Erzbischof Zollitsch bricht sein Schweigen zu Missbrauch

"Moralische Verantwortung, aber eingebunden in ein System"

Als Erzbischof und Vorsitzender der Bischofskonferenz trug Robert Zollitsch Verantwortung bei der Missbrauchsaufarbeitung. Jetzt hat er erstmals umfassend große Fehler eingeräumt. Und bittet um Verzeihung.

Der emeritierte Erzbischof Robert Zollitsch (vorne) / © Harald Oppitz (KNA)
Der emeritierte Erzbischof Robert Zollitsch (vorne) / © Harald Oppitz ( KNA )

Mindestens 190 beschuldigte Priester und Diakone sowie 440 Betroffene - so lautet die bisherige Bilanz bei der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Missbrauch allein im Erzbistum Freiburg.

Ein seit langem erwartetes Gutachten soll im April Einblicke in die Strukturen von Missbrauch und dessen Vertuschung geben - ab den 1950er Jahren bis in die Gegenwart.

Im Fokus steht eine Person: Der langjährige Personalchef und spätere Erzbischof der südwestdeutschen Diözese, Robert Zollitsch. Bundesweit bekannt wurde er von 2008 und 2014 als Vorsitzender der Bischofskonferenz.

Zollitsch wendet sich mit Videobotschaft an Betroffene

Nach langem Schweigen hat sich der heute 84-Jährige am Donnerstag mit einer ausführlichen Video-Erklärung an die Betroffenen von Missbrauch und ihre Angehörigen gewandt. Erstmals spricht Zollitsch Klartext und räumt schwere Fehler und moralische Schuld ein, ohne auf konkrete Fälle einzugehen. Er sei Missbrauchsbetroffenen mit zu wenig Anteilnahme begegnet, habe das Ausmaß und das Leid der Betroffenen nicht erfasst und die Wahrheit nicht wahrhaben wollen.

Robert Zollitsch, emeritierter Erzbischof von Freiburg / © Harald Oppitz (KNA)
Robert Zollitsch, emeritierter Erzbischof von Freiburg / © Harald Oppitz ( KNA )

Statt sich den Leidenden zuzuwenden, sei es ihm vor allem um das Wohl und Ansehen der Kirche gegangen, sagte der emeritierte Erzbischof in dem neunminütigen Video. Dabei habe er "naiv und arglos" den Beteuerungen der Täter geglaubt. "Ich bitte Sie, die Sie sexualisierte Gewalt und jegliche Form von Missbrauch erfahren haben, um Verzeihung für das zusätzliche Leid, das Ihnen mein Verhalten bereitet hat." Er wisse, so Zollitsch, dass er keine Annahme dieser Entschuldigung erwarten könne.

Diese Passagen kann man als Bemühen sehen, mit seinem Gewissen ins Reine zu kommen. Dabei zieht Zollitsch eine Parallele zur eigenen Biografie: Als Kriegsvertriebener habe er erfahren, dass "das Leid und die Wunden der Kriegskinder" zu wenig im Blick gewesen seien.

Umso mehr schmerze es ihn, wenn dies heute auch für Missbrauchsbetroffene gelte.

Eine Flucht nach vorn

Geboren am 9. August 1938 in Filipovo im ehemaligen Jugoslawien musste Zollitsch als Kind zusehen, wie Tito-Partisanen 1944 seinen Bruder und 200 weitere Dorfbewohner ermordeten. Mit seinen Eltern floh er nach Mannheim und studierte in Freiburg und München Theologie. 1965 wurde er Priester und arbeitete ab 1983 rund 20 Jahre als Personalreferent des Erzbistums. 2003 wurde Zollitsch überraschend zum Erzbischof ernannt - und stieg 2008 sogar zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz auf. Mehr geht kaum auf der kirchlichen Karrierelaufbahn.

