Missbrauchsvorwürfe gegen verstorbenen Auslandsbischof Stehle

Forderung nach "sofortiger und systematischer Aufklärung"

Nach Vorstellung einer Studie zu sexueller Gewalt im Bistum Hildesheim sind Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Adveniat-Geschäftsführer und Auslandsbischof Emil Stehle laut geworden. Nun wird eine schnelle Aufklärung verlangt.

Bischof Emil Stehle (l.) im Jahr 2000 / © Harald Oppitz (KNA)
Bischof Emil Stehle (l.) im Jahr 2000 / © Harald Oppitz ( KNA )

"Nach Veröffentlichung des Berichts hat sich bei mir zunächst ein Angehöriger, dann die Betroffene selbst gemeldet und vorgetragen, durch Stehle sexuell missbraucht worden zu sein", schreibt die Obfrau der für die Studie verantwortlichen Expertengruppe, Antje Niewisch-Lennartz, in einem offenen Brief an den Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing.

"Aufgrund meiner Erfahrungen im Rahmen der Tätigkeit für die Expertengruppe aber auch aufgrund meiner langjährigen richterlichen Expertise habe ich keinen Anhaltspunkt dafür, an dem Wahrheitsgehalt des Vortrags zu zweifeln", so die frühere niedersächsische Justizministerin weiter. In seiner deutschen Heimat-Diözese, in der Stehle (1926-2017) bis zu seiner Bischofsweihe im Jahr 1983 inkardiniert war, sei zudem ein weiterer Missbrauchsvorwurf bekannt.

"Sofortige und systematische Aufklärung" gefordert

Über Einzelheiten der Missbrauchsvorwürfe machte Niewisch-Lennartz keine Angaben. Sie forderte von Bätzing eine "sofortige und systematische Aufklärung". Ihr vom 9. Dezember datiertes Schreiben wurde am Dienstag auf der Internetseite der Expertengruppe publiziert.

Niewisch-Lennartz verweist darin auch auf die Beteiligung Stehles an der Vereitelung der Strafverfolgung eines Priesters, die durch die im September präsentierte Studie der Expertengruppe bekannt geworden war. Gegen den beschuldigten Geistlichen hatte die Staatsanwaltschaft Braunschweig laut Studie 1963 wegen des Verdachts des wiederholten sexuellen Missbrauchs an schutzbefohlenen Minderjährigen Haftbefehl erlassen.

Stehle, damals Leiter der Koordinierungsstelle "Fidei Donum" der Deutschen Bischofskonferenz für deutsche Geistliche in Lateinamerika, sorgte offenbar dafür, dass der Priester unter anderem Namen in Paraguay eingesetzt wurde. Das geht aus einem Schreiben Stehles aus dem Jahr 1976 an den damaligen Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen (1907-1988) hervor. Die finanzielle Versorgung des untergetauchten Geistlichen wurde demnach durch das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat sichergestellt.

Kein Einzelfall?

Die Diktion dieses Schreibens lege nach Wahrnehmung der Expertengruppe eindeutig den Schluss nahe, dass es sich bei dem Vorgehen nicht um einen Einzelfall handele, so Niewisch-Lennartz in ihrem Brief. Die Darstellung biete "zwingende Veranlassung", die Tätigkeit der Stelle "Fidei Donum" aufzuarbeiten. Insbesondere bedürfe es einer Aufklärung, ob regelmäßig Priester, die in Deutschland insgesamt nicht mehr tragbar waren, in Lateinamerika eingesetzt wurden und ob bei weiteren anhängigen Strafverfahren Verdeckungshandlungen zu Gunsten beschuldigter Priester feststellbar sind.

Stehle wurde 1926 in Mülhausen im heutigen Baden-Württemberg geboren und 1951 im Erzbistum Freiburg zum Priester geweiht. 1972 wurde er von der Deutschen Bischofskonferenz mit der Leitung der "Fidei Donum"-Stelle beauftragt. Im selben Jahr wurde er stellvertretender Adveniat-Geschäftsführer und 1977 Geschäftsführer. 1983 wurde Stehle Weihbischof im Erzbistum Quito in Ecuador, blieb aber zugleich Adveniat-Geschäftsführer bis 1988. 1987 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof der Diözese Santa Domingo de los Colorados in Ecuador. 2002 nahm der Papst seinen altersbedingten Rücktritt an. Stehle starb 2017.

Die unabhängige Expertengruppe um Niewisch-Lennartz war 2019 vom Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer beauftragt worden. Sie hatte für ihre Studie den Umgang mit sexuellen Missbrauch in der von 1957 bis 1982 Amtszeit Heinrich Maria Janssens untersucht.

Quelle:
KNA
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