung viele Male verbindlich versprochen - und dann im Oktober 2020 dieses Versprechen gebrochen. 

Es ist meine Schuld, dass deswegen dann ein zweites teures Gutachten eingeholt werden musste und dass zusätzliche hohe Kosten für die deswegen eingeschaltete professionelle Kommunikationsberatung anfielen. Und ja, ich habe dies auch getan um selber in einem guten Rampenlicht zu stehen. 

Vor allem werfe ich mir vor, dass Mitglieder der Betroffenenvertretung sich instrumentalisiert fühlten, als ich sie zur Unterstützung meiner Entscheidung, das erste Gutachten nicht zu veröffentlichen, einbezogen habe. Ja – ich habe sie über den Tisch gezogen!

Ich habe zudem viel zu spät erkannt, dass in meiner Kirche auch systemische Ursachen  den  Missbrauch begünstig haben. Ob als Rektor, Weihbischof, Erzbischof oder Kardinal - ich war und bin immer an herausgehobener Stelle Träger dieses Systems. Ich war und bin also in besonderem Maße verantwortlich für dieses System, was die Macht missbraucht hat. Daher tut es mir heute besonders leid, dass ich die Bemühungen zur Veränderung dieses Systems – den Synodalen Weg viel zu wenig mit gegangen bin. Ja – dass ich durch meine Äußerungen zu den Reformvorschlägen  viele unnötig verletzt und gekränkt habe – anstatt sie zu ermutigen. 

Besonders schlimm ist dann aber auch, dass wegen meines Fehlverhaltens sehr viele Katholikinnen und Katholiken aus der Kirche ausgetreten sind. 

All diese Fehler und diese Schuld sind mir bewusst geworden, ich habe sie in der Beichte vor Gott getragen und bitte nun auch Sie, liebe Brüder und Schwestern, dafür um Verzeihung, wenn Sie können. Ich meinerseits möchte mich darum bemühen, den Schaden soweit möglich wieder gut zu machen. Ich werde mich bemühen, Ihnen wirklich zuzuhören, meine Entscheidungen transparent zu machen und die engagierten Menschen und Gremien in unserem Erzbistum vor Entscheidungen konstruktiv, verbindlich und ehrlich in die Entscheidungsfindung einzubeziehen. Ich werde mich ehrlich für Reformen in unserem Erzbistum und in unserer ganzen Kirche einsetzen, auch wenn ich da vielleicht nicht alle Wünsche befriedigen kann. 

Auch künftig bitte ich Sie um Ihre offene Kritik, dann können wir einen gemeinsamen Weg in eine gute Zukunft unseres Erzbistums gehen. Wenn ich aber erkennen sollte, dass ein solcher gemeinsamer Weg nach allem, was passiert ist, nicht mehr möglich ist, dann bin ich bereit, klaglos meinen Dienst als Erzbischof von Köln zu beenden und irgendwo als Pfarrer meine Berufung zu leben. 


Man wird ja noch träumen dürfen – aber um diese genaue Klärung werden wir nicht herum kommen... 

Tim-O. Kurzbach

Information der Redaktion: Tim-O. Kurzbach ist Oberbürgermeister von Solingen und Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Köln.

Autor/in:
Tim-O. Kurzbach
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