Fundamentaltheologe sieht Katechismus als überholt an

Wird der Katechismus zum Ladenhüter?

Vor 30 Jahren stellte Papst Johannes Paul II. den Katechismus vor. Heutzutage gilt dieses Regelwerk oft eher als überholt. Auch der Fundamentaltheologe Oliver Wintzek ist skeptisch, ob der Katechismus nicht doch zum Ladenhüter wird.

Holzkreuz auf einer Bibel / © Elena Elisseeva (shutterstock)
Holzkreuz auf einer Bibel / © Elena Elisseeva ( shutterstock )

DOMRADIO.DE: So ein Nachschlagewerk, wo man einfach mal rein guckt, wenn man wissen will, was sagt die Kirche jetzt zu diesem oder jenem Thema? Das ist doch erst mal praktisch, oder?

Prof. Dr. Oliver Wintzek (privat)
Prof. Dr. Oliver Wintzek / ( privat )

Oliver Wintzek (Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Katholischen Hochschule Mainz): Praktisch ist es auf jeden Fall. Ich stelle nur die Frage, ob dieses voluminöse Werk des Katechismus nicht zu unpraktisch ist. Die Forderung nach Kurzformeln des Glaubens ist ja nicht neu. Wir haben so etwas, was sich bewährt hat, was deutlich kürzer ist als dieses opulente Büchlein in Anführungszeichen. Wir haben etwa das Glaubensbekenntnis und ich gebe zu bedenken 1992 ist nicht mehr 2022.

Oliver Wintzek (Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Katholischen Hochschule Mainz)

"Allein das spiegelt schon wieder wie pluriform eigentlich auch die katholische Glaubenswelt aufgestellt ist."

Wenn ich mich kundig machen möchte, greife ich in der Regel nicht zuerst nach einem Buch, gar einem dicken. Ich mache mich im Internet kundig. Hier gibt es durchaus seriöse katholische Portale, wo man sich kundig machen kann. Es gibt leider auch anderes. Allein das spiegelt schon wieder wie pluriform eigentlich auch die katholische Glaubenswelt aufgestellt ist.

Hier meine Anfrage an den Katechismus, ob er nicht zu sehr verengend unterwegs ist, ob er nicht zu sehr eine Einheit propagiert, die es in der Geschichte und in der Gegenwart nie gegeben hat und auch wohl nicht gibt.

DOMRADIO.DE: Jetzt haben Sie das Jahr 2022 angesprochen. Man könnte jetzt aber auch sagen, damit der Glaube nicht in die Beliebigkeit abrutscht, braucht man aber so eine Art ewige Lehre. Also quasi wo katholischer Glaube draufsteht, da muss auch katholischer Glaube drin sein, der in der Tradition der Kirche steht.

Wintzek: In der Tradition der Kirche allemal. Aber die Tradition ist ja ein offener Prozess. Es ist ja nicht sozusagen irgendwie eine Kiste, in der alles immer schon hineingepackt wäre.

Gleichwohl, das gebe ich auch zu bedenken, gab es Epochen der Kirchengeschichte, der Theologiegeschichte, wo man so gedacht hat. Namentlich im 19. Jahrhundert hat man in Bezug auf Offenbarung, was ja schon ein sehr schillernder und fragwürdiger Begriff ist, sich in der Tat an dem Konzept ewiger Wahrheiten orientiert.

Die Vorstellung war, Gott gewissermaßen macht eine himmlische Informationspolitik. Dann hast du es ein für allemal. Gleichwohl, so sehr dies auch plausibel gewesen sein mag in dieser Epoche, so sehr hat man dann doch nicht zuletzt im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils in Bezug auf - ich sage es noch einmal - Offenbarung auch umgestellt, also von der Idee von vorgegebenen, objektiven Wahrheiten zu einem subjektiven Begegnungsgeschehen. Also, Gott schiebt "keine ewigen Informationen Wahrheiten über sich rüber", sondern es ist dem Menschen anheimgegeben, in einer Begegnung gläubiger Art mit Gott irgendwie eine gläubige Gewissheit zu erringen. Und das ist nicht fertig, das ist ein Prozess.

DOMRADIO.DE: Jetzt haben Sie gerade schon das Konzil angesprochen. Ein Kritikpunkt am Katechismus ist ja unter anderem, dass er als Abwehrhaltung auf das Zweite Vatikanische Konzil entstanden sei und also nachkonziliare Entwicklungen, die dem Papst problematisch erschienen sind, damals zurückweisen wollte. Heißt das, Sie teilen diese Kritik?

Oliver Wintzek (Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Katholischen Hochschule Mainz)

"Ein Katechismus fällt ja nicht vom Himmel."