Ab 2010 zeichnete sich ab, dass er Mitverantwortung für Vertuschung und zögerliche Aufarbeitung trug. Drastisch zeigte sich dies beim Fall Oberharmersbach, wo ein Pfarrer über Jahre zahlreiche Jungen vergewaltigte und missbrauchte. Zollitschs Rolle wurde nie gänzlich klar.

Erzbischof em. Robert Zollitsch (Archiv) / © Jörg Loeffke (KNA)
Erzbischof em. Robert Zollitsch (Archiv) / © Jörg Loeffke ( KNA )

Der Alterzbischof versucht jetzt eine Art Flucht nach vorn. Er erläutert, dass er als Bischofskonferenz-Vorsitzender Missbrauchsaufarbeitung auf den Weg gebracht habe. Und betont, dass er die "moralische Verantwortung" trage, seine Entscheidungen im Umgang mit Opfern und Tätern aber stets gemeinsam mit den "zuständigen Mitbrüdern" getroffen habe. Dabei nennt er die Ämter von Erzbischof - gemeint ist aus Zollitschs Zeit als Personalchef offenbar der 2008 gestorbene Erzbischof Oskar Saier - sowie Generalvikare, Offiziale, Weihbischöfe und Domkapitulare.

Diese Auflistung kann auch den amtierenden Erzbischof Stephan Burger umfassen, denn Zollitsch berief ihn 2007 zum Leiter des Kirchengerichts, zum Offizial. Zusätzliche Brisanz kann ein solcher Zusammenhang dadurch erhalten, dass Burger seit Ende September bundesweite Verantwortung zur Missbrauchsaufarbeitung in seiner Kirche trägt.

"Eigentümliche Aufarbeitung" der Diözese?

Noch deutlicher wird Zollitsch in seiner Kritik, wenn er sagt, er habe lange keine Akteneinsicht bei der Aufarbeitung erhalten und vergeblich um ein Gespräch "mit den Verantwortlichen im Erzbistum Freiburg" gebeten. Zollitschs Rechtsberater, der Jurist Marco Mansdörfer, sprach auf Anfrage von einer "eigentümlichen Aufarbeitung" der Diözese. Allerdings bleibt unklar, auf welcher Grundlage Zollitsch als möglicher Beschuldigter Akteneinsicht haben wollte.

Spitze des Freiburger Münsters / © Pierre-Olivier (shutterstock)
Spitze des Freiburger Münsters / © Pierre-Olivier ( shutterstock )

Gerade diese Kritik sorgt dem Vernehmen nach für erheblichen Unmut bei der unabhängigen Missbrauchskommission. Damit dürfte das auf Zollitschs privater Internetseite veröffentlichte Video kaum zu einem einvernehmlichen Fortgang der Aufarbeitung führen.

Und offenbar wurde das Erzbistum von Zollitschs Erklärung überrascht.

In einer ersten Reaktion begrüßte Generalvikar Christoph Neubrand, dass sich Zollitsch mit seiner Verantwortung auseinandersetze. Auf die Kritik an der laufenden Aufarbeitung ging der Verwaltungschef nicht ein. Neubrand betonte, nach der Veröffentlichung des Gutachtens im Frühjahr werde es um Schuld und Verantwortung gehen. Das sei man den Betroffenen schuldig.

Erzbistum Freiburg in Zahlen

Das Erzbistum Freiburg ist eines der größten der 27 deutschen Bistümer. Es erstreckt sich über 16.300 Quadratkilometer. Dazu gehören Schwarzwald, Bodensee und Hochrhein, Oberrheinische Tiefebene, Odenwald, die Region Hohenzollern und Taubertal. Zusammen mit der Nachbardiözese Rottenburg-Stuttgart deckt es das Gebiet des Bundeslandes Baden-Württemberg ab.

Im Bistum arbeiten knapp 400 Priester und 600 weitere hauptamtliche Seelsorger: Gemeindereferenten, Pastoralreferenten, Diakone. Hinzu kommen ehrenamtlich Engagierte.

Freiburger Münster / © FooTToo (shutterstock)
Autor/in:
Volker Hasenauer
Quelle:
KNA