Experte zu Entzug der Lehrerlaubnis von Drewermann

"Es braucht eine differenzierte Sicht"

Vor 30 Jahren wurde dem Theologen und Psychoanalytiker Eugen Drewermann vom damaligen Paderborner Erzbischof Joachim Degenhardt die Predigt- und Lehrbefugnis entzogen. Hypotheken der Geschichte und Zeichen der Versöhnung.

Eugen Drewermann (Archivbild) / © Friedrich Stark (KNA)
Eugen Drewermann (Archivbild) / © Friedrich Stark ( KNA )

KNA: Herr Professor Kopp, erinnern Sie sich noch daran, wann Sie zum ersten Mal vom Fall Drewermann gehört haben?

Stefan Kopp (Rektor der Theologischen Fakultät Paderborn): Vermutlich war das in den 1990er-Jahren während meiner Schulzeit in Österreich. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich die Auseinandersetzungen damals schon inhaltlich mitverfolgt habe. Ich gehöre also zur jüngeren Generation von Theologinnen und Theologen, die mit dem Fall nicht unmittelbar in Verbindung stehen. Das macht die Beschäftigung damit heute leichter, finde ich.

KNA: Inwiefern leichter?

Kopp: Solche Auseinandersetzungen sind ja zumeist hoch emotionalisiert. Da hilft es, etwas Abstand zu den Geschehnissen zu haben. So kann historischer Ballast abgebaut und etwas für heute gelernt werden - hoffentlich.

KNA: Sie haben Drewermann Ende 2019 zu einem Vortrag an seine alte Wirkstätte, der Theologischen Fakultät Paderborn, eingeladen. Was lässt sich aus der Causa Drewermann denn 30 Jahre später lernen?

Kopp: Für mich gab es für die Einladung zwei Beweggründe. Zum einen ging es darum, die Hypotheken der Geschichte unserer Einrichtung in dieser Hinsicht zu verringern. Und zum anderen war es mir einfach ein Anliegen, ihn zu hören und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Denn ich bin überzeugt: Eine starke Theologie und eine starke Kirche halten auch eine große Bandbreite an Positionen aus und können davon nur profitieren. Ein schnelles Urteil über die Geschichte scheint leicht und ist vielleicht verlockend. Aber es braucht eine differenzierte Sicht darauf.

KNA: Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer sagte neulich auf einer Veranstaltung mit Drewermann, dass das freie Wort und die offene Auseinandersetzung früher schwieriger gewesen seien, diese Zeiten nun aber zu Ende gingen. Schließen Sie sich dem an?

Kopp: In gewisser Hinsicht ja. Wenn ich allerdings aktuelle Auseinandersetzungen, etwa auf dem Synodalen Weg, beobachte, gibt es offensichtlich heute wieder andere Probleme. Frei und offen ist das eine. Das andere ist für mich kultiviert und konstruktiv. Entscheidend scheint mir die Frage: Gelingt es, ohne Angst und Diffamierung sowie mit einem echten Interesse an Argumenten der jeweils anderen um Inhalte zu ringen?

KNA: Stehen denn zwischen Drewermann und der Kirche die Zeichen auf Versöhnung?

Kopp: Ich denke schon. Manche kirchen- und machtpolitischen Konstellationen haben sich verändert, und man kann einander heute differenzierter wahrnehmen. Nicht umsonst gibt es etwa auch im Bürgerlichen Gesetzbuch eine Verjährungsfrist von 30 Jahren. Manches hat sich in diesem Zeitraum erledigt, anderes kann neu bewertet werden, vor allem was inhaltliche Perspektiven und Probleme von Standpunkten betrifft.

KNA: Sie sprechen inhaltliche Probleme an - Drewermann hat zentrale Inhalte der kirchlichen Lehre abgelehnt. Spielt das heute keine Rolle mehr?

Kopp: Doch, gerade das. Es geht um eine differenzierte inhaltliche Sicht auf die Positionen Drewermanns. Der persönliche Austausch mit ihm im Vorfeld seiner Einladung an die Theologische Fakultät Paderborn gehörte für mich zu den anregendsten und wichtigsten Gesprächen im Jahr 2019. Dabei wurde mir noch klarer, wo er seine Standpunkte auch selbst nicht für kompatibel mit der kirchlichen Lehre hält beziehungsweise wo diese längst über kirchliche Fragen hinausgehen. Das ist zur Kenntnis zu nehmen und zu respektieren. Und man kann davon lernen, ohne ihn jetzt zu vereinnahmen. Versöhnt-Sein miteinander heißt ja nicht einfach, jeden inhaltlichen Unterschied zu harmonisieren oder zu negieren.

KNA: Braucht es aus Ihrer Sicht eine Rehabilitierung Drewermanns?

Kopp: Das kann ich nicht sagen. Vielleicht ist der Begriff der Rehabilitierung zu hoch gegriffen oder auch zu pauschal, wenn es um eine lange und hochdiffizile Geschichte persönlicher und inhaltlicher Auseinandersetzungen geht. Als Wissenschaftler denke ich: Es braucht vor allem eine Anerkennung von Einsichten - und auf beiden Seiten ein ehrliches Eingeständnis, wo man vielleicht falsch gelegen hat. Das würde ich als notwendigen Lernprozess für die Kirche sehen und das gilt auch für uns als akademische Einrichtung: Wie haben wir uns damals verhalten? Was würden wir heute vielleicht anders sehen? Wie kann es im besten katholischen Sinne gelingen, verschiedene Positionen produktiv zu integrieren statt einfach zu verurteilen?

KNA: Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer bezeichnete Drewermann einmal als einen von der Kirche verkannten Propheten.

Kopp: Ich kann, um es mit Drewermann zu sagen, mit einem so überhöhten Begriff wenig anfangen. Er selbst würde diesbezüglich den Ball eher flach halten, und das ist mir sehr sympathisch.

KNA: Und doch hat Drewermann bis heute eine große Popularität. Wie erklären Sie sich das?

Kopp: Ich würde das auch kontextbedingt sehen. Die Situation vor 30, 40, 50 Jahren war völlig anders als heute. Die kirchliche, gesellschaftliche und auch mediale Öffentlichkeit war insgesamt unglaublich interessiert an theologischen Fragen. Die Themen einer sich erneuernden Kirche lagen redensartlich auf der Straße und bewegten viele Menschen. Manches hat sich seither aus unterschiedlichen Gründen einfach verändert, aber: Nach wie vor gibt es für mich beeindruckende Persönlichkeiten in der Theologie, die etwas zu sagen haben und heute sogar noch verstärkt interdisziplinär um Antworten auf Fragen der Zeit ringen. Sie sind es wie Drewermann in ihrer Vielfalt von Positionen und inhaltlichen Schwerpunkten wert, in Kirche und Gesellschaft gehört zu werden.

Das Interview führte Annika Schmitz.


Quelle:
KNA