Ökumenische Zwischenbilanz des christlich-islamischen Dialogs

Für Vertrauensvorschuss statt Generalverdacht

Die Zuwanderung macht den christlich-islamischen Dialog zum Dauerthema. Eine Tagung der kirchlichen Akademien in Sachsen-Anhalt ging der Frage nach, was ihn behindern oder befördern kann.

Menschen im Gebet / © NoonVirachada (shutterstock)

Neu ist christlich-islamischer Dialog nicht. Seit Jahren schon gibt es Initiativen, die Vorurteile beider Seiten abbauen sollen. Die Akademien der beiden großen Kirchen in Sachsen-Anhalt zogen nun in Wittenberg eine Zwischenbilanz mit besonderem Fokus auf den Osten Deutschlands.

Auf den ersten Blick scheinen die neuen Bundesländer nicht prädestiniert für ein solches Thema. Mit Ausnahme Berlins leben dort weit weniger Muslime als im Westen Deutschlands. Nach Schätzungen sind es zwischen Ostsee und Erzgebirge nur rund zwei Prozent der Bevölkerung. Doch nicht nur die Konflikte etwa um Moscheebauten zeigen, dass das Thema auch im Osten Deutschlands drängend ist.

Antimuslimischer Rassismus

So erlebt Susanne Brandes von der Katholischen Erwachsenenbildung in Sachsen-Anhalt nach eigenem Bekunden immer wieder einen "antimuslimischen Rassismus". Und das nicht nur bei einschlägigen Rechtsextremisten, sondern auch in Stadtverwaltungen, Bildungseinrichtungen und den Kirchen. Für die Pädagogin bestätigt sich darin die Erfahrung vieler, die sich für den Dialog engagieren, dass fehlende persönliche Kontakte mit Muslimen Vorurteile ihnen gegenüber fördern.

Für Brandes und ihre Mitarbeiter ist dies offenbar Ansporn, ihre auf Demokratieförderung und Anti-Extremismus ausgerichteten Projekte um interkulturelle Begegnungen zu erweitern. Ohne eine geeignete Vorbereitung kann dies jedoch "schiefgehen", wie sie einräumt: Manche Teilnehmer solcher Dialogangebote müssten zunächst akzeptieren lernen, dass auch andere Perspektiven auf Religion oder Gesellschaft möglich seien als die eigenen. "Für viele ist schon das ein großer Schritt."

Pinar Cetin kommt von der anderen Seite. Sie hat in Berlins bekanntestem muslimischen Gotteshaus, der Sehitlik-Moschee, über mehrere Jahre zusammen mit ihrem Mann ein breites Informationsangebot für nichtmuslimische Besucher aufgebaut. Seit zwei Jahren engagiert sich die Politikwissenschaftlerin in einer neuen "Deutschen Islam Akademie", die sich inhaltlich an den Programmen der kirchlichen Akademien orientiert.

Einen Dialog fördern können nach Cetins Erfahrung aber nicht nur akademische Veranstaltungen wie etwa über die biblische Gestalt des Abraham, der Juden, Christen und Muslime verbindet, oder gemeinsame religiöse Begründungen zum Umweltschutz. Weitere Möglichkeiten sieht sie beispielsweise in einem geplanten Vater-Kind-Camp, das im kommenden Sommer Muslime mit Nichtmuslimen zusammenführen soll.

Cetin spricht zugleich Schwierigkeiten an, die auch gesprächsbereite Muslime lange gehemmt hätten. "Die erste Generation der Zuwanderer beherrscht die deutsche Sprache meist schlecht", gibt sie zu bedenken. Wer sich in den Moscheevereinen engagiert, tut dies bis heute zumeist ehrenamtlich. Oft fehlt demnach auch eine akademische theologische Ausbildung, die der vieler christlicher Gesprächspartner entspricht.

Bildung als Schlüssel

Umso wichtiger für den christlich-muslimischen Dialog ist es, die Kinder von Zuwanderern schnell in das deutsche Bildungswesen zu integrieren, wie Nara Kanj vom Familienzentrum "Iris" in Halle/Saale betont. Erfahrungen mit multireligiöser Vielfalt bringen Geflüchtete etwa aus Syrien bereits mit und können sie in den Dialog einbringen.

Auch kirchliche Dialog-Beauftragte werben für mehr Vertrauen in die Gesprächsbereitschaft von Muslimen. So warnt der Beauftragte für den interreligiösen Dialog der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Pfarrer Andreas Goetze, vor einem "Generalverdacht", dass alle Moscheen türkischer Muslime von ihrem Herkunftsland ferngesteuert seien.

Die Dialog-Beauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Petra Albert, plädiert dafür, vor allem auf die Gemeinsamkeiten der Religionen zu schauen, ohne aber in der Frage der Menschenrechte Abstriche zu machen. Neue Wege des Dialogs können dabei auch in den eigenen Reihen umstritten sein, wie der Referent für christlich-muslimischen Dialog der Berliner Katholischen Akademie, Thomas Würtz, sagt. So stoße das von der Akademie alljährlich für Muslime ausgerichtete Fest des Fastenbrechens bei manchen Bischöfen auf Kritik.

Autor/in:
Gregor Krumpholz
Quelle:
KNA