Wilton Gregory hat gegen Missbrauch durchgegriffen

Franziskus-Mann wird Erzbischof von Washington

Die vom Missbrauchsskandal erschütterte US-Kirche steht vor einem Neuanfang. Das hätte Franziskus kaum deutlicher machen können als mit der Ernennung des Schwarzen Wilton Gregory zum Erzbischof von Washington.

Erzbischof Wilton Daniel Gregory / © Bob Roller (KNA)
Erzbischof Wilton Daniel Gregory / © Bob Roller ( KNA )

Nun ist es amtlich: Dem ersten schwarzen Präsidenten in Washington folgt der erste Afro-Amerikaner als Erzbischof an der Spitze der einflussreichen Hauptstadtdiözese. Am Donnerstag sagte Papst Franziskus "Yes he can" und ernannte Wilton Gregory, den bisherigen Erzbischof von Atlanta, zum neuen Oberhirten am Potomac River.

Die Besetzung des leeren Bischofsstuhls in Washington gilt als die bisher folgenreichste Personalie, die der Papst in den USA bisher zu entscheiden hatte.

Entscheidung "gut für Kirche, Stadt und Land"

Damit setzte er sich über den zuvor lautgewordenen Widerstand in konservativen Kirchenkreisen hinweg, die Gregorys Berufung verhindern wollten. Gregory gilt als Zögling des 1996 gestorbenen Kardinals von Chicago, Joseph Bernardin, der ihm mit nur 36 Jahren in das Amt eines Weihbischofs verholfen hatte.

Wie Bernardin betrachtet er die kirchliche Lehre als "nahtloses Gewand" - Themen wie Armut, Umwelt, Todesstrafe und Abtreibung stehen für ihn in einem Kontext. Damit disqualifizierte Gregory sich nach der konservativen Wende unter Papst Johannes Paul II. für höhere Weihen. Insider werteten die Berufung des talentierten Kirchenmanns nach Atlanta seinerzeit als Verbannung ins Exil.

"Sie können darauf wetten, dass Kardinal Bernardin im Himmel einen Freudentanz aufführt", kommentiert der Jesuit Thomas Reese die erwartete Entscheidung des Papstes. Diese sei "gut für die Kirche, die Stadt und das Land". Wie kaum ein anderer könne Erzbischof Gregory mit Sanftmut, Einfühlungsvermögen und sozialer Kompetenz die Botschaft des Papstes von Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden verkünden.

Vertrauen im Erzbistum wiederherstellen

Vor allem aber trauen dem in Chicago aufgewachsenen Afro-Amerikaner viele zu, das Vertrauen der Gläubigen in dem von der Missbrauchskrise erschütterten Erzbistum wiederherstellen zu können. In Washington wirken die Schockwellen bis heute nach, die der Rücktritt des 78 Jahre alten Kardinals Donald Wuerl wegen seines Umgangs mit dem Fall des Vorgängers Theodore McCarrick ausgelöst hatte, der 2018 wegen seiner Missbrauchstaten als erster Kardinal der Kirche zurückgetreten war.

Da eilt Erzbischof Gregory ein anderer Ruf voraus. In seine Zeit als Vorsitzender der US-Bischofskonferenz von 2001 bis 2004 fielen die Enthüllungen über den Kindesmissbrauch in Boston durch Kleriker. Gregory machte sich in der Hierarchie einige Gegner, weil er als Mitverfasser der neuen Richtlinien für den Umgang mit Missbrauchsfällen auf kompromisslose Klarheit setzte.

Schon bevor der "Boston Globe" den Skandal enthüllte, hatte er als Bischof von Belleville im US-Bundesstaat Illinois hart durchgegriffen und fünf Priester aus dem Amt entfernt. Als die Krise mit dem Fall McCarrick und dem Missbrauchsbericht von Pennsylvania neue Dringlichkeit erhielt, sprach Gregory von "einer Wolke der Schande", die über der Kirche schwebe. Die Menschen seien zurecht wütend, weil ihre Kirche "wie ein Hafen für kriminelles Verhalten gesehen wird".

Erzbischof von Washington hat auch politisch Einfluss

Terry McKiernan von der Organisation "BishopAccountability" lobt Gregory als jemanden, der mit Glaubwürdigkeit führen könne. "Ich habe einen guten Eindruck von ihm." Während die Rückkehr Gregorys aus dem 14-jährigen "Exil" in Atlanta ins Rampenlicht der US-Kirche von den Anhängern des Papstes als Stärkung seines Kurses verstanden wird, fürchten konservative Katholiken das Schlimmste. Der erzkonservative Blog "The Church Militant" kritisiert die Berufung eines Bischofs "mit einer langen Geschichte an Pro-Homosexuellen Initiativen".

Mit rund 650.000 Katholiken in 139 Pfarreien im District of Columbia sowie den Vororten in Maryland und Virginia zählt die Erzdiözese Washington zu den prosperierendsten des Landes. Sie verzeichnet Wachstum, während andere schrumpfen. Washington ist Sitz der Bischofskonferenz, der "Catholic University" und des "National Shrine".

Vor allem aber hat der Erzbischof von Washington auch politischen Einfluss. Wie kein anderer Hirte in den USA setzt er den politischen Ton. Mit Gregory dürfte die katholische Kirche in den USA mehr nach Franziskus klingen. Sollte er dann auch noch die Kardinalswürde verliehen bekommen, wäre er nicht nur der erste afro-amerikanische Kirchenführer in Washington, sondern auch der erste schwarze Kardinal der USA.

Von Thomas Spang

Quelle:
KNA
Mehr zum Thema