Fuldaer Dombaumeister Preusler zur documenta-Kunstausstellung

"Frieden stiften"

"Wenn die weltweite Kunst nach Kassel kommt, sollte eine Weltkirche nicht abseitsstehen": Der Fuldaer Dombaumeister und Kunstbeauftragte Preusler äußert sich im Interview zur Bedeutung der documenta 2017.

Autor/in:
Volker Hasenauer
Installation in der Sankt Elisabethkirche in Kassel  / © Volker Hasenauer (KNA)
Installation in der Sankt Elisabethkirche in Kassel / © Volker Hasenauer ( KNA )

KNA: Bei der vorausgegangenen documenta 2012 gab es heftigen Streit um eine Installation auf dem Turm der Elisabethkirche am zentralen Friedrichsplatz. documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev tobte und sprach von einer kirchlichen Gegenausstellung. Was kann und will die Kirche diesmal zur im Juni in Kassel beginnenden weltgrößten Ausstellung für Gegenwartskunst beitragen?

Burghard Preusler (Fuldaer Kunstbeauftragter): Der Mann im Turm von Bildhauer Stephan Balkenhol - den einen war er ein Ärgernis, anderen ist er eine Torheit. Er hat uns aber in jedem Falle gezeigt, dass sich ein Jahrhunderte alter Bilderstreit immer noch fortsetzt. Muss nicht jeder von uns täglich seinen Blick auf Gottes Schöpfung, auf andere Menschen, aber auch auf sich selbst richten und mit seinen Alltagserfahrungen stetig neu abgleichen? Das ist uns Christen jedenfalls aufgetragen, um Frieden zu stiften.

Mit unserer Anwesenheit am Friedrichsplatz in Kassel beziehen wir dazu eine Position. Selbst wenn wir die Kirchentüren untätig geschlossen hielten, wäre das ja ein Zeichen. Wenn die weltweite Kunst nach Kassel kommt, sollte eine Weltkirche nicht abseitsstehen.

Die Künstlerin Anne Gathmann, deren Projekt wir für dieses Jahr ausgewählt haben, gibt mit einer vergleichsweise einfachen Geste unserem Gotteshaus neuen Schwung. Im unendlich weiten Spektrum der menschlichen Bildfindungen bewegen wir uns dieses Mal im abstrakten Bereich, bei reduzierten Formen: Rund 4.000 kleine Aluminium-Barren stützen sich bei Gathmanns Kunstwerk zu einer großen, himmelstrebenden Parabelform.

KNA: Was erwarten Sie sich von der documenta? Welchen Beitrag zu aktuell drängenden gesellschaftlichen und sozialen Fragen kann ein solches Mammutprojekt leisten?

Preusler: Die documenta wird uns sicher wieder ein breites Panorama aus den Künsten liefern, und so unsere manchmal sehr festgezurrten Perspektiven auf die Natur, auf unsere Fremd- und Selbstbilder anregen. Wir wissen mit dem großartigen Bild vom Baum der Erkenntnis aus den ersten Zeilen des Alten Testaments, wie schwankend unsere Wahrnehmung sein kann. Und wir sehen weltweit, wie sich die Menschen beim Schaffen von Frieden im Weg stehen.

KNA: Der aus Nigeria stammende Künstler Olu Oguibe inszeniert in Kassel auf einem 16 Meter hohen Obelisken das Jesuswort "Ich war ein Fremdling und Ihr habt mich beherbergt". Ein Zeichen für ein neues Interesse an der Religion oder vor allem künstlerische Auseinandersetzung mit Flucht und Vertreibung?

Preusler: Wenn wir uns die unterschiedlichen Antworten auf das Thema "Flucht und Vertreibung" allein in christlich geprägten Gesellschaften unseres Globus anschauen, dann stellen manche neue politische Interessen die künstlerische Auseinandersetzung schnell ins Abseits. Aber die Künste liefern innere und äußere Bilder für Widersprüche - oder Bestätigungen unserer Wahrnehmung. Der rote Apfel am Baum der Erkenntnis ist vielen eindeutig glänzend und knackig, wenige nur gehen jedoch gern der Frage nach, ob das perfekte äußere Bild der komplizierten Wirklichkeit unserer Welt entspricht. Künstler gehören zu den Wenigen, die den Friedensauftrag ernst nehmen.

KNA: Warum suchen und brauchen Kirche und Religion heute den Dialog mit der Kunst? Wo liegen die Berührungspunkte?

Preusler: Ohne Bilder entwickeln sich Menschen nicht zu dem, was die Menschen ausmacht. Um Frieden zu stiften, braucht es offensichtlich mehr Fantasie, als für den Aufruf zum Krieg. Dieses mehr an Fantasie müssen wir entwickeln und einüben. Unsere Sinnesausstattung führt uns zu den Bildern - und über die Bilder hinaus. Und sei die erste Aussage zunächst auch so reduziert, wie Anne Gathmann sie in der Elisabethkirche anbietet. Für mich ist es eher verwunderlich, wenn achtlos oder engstirnig mit Texten, Liedern, Architektur und Bildern umgegangen wird.

KNA: Was unterscheidet ein Werk eines areligiösen von dem eines gläubigen Künstlers?

Preusler: Eine besondere Erfahrung war für mich, in jungen Jahren mit der weit älteren Benediktinerin Lioba Munz zusammenarbeiten zu können. Sie war überzeugt, aus der Kombination von Ausbildung in einer öffentlichen Werkkunstschule und Ordensleben besonders ausdruckvolle Kunst zu schaffen. Sie hat aber in unserem Kunstausschuss nie einen überzeugenden Entwurf eines Künstlers abgelehnt, der sich weniger deutlich zu unserem Glauben bekannte. Sie hat übrigens einen Hiob-Zyklus geschaffen, der deutlich macht, dass auch sie mit unserem Gott gerungen hat. Es gibt viele Künstler, die sich gegen eine religiöse Vereinnahmung wehren und fernstehend oder "unversehens" Kunst schaffen, die uns vielleicht überraschend berührt.


Quelle:
KNA