Experte bewertet Verhältnisse zwischen Päpsten und Ärzten

"Sehr fortschrittlich und offen"

Papst Franziskus hat das Krankenhaus verlassen. Sein Arzt sagt, es gehe ihm gut. Wie ist das einzuordnen und wie wird man eigentlich Leibarzt des Papstes? Auf diese und weitere Fragen weiß Vatikan-Experte Ulrich Nersinger Antwort.

Papst Franziskus verlässt das Krankenhaus nach seiner Operation / © Cecilia Fabiano (dpa)
Papst Franziskus verlässt das Krankenhaus nach seiner Operation / © Cecilia Fabiano ( dpa )

DOMRADIO.DE: Welche besonderen Verbindungen gab es denn zwischen Päpsten und ihren Leibärzten? 

Ulrich Nersinger (Vatikan-Experte): Die Päpste haben immer ein sehr vertrauensvolles, gutes, man kann fast sagen gesundes Verhältnis, zu ihren Ärzten gehabt. Wir haben ja jetzt erlebt, dass der Papst beim Verlassen der Klinik gesagt hat: "Ich lebe noch".

Ulrich Nersinger / © privat
Ulrich Nersinger / © privat

Eine ähnliche Situation konnten wir vor mehr als 120 Jahren erleben. Da musste sich Papst Leo XIII. im Vatikan einem kleinen chirurgischen Eingriff unterziehen. Alle waren sehr beängstigt und wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Und draußen vor dem päpstlichen Zimmer, also in den Vorzimmern, standen die Diplomaten, die Angehörigen des päpstlichen Hofes.

Papst Leo XIII. / © Wikipedia Gemeinfrei
Papst Leo XIII. / © Wikipedia Gemeinfrei

Dann hat der Papst selber einen seiner Kämmerer nach draußen geschickt mit der Meldung: Seine Heiligkeit beabsichtigt, das Paradies am heutigen Tag noch nicht persönlich kennenzulernen. 

DOMRADIO.DE: Humor spielt also auch eine große Rolle. 

Nersinger: Ja. Wenn man auf die Päpste und ihre Leibärzte zurückschaut, kann man erkennen, dass sie schon zu Beginn des zweiten Jahrtausends die Einrichtung eines Arztes kannten. Wir haben in einer Liste, die aus dem Jahre 1160 stammt, einen gewissen Magister Philippus, der Papst Alexander III. zur Verfügung stand. Und seitdem gibt es ein Verzeichnis. 

DOMRADIO.DE: Wie wurde man überhaupt Leibarzt? 

Ulrich Nersinger

"Die Päpste haben immer auf die Qualifikation geschaut, nicht auf die Glaubensrichtung des betreffenden Arztes."

Nersinger: Eigentlich durch die Qualifikation. Und die Päpste haben immer darauf geschaut – nicht auf die Glaubensrichtung des betreffenden Arztes, auf die Konfession oder die Religion. Während des Pontifikats von Martin V., der von 1417 bis 1431 regierte, gab es einen jüdischen Arzt, Meister Elias aus dem Judenviertel. Und in der Renaissance war es durchaus üblich, dass die Päpste auf herausragende jüdische Ärzte zurückgriffen. 

DOMRADIO.DE: Welche Geschichten gibt es von schwierigen Behandlungen, unwilligen Patienten und dergleichen? 

Nersinger: Oh, da bräuchten wir mehrere Stunden, um darüber zu sprechen. Aber es gibt natürlich Sachen, die uns zeigen, dass man mit den Päpsten nicht immer souverän umging. Die Päpste haben sich dafür entschieden, Ärzte zu nehmen, die nicht dem normalen damaligen Verständnis entsprachen. Sie haben sich nicht nur für Schulmediziner eingesetzt, sondern sich auch experimenteller Art und Weise von Medizin anvertraut.

Statue von Sebastian Kneipp am 15. März 2021 in Bad Wörishofen / © Christopher Beschnitt (KNA)
Statue von Sebastian Kneipp am 15. März 2021 in Bad Wörishofen / © Christopher Beschnitt ( KNA )

Wir wissen zum Beispiel, dass wiederum Papst Leo XIII. auf Sebastian Kneipp zurückgriff, der zwar kein Arzt war, aber der doch "ärztliche" Ratschläge gab und dem Papst auch helfen konnte. Und dieser hat dann Pfarrer Kneipp, der ja von der Schulmedizin heftig angegriffen wurde, in Schutz genommen und ihn sogar zu einem seiner Geheimkämmerer ernannt.

Da war man doch sehr fortschrittlich, kann man sagen. Sie haben auch die Forschung immer mit unterstützt. Sie waren, was die Seuchenforschung angeht, sehr darauf aus, dass ihre Ärzte da auch tätig waren. Unter Pius XII. hat man einen Arzt gewählt, der sogar eine Therapie anwandte, die damals sehr umstritten war. Man war da sehr offen. 

DOMRADIO.DE: In den 1960er Jahren hat sich ein Leibarzt mal ganz und gar nicht mit Ruhm bekleckert... 

Ulrich Nersinger (Vatikan-Experte). Ja, das war 1958. Das war ein Leibarzt, der Papst Pius XII. diente. Der hat vom Todeskampf des Papstes Fotos gemacht, also sehr unerquickliche Fotos, und hat dann noch versucht, sie an sämtliche publizistische Organe wie die Yellow Press etc. hochbietend zu verkaufen. Das ist ihm auch gelungen. Das war eine sehr unerquickliche Sache, aber das ist eher die Ausnahme gewesen. 

Ulrich Nersinger

"Mit Statements zur Gesundheit des Papstes muss man vorsichtig sein."

DOMRADIO.DE: Was ist denn von den Statements der Leibärzte im Allgemeinen zu halten? 

Nersinger: Da muss man natürlich vorsichtig sein, weil man immer dazu neigt, die Gesundheit besser darzustellen als sie ist. Vor ungefähr 100 Jahren war man auch mal sehr besorgt um den Papst.

Alle Leute standen schon bereit und erwarteten eigentlich den Tod des Papstes. Da kam im Osservatore Romano die Meldung, der Heilige Vater leide an einer leichten Erkältung und da war die Druckerschwärze noch nicht getrocknet, da läuteten schon im Vatikan und in der Stadt Rom die Totenglocke. 

Das Interview führte Katharina Geiger. 

Quelle:
DR