Kölner Diözesanrat fordert mehr Einsatz gegen Kirchenaustritte

"Es geht auch um Werte"

Das Erzbistum Köln steht nach Medienberichten vor einem Rekord an Kirchenaustritten. Bis Ende 2021 sollen allein in der Stadt Köln 20.000 Kirchenmitglieder beider Konfessionen austreten. Der Geschäftsführer des Diözesanrates will dagegen vorgehen.

Ein Mann sitzt zum Gebet alleine im Kölner Dom / © Oliver Berg (dpa)
Ein Mann sitzt zum Gebet alleine im Kölner Dom / © Oliver Berg ( dpa )

DOMRADIO.DE: Der Kölner Stadt-Anzeiger spricht von einer verheerenden Bilanz, von einer Bilanz des Schreckens. Sehen Sie das auch so dramatisch?

Norbert Michels (Geschäftsführer des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Köln): Also mit solchen Worten bin ich immer vorsichtig, aber was mich schon erschreckt, ist die Tatsache, dass viele Menschen der katholischen Kirche den Rücken kehren, die eigentlich gute katholische Christinnen und Christen sind. Vor ein paar Jahren, aber auch jetzt würden wir eigentlich noch sagen: Das ist die Klientel, die immer zur katholischen Kirche gehalten hat.

DOMRADIO.DE: Das heißt, es sind jetzt nicht mehr nur die Leute, die die Kirchensteuer sparen wollen. Das hat sich also verändert?

Michels: Das hat sich immens verändert. Und da muss gegengesteuert werden. Es ist schade um jeden, der austritt und dann muss man auch Konsequenzen ziehen und schauen, woran das liegt. Es gibt da verschiedene Gründe. Der sexuelle Missbrauch ist nur ein Grund.

DOMRADIO.DE: Welche gibt es noch?

Michels: Ich würde auch zum Beispiel sagen: Werte. Wenn man als Bischof sagt, ich gehe jetzt nach Mombasa und werde dort als einfacher Priester tätig werden und kurze Zeit später schon das erste Bild aufploppt, wo man im vollständigen Bischofsornat durch eine Kirche marschiert, dann hat das was mit Werten zu tun.

DOMRADIO.DE: In diesem Fall sprechen Sie vom Weihbischof Schwaderlapp.

Michels: Genau. Das hat mit Wertvorstellungen zu tun. Dann hat das was damit zu tun, dass ich etwas zugesagt habe und im nächsten Augenblick wieder sage, nach dem Motto: "Was stört mich mein Geschwätz von gestern". Und das geht einfach nicht für katholische Christen.

Wir müssen wirklich glaubwürdig sein und unsere Glaubwürdigkeit muss auch rüberkommen. Das ist der zweite Punkt, wo viele Menschen die Grenze erreicht sehen. Dann ist endgültig Schluss.

Ein dritter Punkt ist: Wir bekommen es nicht rüber, wenn wir etwas verändern, dass Veränderungen nicht nur nötig sind, weil wir keine Priester mehr haben, sondern weil wir auch weniger Christinnen und Christen werden. Aber auch da muss man glaubwürdig sein und nicht nur immer die Priesterzahlen vorschieben.

DOMRADIO.DE: Der Kölner Stadtdechant Monsignore Robert Kleine hat dem Kölner Stadt-Anzeiger gesagt, dass eine Erneuerung die einzige Chance sei, damit nicht noch mehr Menschen das Vertrauen in die Kirche verlieren. Das geht in die gleiche Richtung wie das, was Sie eben gesagt haben. Wie könnte denn in Ihren Augen so eine Erneuerung aussehen und vonstattengehen?

Michels: Ich will da keine einfachen Dinge sagen, aber ich glaube, dass es einfach wichtig ist sich mit den Menschen auseinanderzusetzen. Wenn es in "Lumen gentium" heißt: "Wir sind bei euch, in euren Sorgen, in euren Nöten", dann müssen die Menschen, die in der Bistumsleitung arbeiten, genau das wieder wahrnehmen und sich wirklich um die Sorgen und Nöte der Menschen kümmern. Und diese Sorgen und Nöte der Menschen sind vielfältig.

Die Menschen haben Angst vor dem Klimawandel, die Menschen haben Angst vor der Corona-Pandemie. Wir hätten doch so viele Möglichkeiten als katholische Kirche da tätig zu werden. Warum tun wir das verdammt noch mal nicht?

Das Interview führte Uta Vorbrodt

Die Erinnerung an die Gräueltaten der Nationalsozialisten müsse wach gehalten werden, mahnt der Initiator der Lesung, Norbert Michels / © Beatrice Tomasetti (DR)
Die Erinnerung an die Gräueltaten der Nationalsozialisten müsse wach gehalten werden, mahnt der Initiator der Lesung, Norbert Michels / © Beatrice Tomasetti ( DR )
Quelle:
DR
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