Bischof Dieser dringt auf Öffnung der katholischen Sexuallehre

"Es geht um Liebe und Verantwortung"

Homosexuelle, unverheiratete Paare, Geschiedene: Nicht wenige Menschen fühlen sich von der katholischen Kirche in ihrer Lebensweise verurteilt. Zum Valentinstag spricht Bischof Helmut Dieser über die Sexualmoral seiner Kirche.

Bischof Dieser dringt auf Öffnung der katholischen Sexuallehre / © N.N. (dpa)
Bischof Dieser dringt auf Öffnung der katholischen Sexuallehre / © N.N. ( dpa )

KNA: Am Sonntag ist Valentinstag. Kann die katholische Kirche noch glaubwürdig über Liebe und Partnerschaft sprechen?

Bischof Helmut Dieser (Bischof von Aachen und Leiter des Forums "Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft" beim Reformprozess Synodaler Weg): Wir sehen die Last der Vergangenheit, in der wir als Kirche als einseitig sprechend wahrgenommen wurden, in der es auch Diskriminierung gab. Wir stehen vor einem moralischen Scherbenhaufen durch die Doppelmoral in unseren eigenen Reihen, die wir mit Schrecken aufarbeiten müssen. Ich glaube aber nach wie vor, dass wir als Kirche sehr Wichtiges und sehr Wertvolles beizutragen haben über das Leben als Ganzes, und ein wesentlicher Teil des Lebens ist eben auch die Sexualität.

KNA: Inwiefern hat die Kirche diskriminiert?

Dieser: Wir haben das Phänomen Sexualität reduziert vornehmlich auf die Befähigung des Menschen, das Leben weiterzugeben. Das ist eine wunderbare Erfahrung für alle, die Vater und Mutter werden. Aber gerade diese Betonung hat oft dazu geführt, dass andere Dinge nicht im Blick waren, zum Beispiel die ganze Dimension der Lust, der Freude am Zusammensein, an der Schönheit des Anderen, also auch die erotische Sinndimension des Anderen.

Diese Dinge waren entweder gar nicht oder misstrauisch im Blick als eine Gefährdung des Menschen.

Auch bis heute ist diese Lehre nicht genügend weiterentwickelt. Da sind wir ja gerade dabei an diesen Fragen. Das hat zu Diskriminierungen geführt, die wir heute sehr sensibel zunächst einmal wahrnehmen müssen.

KNA: Was soll sich am Umgang mit Homosexuellen, mit Menschen in außerehelichen Beziehungen und mit wiederverheirateten Geschiedenen ändern?

Dieser: Der Mensch ist immer ein Wachsender. Unsere Hoffnung als Glaubende ist: Mit Gott kann es gut werden, kann es besser werden. So müssen wir in der Seelsorge immer ansetzen, auch wenn es um die Situationen geht, die Sie eben benannt haben.

Die Werte, die wir mit der Sexualität verbinden, bedeuten eine Annahme des Partners: also Verbindlichkeit, Verantwortung füreinander, eine echte Beziehung - und nicht flüchtige oder dauernd wechselnde Beziehungen. Sexualität soll Ausdruck einer echten Verbindung sein. Das gilt für hetero- und für homosexuelle Paare. Es geht um Liebe und Verantwortung füreinander - und Sexualität ist die Sprache dazu.

KNA: Nach geltender Lehre lehnt die katholische Kirche aber sexuelle Handlungen von gleichgeschlechtlichen Paaren ab.

Dieser: Im Forum ringen wir damit, ob diese Lehre dem Evangelium entspricht. Ob man einem homosexuellen Menschen sagen kann: Du darfst in keiner Weise deinem sexuellen Empfinden eine Ausdrucksgestalt geben. Das ist das, was im Moment im Katechismus steht. Wir ringen jetzt damit zu sagen, keiner kann sich seine sexuelle Orientierung aussuchen, Sexualität ist eine Sprache der Beziehung, der Annahme, der Freude am Leben und des Füreinander-Einstehens. Das würde auch für die homosexuelle Ausdrucksgestalt eines gleichgeschlechtlichen Paares gelten.

Wenn wir im Forum diese Linie gleichziehen, müssten wir den Papst bitten, die entsprechenden Passagen des Katechismus zu überdenken und abzuändern. Wir können in Deutschland die Lehre nicht einseitig einfach mal ändern. Aber wir können den Anstoß geben und das wollen wir auch.

