Leicht ist der Mittfünfzigerin die Entscheidung nicht gefallen, zu erzählen, warum sie hier ist: in der Tagesklinik für Frauen des Klinikums Wahrendorff in Ilten, einem Ortsteil von Sehnde bei Hannover. Zwölf Wochen hat sie die Klinik regelmäßig besucht, heute ist ihr letzter Tag.
"Vorletztes Jahr war ich des Lebens müde", sagt die Frau in dem blauen Sweatshirt mit Hirschaufdruck, sie senkt ihren Blick. Nach einem Suizidversuch, nach Tagen auf der Intensivstation und der Entlassung aus dem Krankenhaus, sei sie das erste Mal in die Tagesklinik gekommen. "Damals haben wir schon abgemacht, dass ich noch einmal kommen darf", erinnert sie sich und blickt Oberärztin Anja Wilkening an, die die Tagesklinik leitet. Die Psychiaterin und Psychotherapeutin nickt und lächelt.
Fremdwort Selbstfürsorge
Suizidversuch - wie konnte es so weit kommen? "Das hat viele familiäre Gründe", sagt die rotblonde Frau. Minderwertigkeitsgefühle hätten bei ihr eine große Rolle gespielt, fehlendes Selbstbewusstsein, nicht zugeben können, wenn ihr etwas zu viel wird, die Fassade aufrechterhalten.
"Ich habe immer nur funktioniert, selbst stand ich an letzter Stelle." Selbstfürsorge - ein Fremdwort. "Meine Selbstfürsorge war, dass ich abends auf dem Sofa lag, ferngesehen und gegessen habe", sagt sie und lächelt unglücklich.
Reibungslos funktionieren, und das möglichst auf allen Ebenen, als Mutter, Partnerin, Kollegin, Tochter - emotional, sozial, organisatorisch. Viele Frauen kennen das. Der Blick in die Statistik zeigt, dass der Gender-Care-Gap, also die Kluft beim Zeitaufwand, den Frauen im Vergleich zu Männern in Sorgearbeit investieren, noch immer erheblich ist. Dem Statistischen Bundesamt zufolge leisten Frauen rund 44 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer.
Jede fünfte Krankschreibung wegen psychischer Probleme
Dass ein Leben zwischen Erwerbs- und Care-Arbeit, zwischen Kindererziehung, Pflege von Angehörigen und Wechseljahrsbeschwerden überfordern und die Seele belasten kann, belegen Zahlen des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit. Häufigste Ursache für Krankschreibungen sind bei Frauen mit 20 Prozent psychische Erkrankungen. Laut DAK-Psychreport kamen 2025 auf je 100 versicherte Frauen 431 Krankentage wegen psychischer Erkrankungen, bei Männern waren es 266 Tage.
"Noch immer vorherrschende und bisher nur unzureichend verlassene Rollenbilder" zählten zu den Ursachen der hohen mentalen Belastung von Frauen, sagt Marc Ziegenbein, Professor und Ärztlicher Direktor des Klinikums Wahrendorff. "Das geht oft mit einem hohen inneren Anspruch einher, allen Aufgaben, Erwartungen und Anforderungen gerecht zu werden."
Das Spektrum der Beschwerden, mit denen Frauen in das Klinikum kommen, ist breit. Es reiche von kompletter Überforderung mit dem Doppelalltag und stressbedingten körperlichen Symptomen wie Schlafstörungen, Magen-Darm-Problemen, muskulären Verspannungen und Erschöpfung bis zu tiefer Traurigkeit, Depressionen und Angststörungen, sagt Ziegenbein.
Es sind Gesundheitsprobleme, die viele der 24 Patientinnen der 2018 gegründeten Tagesklinik für Frauen kennen. Psychiaterin Wilkening indes ist wichtig, die Belastungen nicht zu verallgemeinern. "Es gibt viele Frauen, die gerne und ganz selbstverständlich den Großteil der Care-Arbeit leisten und sich damit nicht überfordert fühlen", betont sie.
Eigene Rolle finden - ohne Druck und Klischee
Wichtig sei es, dass das Engagement freiwillig sei und die Frauen nicht dächten, sie müssten ein Klischee, eine gesellschaftliche Rolle erfüllen, sagt Wilkening. Bringt es vielleicht sogar Vorteile mit sich, diejenige in der Familie zu sein, bei der die Strippen zusammenlaufen, die entscheidet, was eingekauft wird, was es zu essen gibt, wie die Geburtstagsdeko aussieht? Wilkening lacht. "Ja, es bedeutet Verantwortung, aber natürlich auch Kontrolle."
Die Nöte, mit denen Frauen in die Tagesklinik kommen, sind vielschichtig, mentale Überlastungssymptome nur ein Problem von vielen. Manche haben Gewalt erfahren, andere befinden sich in einer Umbruchsituation. Seinen Weg neu finden, als Mutter nach der Geburt, als junge Erwachsene, die ins selbstständige Leben startet, als Frau mittleren Alters, wenn die Kinder aus dem Haus sind - keine leichte Aufgabe.
Soziale Kontakte sind wichtig
Damit das Leben nicht aus dem Gleichgewicht gerät, empfiehlt die Psychiaterin feste Tagesstrukturen, die Halt und Sicherheit vermitteln, sowie soziale Kontakte zu pflegen. Familie, Freunde, Menschen, die aufmerksam zuhörten und ihr Gegenüber respektierten, wie es sei, seien wichtig für eine stabile Psyche.
Die Frau mit dem Hirsch-Sweatshirt nickt lächelnd. In der Tagesklinik habe sie viele Frauen mit ähnlichen Gefühlen getroffen: "Das hat mir gutgetan." Sich ehrlich auszutauschen, ohne Maskerade, zu seinen Emotionen stehen zu können, auch zu Wut, Verbitterung, Frust und Enttäuschung, habe ihr geholfen, sagt sie. "In den Therapien habe ich erkannt, wie bei mir biografisch alles zusammenhängt - das war anstrengend, aber im positiven Sinn."
Dass die Gesellschaft im Hinblick auf Emanzipation, Chancengerechtigkeit und faire Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern noch nicht weiter ist, quittiert sie mit einem müden Kopfschütteln. "Zum Mond können wir fliegen und was nicht alles, aber mit der Gleichberechtigung ist es noch immer ein weiter Weg."