Brasilien vor den Kommunalwahlen

Evangelikale gewinnen an Einfluss

Brasilien wählt: Bisher gehörten evangelikale Politiker meist dem rechten Lager an. Neben Brasiliens rechtspopulistischem Präsidenten Bolsonaro buhlen jetzt auch linke Kandidaten um die evangelikalen Stimmen.

Autor/in:
Thomas Milz
Mann in Brasilien im Gebet / © Leo Correa (dpa)
Mann in Brasilien im Gebet / © Leo Correa ( dpa )

2018 war das eine Premiere: Der soeben zum brasilianischen Präsidenten gewählte Jair Messias Bolsonaro betete mit mehreren evangelikalen Pastoren vor den TV-Kameras der Welt. Brasiliens Evangelikale, die immer noch in der Minderheit sind, waren auf dem gesellschaftlichen Vormarsch - im Begriff, politische Schlüsselpositionen zu besetzten. Seit jener Nacht vor gut zwei Jahren sind Brasiliens evangelikale Politiker selbstbewusster geworden.

Immer noch stellen die Katholiken mit etwa 50 Prozent das Gros der Bevölkerung. Doch die Evangelikalen, rund 31 Prozent der 210 Millionen Brasilianer, sind besser organisiert und enger vernetzt. Ihren bisher größten politischen Erfolg feierten sie vor vier Jahren, als Marcelo Crivella, "Bischof" der politisch einflussreichen Pfingstkirche "Universal", zum Bürgermeister von Rio de Janeiro gewählt wurde.

Bürgermeister und Stadtparlamente werden gewählt

Wenn am Sonntag nun auf Kommunalebene gewählt werden, stehen nach Medienberechnungen 34 Prozent mehr evangelikale Kandidaten auf den Stimmzetteln als vor vier Jahren. Die mächtigste "evangelikale" Partei sind dabei die "Republicanos", der politische Arm der "Universalkirche". Zwei der drei in der Politik tätigen Söhne Bolsonaros sind in der Partei, und längst wird über einen Parteieintritt des Präsidenten spekuliert.

Doch wichtigen Kandidaten der "Republicanos" drohen am Sonntag herbe Rückschläge. In Sao Paulo wird ihr Kandidat Celso Russomanno, ein populistischer TV-Moderator, trotz Unterstützung durch Bolsonaro wohl eine Schlappe erleben. Rios Bürgermeister Crivella dürfte nach einer Reihe von Korruptionsskandalen und Missständen in der Verwaltung regelrecht aus dem Amt gejagt werden.

Auch bei der zweitgrößten evangelikalen Partei, der Partido Social Cristao (Sozial-Christlichen Partei PSC) läuft es nicht rund. Ihre Führungsriege um einen evangelikalen Pastor muss sich ebenfalls wegen Korruption vor der Justiz verantworten. Dazu kommt, dass Präsident Bolsonaro zuletzt in den brasilianischen Großstädten an Zuspruch verloren hat. Es wäre keine Überraschung, wenn die Kandidaten der großen Pfingstkirchen, die mit der Nähe zum Präsidenten auf Stimmenfang gingen, an den Urnen enttäuschen.

Bolsonaro wechselte Konfession

Das hängt auch damit zusammen, dass der Katholik Bolsonaro, der sich 2016 im Jordan zum Evangelikalen umtaufen ließ, viele seiner neuen Glaubensbrüder und -schwestern enttäuscht hat. So berief er nicht wie versprochen einen "wahnsinnig evangelikalen Richter" ans Oberste Gericht. Und auch die konservative Rolle rückwärts in der angeblich von Linken unterwanderten Bildungspolitik hat er nicht unternommen; die "moralische Wende" ist ausgeblieben.

Denn der politische Höhenflug der Evangelikalen bei den allgemeinen Wahlen 2018 war eine direkte Reaktion auf den Niedergang der progressiven Linksparteien, allen voran der Arbeiterpartei PT, die in den 13 Jahren ihrer Regierungszeit von 2003 bis 2016 für Korruptionsskandale sorgte. Und deren Gender-Politik viele Evangelikale abschreckte. Bolsonaro konnte so mit der "Fake News" punkten, dass die PT Brasiliens Kinder zu Schwulen und Lesben umerziehen wollte.

Wer wählt wen?

Während die linken Parteien traditionell einen hohen Rückhalt in der katholisch geprägten Arbeiterklasse haben, sind die Evangelikalen verstärkt in der ärmeren Landbevölkerung und der neuen städtischen Mittelklasse anzutreffen, die eher rechts-konservativ fühlt. Neu bei den diesjährigen Kommunalwahlen sind jedoch links-progressive evangelikale Politiker, die sich als Reaktion auf Bolsonaros Vereinnahmung der Evangelikalen sehen.

Gruppen wie "Christen gegen den Faschismus" wollen die gesellschaftliche Polarisierung in die evangelikalen Kirchen hineintragen und dort um Wählerstimmen werben. Großkirchen wie die "Universal" reagieren bereits auf die linken Infiltrationsversuche. Ende September warnte die Kirche vor Gruppen, die "die Aufspaltung der Evangelikalen predigen". Zudem gibt es Berichte über Gläubige, die wegen linker Meinungen aus den Kirchen ausgeschlossen wurden. Ein Pastor der "Universal" rechtfertigte dies so: Bereits in der Bibel sei das Wort "Links" mit "schlecht" gleichgesetzt worden.


Jair Bolsonaro (M) / © Eraldo Peres (dpa)
Jair Bolsonaro (M) / © Eraldo Peres ( dpa )
Quelle:
KNA
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