Franziskaner Firas Lutfi zur Lage im Libanon

"Es wird kein Weihnachten wie sonst"

​Vier Monate nach den Explosionen im Beiruter Hafen ist die Situation nach Worten des regionalverantwortlichen Ordensmanns der Franziskaner, Firas Lutfi, katastrophal. Die Nachwirkungen der Katastrophe und die Corona-Pandemie machten Weihnachten in diesem Jahr schwierig.

Symbolbild: Flagge des Libanon / © Yulia Grigoryeva (shutterstock)
Symbolbild: Flagge des Libanon / © Yulia Grigoryeva ( shutterstock )

KNA: Pater Firas Lutfi, wie sieht es vier Monate nach den Explosionen und zehn Monate nach Ausbruch der Covid-19-Epidemie in Beirut aus?

Firas Lutfi: Die Lage in Beirut ist im wahrsten Sinne des Wortes katastrophal. Zwar wurden einzelne Häuser und Läden renoviert. Aber die überwiegende Mehrheit ist seit dem Moment des großen Knalls unberührt. Es wurde viel Geld für den Wiederaufbau zugesagt. Leider blieb es bei den Versprechungen, weil die unterstützenden Länder politische Reformen verlangten. Doch die Situation ist sehr kompliziert, so dass dies viele Jahre brauchen kann. Noch schwerer wiegt der Ausbruch der Pandemie. Die täglichen Infektionszahlen liegen bei fast 3.000. Die Krankenhäuser und das medizinische Personal sind bis über die Kapazitätsgrenzen betroffen.

Hohe Preise, Knappheit an grundlegenden Medikamenten und wiederholter Lockdown haben Bürger und Regierung in einen Zustand von Verwirrung, Schulden und Finanzkrise gebracht, der die Sicherheit und Stabilität bedroht. Durch die massive Wirtschaftskrise haben viele Menschen ihre Arbeit verloren. Die Mehrheit der libanesischen Gesellschaft lebt nun an der Armutsgrenze.

KNA: Und wie geht es den Christen im Libanon?

Lutfi: Gerade das von der Explosion besonders betroffene Gebiet ist stark christlich geprägt. Viele Bewohner sind noch nicht in ihre Häuser zurückgekehrt. Manche wohnen bei Verwandten - aber wie lange soll das gehen?

KNA: Die Explosionen haben auch den Franziskanerkonvent beschädigt. Konnten Sie mit der Instandsetzung beginnen?

Lufti: Unser Konvent im historischen Viertel Gemmayzeh wurde ernsthaft beschädigt. Drei von vier Brüdern unserer Gemeinschaft waren während der Explosion im Kloster. Das Dach wurde vollkommen zerstört, auch alle Fenster und Türen. In der Kirche sind wertvolle Schmuckelemente wie die bemalten Kristallfenster verloren gegangen.

Der Kindergarten, der vielen Kindern der Umgebung diente, wurde total zerstört. Ende August haben wir mit den Reparaturen begonnen, die technisch aufwendig sind. Das mehr als 200 Jahre alte Gebäude war, bevor es Kirche und Kloster wurde, das erste Theater Beiruts. Zur vollständigen Wiederherstellung wird es Zeit und viel Geld brauchen, aber wir hoffen, dass die Brüder bis Weihnachten zurückkehren können.

KNA: Die Regierung hat die Corona-Maßnahmen vor Weihnachten gelockert. Wie wird in diesem Jahr gefeiert?

Lutfi: Es wird kein Weihnachten wie sonst. Feiern werden möglicherweise auf Gebete zu Hause oder in kleiner Zahl in Kirchen beschränkt. Die Krisen haben einen tiefen Eindruck in der Psyche der Christen hinterlassen. Wir sehen wachsende Armut, Angst über die christliche Präsenz, den Wunsch vieler, auszuwandern. Dies und die intensive Angst vor der Pandemie machen Weihnachten dieses Jahr sehr schwierig. Mit der Ankunft des Winters wird die Lage noch komplizierter. Vielleicht ist dieses Weihnachten der Geburt Jesu sehr ähnlich, der an einem armen, kalten Platz geboren wurde. In diesem Jahr werden wir wie der Sohn Gottes leben, der Armut und harte Lebensbedingungen wählte, um unseren armen Lebensbedingungen nahezukommen.

KNA: 2020 in wenigen Worten?

Lutfi: Es war ein Jahr der Krisen, Herausforderungen und des Schmerzes. Es begann mit der weiteren Verschlimmerung der Finanz- und Wirtschaftskrise. Dann kamen die Proteste wegen der Armut, die alle Städte über Monate erfassten, aber nicht zu einem wirklichen Wandel führten. Das hat zu allgemeiner Frustration und Enttäuschung geführt, die bis heute spürbar sind. Die Corona-Krise hat die verbleibende Hoffnung auf Besserung zerstört. Und schließlich die Explosionen in Beirut, die knapp 200 Menschen getötet haben. Die christliche Präsenz, die 2.000 Jahre zurückreicht, ist all dem ausgesetzt - mit dem Risiko, dass der Orient von seiner wesentlichen und ursprünglichen christlichen Komponente entvölkert wird.

KNA: Was sind Ihre Hoffnungen und Ängste für 2021?

Lutfi: Angesichts der komplexen regionalen und globalen Situation, die mit widersprüchlichen politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie den Ambitionen einiger ausländischer Staaten in den schwachen Staaten des Nahen Ostens zusammenhängen, gehe ich davon aus, dass es ein ungewisses Jahr wird. Eine echte Entscheidung, Krisen auf globaler Ebene zu beenden, fehlt; also müssen wir den Menschen versichern, dass die Zukunft besser wird. Stattdessen brennt die Region weiter, vom Irak bis Syrien, dem Libanon und anderen Ländern. Doch die Hoffnung bleibt! Wir wissen, dass Gott der Herr der Geschichte ist. Und er ist ein Gott, der Menschen liebt. Weihnachten erinnert uns an diese tiefe Glaubenswahrheit.

Autor/in:
Andrea Krogmann
Quelle:
KNA
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