KNA: Wo liegen die Streitpunkte in Ihrem Forum?

Dieser: Bei uns geht es darum: Ist die Lehre der Kirche über die Sexualität des Menschen ausreichend? Meine Formulierung lautet: Sie ist unterkomplex und müsste weiterentwickelt werden. Andere sagen, sie muss nur besser vermittelt und vertieft werden. Da ist auch etwas dran. Viele Dinge werden in ihrer werthaften Bedeutung missachtet.

Aber ich meine auch, dass wir dem Gesamtphänomen Sexualität nicht gerecht werden, so wie es uns heute die Humanwissenschaften beschreiben können. Auch das Zeugnis so vieler Glaubender müssen wir ernst nehmen, die sagen: Ich gehöre zur Kirche, aber in dieser Weise kann ich das für mein Leben nicht annehmen.

KNA: Wenn ein homosexuelles Paar Sie um eine Segnung bitten würde, würden Sie das machen?

Dieser: Ich gehe nicht gerne selbst und mit anderen in eine Grauzone, wo ich etwas tue, was eigentlich nicht gedeckt ist. Von daher würde ich das nicht tun. Aber umso mehr geht die Energie dahin, die Veränderung hinzukriegen, dass wir überhaupt eine Grundlage haben für eine Pastoral mit homosexuellen Menschen, die mehr zu sagen hat, als dass man sie nicht diskriminieren darf. Das steht ausdrücklich im Katechismus. Nicht diskriminieren - aber mehr können wir nicht sagen im Moment. Da fehlt uns ganz Vieles und diese Lehrentwicklung muss weitergehen.

KNA: Wohin soll es denn gehen?

Dieser: Wir glauben nicht mehr, dass ein Mensch, der sein Leben in der bisher geltenden Norm nicht entfalten kann, damit immer nur schwer sündigt und das Heil Gottes verliert. Das muss als Erstes mal aus dem Katechismus herausgenommen sein. Hier macht uns Papst Franziskus Mut mit seinem Schreiben "Amoris laetitia" zu Ehe und Familie. Wir sind alle zur Nachfolge Jesu eingeladen. Wir können nicht zu jemandem sagen: Leider du nicht, weil du irgendwie einer Norm nicht entsprichst. Und wir können auch nicht sagen: Du nur, wenn ich dich mit etwas konfrontiere, was dich überfordert.

Die Weisung des Katechismus ist jetzt, dass ein homosexueller Mensch enthaltsam Leben soll. Enthaltsamkeit ist aber nach der Überzeugung der Kirche auch eine besondere Gabe Gottes. Die hat nicht jeder.

KNA: Wenn sich der Katechismus so verändern würde, wäre dann nicht auch eine katholische Ehe für Homosexuelle möglich?

Dieser: So weit gehen wir im Forum nicht. Denn das würde uns völlig außerhalb unserer gesamten Tradition stellen. Die Abbildlichkeit der Ehe zwischen Mann und Frau zum Bund Gottes mit den Menschen und mit der Kirche gilt gerade für die Verschiedenheit der beiden Geschlechter und für die Fruchtbarkeit, also dass Kinder geboren werden können. Das sind Wesensmerkmale, die zu unserem katholischen Ehebegriff gehören, die wir nicht völlig ausblenden können. Aber eine Beziehung außerhalb der Ehe ist eine echte Paarbeziehung, die eine eigene Würde hat und schützenswert sein muss.

KNA: Was wünschen Sie Paaren zum Valentinstag?

Dieser: Ich wünsche ihnen, dass sie das Wunder spüren, dass der Mensch sich verlieben kann, dass darin eine Ahnung für den tiefsten Sinn des Lebens liegt, nämlich dass wir uns nicht selbst genügen.

Paare wollen sich einander verschenken. Und sie wollen kein Verfallsdatum für ihre Beziehung wie auf einem Joghurtdeckel, sondern sie wollen ewig sein. Das ist diese Ahnung des Menschen als Geschöpf Gottes, dass wir eigentlich für mehr als diese Erde geschaffen sind. So eine Ahnung wünsche ich den Paaren, eine Freude darüber und auch eine Dankbarkeit.

Das Interview führte Anita Hirschbeck.

Helmut Dieser / © Julia Steinbrecht (KNA)
Helmut Dieser / © Julia Steinbrecht ( KNA )
Quelle:
KNA
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