Wintzek: Da ist wirklich etwas dran. Allein schon, dass man wieder einen Katechismus publiziert hat, lässt ja aufhorchen, wenn man so möchte. Das Vorgängermodell ist ja in apologetischer Abwehrhaltung entstanden, im Zuge der Reformationszeit. Also ein Abwehrbuch gegen Irrlehren, gegen falsche Meinungen. Insofern ist diese Kritik berechtigt.

Zudem kommt noch etwas: Ein Katechismus fällt ja nicht vom Himmel. Der hat Autoren - bei diesem Katechismus in der Tat eigentlich nur Männer. Und der maßgebliche Autor dieses Katechismus ist der uns ja hinlänglich bekannte Joseph Ratzinger, der - auch das ist bekannt - in Bezug auf das Konzil immer eine Hermeneutik der Kontinuität propagiert hat. Also dass das Konzil eigentlich die Dinge nicht korrigiert, nicht einen Bruch markiert, sondern dass es irgendwie geschmeidig weitergeht.

Und hier ist nun die Frage zu stellen, gerade in Bezug auf dieses Offenbarungsdenken, in diesen ewigen Wahrheiten, ob dies nicht verkennt, dass das Konzil in der Tat hier umgestellt hat, wie ich es vorhin erwähnte. Das dürfte bei aller, ich möchte mal sagen, Anerkennung dessen, was hier auch in diesem voluminösen Werk geleistet wurde, doch in der Tat zu kritisieren sein.

DOMRADIO.DE: Ein Beispiel für eine Lehre, die dann eben doch verändert wurde. Das ist die Todesstrafe. Bis vor ein paar Jahren hieß es im Katechismus, dass die überlieferte Lehre der Kirche die Todesstrafe gar nicht mal ausschließt. Papst Franziskus hat das 2018 ändern lassen. Wenn man doch Sachen ändern kann und damit zugibt, dass sich Dinge durchaus historisch entwickeln können, hat sich das mit den ewigen Wahrheiten und diesem Anspruch, das zu sammeln, dann nicht eh erledigt?

Wintzek: Also das mit den ewigen Wahrheiten ist ja sowieso eine Wunschvorstellung, die manche vielleicht teilen mögen. Sie sprachen von dieser Änderung durch Papst Franziskus.

In der Tat und ich würde sagen, es ist ein Indiz dafür, wenn man an einem Punkt und der ist jetzt nicht einmal im Glaubensinhalt höchst relevant, die Lehre ändern kann, kann man das auch an anderen Punkten, muss man es auch an anderen Punkten machen. Ich denke hier etwa an die diskutierte Stelle zur Bewertung gleichgeschlechtlicher Liebe im Katechismus, die einer dringenden Revision bedarf. Andere Dinge ließen sich anführen.

DOMRADIO.DE: Wenn jetzt so viel Kritik herrscht an diesem Katechismus nach 30 Jahren, was hat so ein Dokument dann heute überhaupt noch für ein Gewicht?

Wintzek: Bereits ein Jahr nach der Publikation des Katechismus hat der damalige Fundamentaltheologie in Freiburg, Verweyen, ein sehr lesenswertes Büchlein publiziert mit dem Titel "Therapie oder Symptom einer kranken Kirche". In dieser Spannung bewegt sich das Ganze. Ich tendiere dazu, dass dieser Katechismus eher ein Symptom für eine kranke Kirche ist, die sich nur sehr schwer und sehr zeitverzögert auf das Denken der Moderne einlassen kann, wo es um die Selbstbestimmtheit auch in Glaubensfragen der einzelnen Menschen geht.

Also nicht das Vorgegebene einer gewissermaßen zu Gänze zu übernehmenden Lehre, sondern das subjektive Wählen, was plausibel ist, was gewissermaßen glaubwürdig im besten Sinne des Wortes ist.

Inwieweit dieser Katechismus zum Ladenhüter wird oder ob er in manchen Kreisen als Bestseller gilt, bleibt abzuwarten. Ich bin sehr skeptisch und ich bin der Meinung, dass sich dieses Modell "Katechismus" in dieser Form eigentlich überholt hat.

Das Interview führte Hannah Krewer.

Das sagt der Katechismus

Vom Verständnis der christlichen Ehe als Sakrament her hält die katholische Kirche daran fest, daß die sakramental geschlossene und als solche vollzogene Ehe weder durch die Eheleute selbst zurückgenommen noch durch irgendeine Macht aufgehoben werden kann. Die Kirche sieht aber auch, daß Ehen in eine Krise geraten und scheitern können. Unter denen, die sich scheiden lassen, gibt es heute mehr und mehr auch katholische Christen. Jedes Scheitern einer Ehe ist für die Betroffenen schmerzlich. Es hinterlässt Wunden und häufig auch bedrückende soziale Folgen.

Katechismus der katholischen Kirche (DR)
Katechismus der katholischen Kirche / ( DR )
Quelle:
DR