Erzbischof Heße hält Waffenlieferungen für gerechtfertigt

"Nicht einfach darüber hinwegsehen"

Bis Sonntag tagen die G7-Außenminister im Erzbistum Hamburg. Erzbischof Heße griff vorab zu einem ungewöhnlichen Schritt und schrieb Außenministerin Baerbock einen Brief. Im Interview spricht er über Waffenlieferungen und Papstkritik.

Erzbischof Stefan Heße / © Lars Berg (KNA)
Erzbischof Stefan Heße / © Lars Berg ( KNA )

DOMRADIO.DE: Wie sind Sie auf die Idee mit dem Brief gekommen? Ist das üblich für einen Erzbischof, wenn ein höherer Besuch im Bistum ansteht?

Stefan Heße (Erzbischof von Hamburg): Da gibt es eigentlich keine Gepflogenheiten. Aber weil die Situation im Moment ziemlich besonders ist und weil es nicht alle Tage vorkommt, dass sich G7-Außenminister im Erzbistum Hamburg versammeln, habe ich gedacht: Nutze die Gelegenheit und schreibe ihr einen kleinen Gruß.

Außenministerin Annalena Baerbock / © Tobias Hase (dpa)
Außenministerin Annalena Baerbock / © Tobias Hase ( dpa )

DOMRADIO.DE: Sie würdigen in Ihrem Schreiben die gemeinsame Wertebasis der G7-Staaten als eine starke Säule der Demokratie. Welche Werte meinen Sie da genau?

Heße: Zum Beispiel die Freiheit und die Gerechtigkeit. Das sind ganz wichtige Grundlagen unseres Zusammenlebens. Wir leben im Moment in einer Situation, wo diese Werte jedenfalls in einem bestimmten Teil der Welt mit Füßen getreten werden. Wir müssen alles daran setzen, damit da wieder eine Geradlinigkeit rauskommt und diese Schieflage aufgehoben wird.

DOMRADIO.DE: Sie schreiben auch, dass Sie für ein Gelingen der Friedensbemühungen in der Ukraine beten werden. Ist das nicht ein bisschen naiv?

Heße: Ich glaube nicht, dass das Gebet alles verändert. Ich habe auch nicht die Vorstellung, dass das Gebet so wirkt, dass letztlich der Mensch zu einer Marionette degradiert wird.

Deswegen geht mein Beten eigentlich dahin, dass sich Herzen öffnen, dass sich jemand von innen her öffnet. Denn nur wenn einer mitmacht, wenn er sich beteiligt, wenn er sozusagen das Gute in sich hinein lässt, dann kann sich etwas ändern. In diese Richtung geht mein Gebet.

Ich habe die Gläubigen ermutigt, für die Politikerinnen und Politiker zu beten, aber auch erst mal für die, die sich jetzt hier versammeln, damit die in einem guten Geist beraten, aber natürlich auch an die Problemlage in der Ukraine denken.

Erzbischof Stefan Heße

"Vielleicht haben wir damit auch Putin einen Raum eröffnet, der ihm gar nicht zusteht."

DOMRADIO.DE: Beim G7-Gipfel wird sicher auch über die Frage der Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine beraten. Was sagen Sie dazu aus kirchlicher Perspektive?

Heße: Das ist eine ganz schwierige Frage. Vor vielen Jahren hätte ich nie gedacht, dass wir mal in so eine Situation kommen würden. Da hätten wir immer gesagt: Frieden ohne Waffen muss der Weg sein. Aber hier wird die Freiheit eines Landes ohne Grund aufgehoben. Die wird nivelliert. Und da hat auch ein Land das Recht, sich zu verteidigen.

Wir können nicht einfach darüber hinwegsehen. Wir haben eigentlich im Jahr 2014 bei der Annexion des Donbass schon sehr zur Seite geschaut, wenn ich das mal etwas vornehm ausdrücke. Vielleicht haben wir damit auch Putin einen Raum eröffnet, der ihm gar nicht zusteht. Wir müssen alles daran setzen, dass ein solches Verhalten eingegrenzt wird und nicht Schule macht, sondern im Gegenteil die Friedensordnung zum Wohle jedes einzelnen Menschen wiederhergestellt wird.

Denn dieser Krieg hat in den zweieinhalb Monaten, die er jetzt andauert, schon viel zu viele Opfer gefordert und strapaziert uns überaus. Das muss beendet werden und die Friedensordnung muss neu wieder aufgebaut werden.

DOMRADIO.DE: Außerdem im Fokus des öffentlichen Interesses steht die Rolle von Papst Franziskus angesichts des Krieges in der Ukraine. Da hat es auch viel Kritik gegeben. Wie stehen Sie dazu? Was sollte Papst Franziskus in Ihren Augen tun? Welchen Spielraum sehen Sie da?

Heße: Der Papst hat schon einen gewissen Einfluss. Ich glaube, er kann ein Vermittler sein. Er findet hier und da klare Worte. Das kann man nicht jeden Tag machen. Das ist auch verständlich. Vielleicht muss er auch eine Friedensmission ergreifen. Er hat ja Angebote gemacht. Ich bin gespannt, ob das angenommen wird.

Im Moment entnehme ich den Medien, dass noch keine Reaktionen erfolgt sind. Aber ich glaube, dass er eine hohe Autorität hat und sich selber dafür einsetzen kann. Das tut er ja auch, um mit den begrenzten Möglichkeiten, die ein religiöser Führer so hat, den Frieden zu fördern.

DOMRADIO.DE: Kommen wir noch mal auf Ihren Brief an Annalena Baerbock zurück. Haben Sie schon irgendeine Reaktion bekommen? Hat sie womöglich schon geantwortet?

Heße: Nein, bisher ist noch keine Antwort eingegangen, aber dafür ist das Ganze wahrscheinlich auch zu frisch. Mal sehen, was da passiert.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

Quelle:
DR
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