Erzbischof Schick zur Debatte um christliches Abendland und AfD

"Nicht einfach jemanden wegen seiner Religion ausgrenzen"

Die Demonstrationen zur Rettung des "christliche Abendlandes" finden immer noch Zulauf. Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat sich immer gegen diese Bewegung ausgesprochen - warum, das erläutert er im Interview.

Pegida-Demonstration für ein christliches Abendland / © Daniel Naupold (dpa)
Pegida-Demonstration für ein christliches Abendland / © Daniel Naupold ( dpa )

KNA: Herr Erzbischof, gibt es das eine christliche Abendland?

Schick: Nein, nicht als ein Produkt. Als Prozess, ja. Wer sich auf die Botschaft Jesu Christi einlässt, der kann christliches Abendland bilden, womit territorial Europa gemeint ist.

KNA: Was heißt das konkret?

Schick: Das heißt, dass man die Bergpredigt ernst nimmt, dass man das Gebot der Nächstenliebe lebt. Die Würde und die Rechte jedes Menschen müssen unabhängig von Rasse, Herkunft, Hautfarbe und Religion anerkannt werden. Die Feindesliebe gehört genauso dazu wie das ständige Bemühen, sich zu versöhnen, eine versöhnte und friedliche Gesellschaft zu bilden. Oder die Seligpreisungen: dass man barmherzig gegenüber jedem ist und dass man auch die Fremden aufnimmt, die in Not sind. Jesus identifiziert sich selbst mit den Heimatlosen. Christliches Abendland heißt: in Europa das, was das Evangelium beinhaltet, leben und in die Tat umsetzen. Das ist ein ständiger Prozess!

KNA: Kann denn dann überhaupt das christliche Abendland verteidigt werden?

Schick: Das christliche Abendland kann man nur im übertragenen Sinn verteidigen. Dabei muss aber klar sein, was man meint: Ich verteidige die Werte und Tugenden des Christentums, die ich gerade genannt habe, in meinem Bereich.

KNA: Sie bekommen immer wieder Hass- und Drohzuschriften, in denen man sich mehr oder weniger auf das christliche Abendland beruft.

Schick: Wer einen anderen bedroht, verunglimpft, Angst macht, der kann nicht das christliche Abendland für sich in Anspruch nehmen. Das Evangelium will nicht, dass ein Mensch bedroht oder missachtet wird.

KNA: Beim christlichen Abendland beruft man sich immer wieder auf die Religion. Jetzt sagen Vertreter der AfD, dass der Islam nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei, Minarette und Muezzin-Rufe verboten werden sollen. Was halten Sie davon?

Schick: Einfach jemanden ausgrenzen, weil er eine bestimmte Religion hat, ist nicht christliches Abendland und auch nicht von unserer Verfassung gedeckt. Auch Vernunft und Dialogbereitschaft gehören zum christlichen Abendland dazu. Von vornherein jeden Dialog mit einem, der anders ist als ich, abzulehnen, das passt nicht zu den Werten des christlichen Abendlandes. Das gilt aber auch für die Muslime, und dann muss auch mit ihnen über Gleichberechtigung von Mann und Frau, Freiheit des Religionswechsels und über Gewalt im Namen der Religion geredet werden, bei uns und auch in den muslimisch geprägten Ländern.

KNA: Sie halten also nichts von solchen Forderungen wie denen der AfD?

Schick: Wir haben Religionsfreiheit. Sie ist im Grundgesetz verankert. Menschen müssen ihre Religion leben und auch entsprechende Gotteshäuser bauen können. Religion bedeutet Beziehung zu Gott, der auch im interreligiösen Dialog immer tiefer erkannt wird. Gott ist der eine, der alle Menschen liebt und verbindet, der Gemeinschaft schafft, der Frieden, Freiheit und Gleichberechtigung für alle weltweit will. Dieser Gott soll im christlichen Abendland bestimmen.

Das Interview führte Christian Wölfel.


Erzbischof Ludwig Schick / © Elisabeth Schomaker (KNA)
Erzbischof Ludwig Schick / © Elisabeth Schomaker ( KNA )
Quelle:
KNA