Ernüchterung nach einem Jahr Freiburger Missbrauchsbericht

Beirat sieht Bedarf für Verbessungen

Der Expertenbericht zu Missbrauch erschütterte vor einem Jahr das Erzbistum Freiburg. Es gibt hunderte Betroffene und Täter. Der Betroffenenbeirat sieht weiterhin Handlungsbedarf für schwer traumatisierte Betroffene.

Autor/in:
Volker Hasenauer
Freiburger Münster / © pakpoomkh (shutterstock)

"Für die meisten Betroffenen hat sich in ihrer persönlichen Wahrnehmung zwölf Monate nach Veröffentlichung der Studie zu Missbrauch durch Priester und Seelsorger im Erzbistum Freiburg wenig zum Positiven verändert." Zu dieser ernüchternden Bilanz kommt der Betroffenenbeirat im Erzbistum Freiburg.

Zwar habe der vor genau einem Jahr (18. April) vorgelegte 600-seitige Bericht die Öffentlichkeit und die Katholiken aufgeschreckt und erschüttert, weil er die Dimension von sexualisierter Gewalt und deren jahrelanger Vertuschung schonungslos offenlegte. "Aber die Verantwortlichen haben seitdem nicht gefragt, wie es den Betroffenen mit dem Bericht ergangen ist und welche Wünsche zur Unterstützung sie nun haben", sagte ein Mitglied des Beirats am Freitag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). 

Proteste in der Erzdiözese Freiburg zum Umgang mit sexualisierter Gewalt / © Silas Stein (dpa)
Proteste in der Erzdiözese Freiburg zum Umgang mit sexualisierter Gewalt / © Silas Stein ( dpa )

Prävention hat sich verbessert

Erst auf Initiative des Beirats wird nun beispielsweise die Zusammenarbeit mit externen Beratungsstellen gesucht. Ihren Namen möchte die seit Jahren in der Arbeit für Betroffene engagierte Beirätin nicht öffentlich nennen.

Gleichzeitig würdigt die Beiratssprecherin, dass die katholische Kirche im Südwesten bei Aufarbeitung, Prävention und Hilfen für Betroffene viel erreicht hat. "Ich bin sicher, dass es heute keine Vertuschung mehr geben kann, wie sie Betroffene über Jahrzehnte erleiden mussten. Ich kenne mehrere Fälle, in denen die Kirchenleitung jetzt konsequent und schnell reagiert hat."

Freiburger Münster / © RossHelen (shutterstock)

Auch dass das Erzbistum Freiburg Betroffene in finanziellen Notlagen monatliche mit bis zu 800 Euro finanziert, sei bundesweit einzigartig und für viele Personen sehr hilfreich, betont die Sprecherin.

Zuletzt habe der Betroffenenbeirat die Zusage der Bistumsleitung erhalten, diese Zahlungen fortzuführen. Auch die Kosten für Therapien werden weiter übernommen. "Auch dann, wenn die Therapeuten nicht von den Krankenkassen approbiert sind, was beispielsweise bei Heilpraktikern oft der Fall ist." 

Langes Warten auf einen Therapieplatz

Bundesweit fehlt es an Traumatherapeutinnen und -therapeuten. Betroffene müssen oft lange auf einen Therapieplatz waren. "Wichtig wäre deshalb, wieder eine erste Anlaufstelle zur Überbrückung von Wartezeiten zu schaffen. Bis im vergangenen Jahr stand dazu eine Psychotherapeutin bereit, die aber jetzt im Ruhestand ist." 

Sehr positiv würdigt die Sprecherin die Bereitschaft des Erzbistums, in den kommenden Wochen im Rahmen einer "Hilfekonferenz" ein Treffen zu organisieren, bei dem es darum gehen wird, wie Betroffene von kirchlichem Missbrauch dezentral und in Zusammenarbeit mit externen Beratungsstellen Hilfen finden können.

 Pressekonferenz in der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg zum Umgang mit Missbrauch / © Silas Stein (dpa)
Pressekonferenz in der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg zum Umgang mit Missbrauch / © Silas Stein ( dpa )

Wie akut der Hilfebedarf weiter ist, zeigt die Schilderung der Sprecherin, wonach mehrere Betroffene nach Veröffentlichung des Missbrauchsberichts vor einem Jahr erneut in einen psychischen Ausnahmezustand kamen. "Es hat sie retraumatisiert, schwarz auf weiß das nachzulesen, was ihnen widerfahren ist. Und auch zu sehen, wie sie jahrelang keine Chance hatten, weil das System Kirche die Täter schützte und den Opfern nicht glaubte. Mehrere liefen Gefahr, sich deshalb das Leben zu nehmen".

Weitere Studie gefordert

Eindringlich fordert der Beirat eine weitere Studie, die sich mit den psychologischen und seelischen Folgen von Vertuschung und Verschleierung von Missbrauchstaten in der Kirche befasst. "Betroffene mussten sich oft über Jahrzehnte als Lügner und Nestbeschmutzer fühlen. Sie rannten gegen Mauern. Niemand glaubte ihnen. Was hat diese Täter-Opfer-Umkehr mit den Betroffenen gemacht? Dazu gibt es in ganz Deutschland keine Studie. Das muss sich schnell ändern", fordert die Sprecherin.

Erzbischof Robert Zollitsch, ehemaliger Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz (Archiv) / © Harald Oppitz (KNA)
Erzbischof Robert Zollitsch, ehemaliger Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz (Archiv) / © Harald Oppitz ( KNA )

Und auch das von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz beauftragte bundesweite Verfahren, bei dem Missbrauchsbetroffene in Anerkennung ihres Leids Gelder erhalten können, müsse transparenter werden, kritisiert die Sprecherin. "Positiv ist aber, dass zuletzt höhere Geldsummen gezahlt wurden. Wohl auch unter dem Eindruck von mehreren Zivilprozessen gegen Bistümer mit hohen Schmerzensgeldforderungen von Betroffenen."

250 beschuldigte Priester seit 1950

Unabhängige Experten hatten den Freiburger Missbrauchsbericht am 18. April 2023 veröffentlicht. Die Untersuchung analysierte beispielhaft 24 Fälle aus der Zeit von 1945 bis in die Gegenwart. Die vier Autoren hatten Zugang zu allen Personalakten der Priester des Erzbistums.

Zusätzlich werteten sie Protokolle der diözesanen Leitungsrunde aus. Schließlich wurden 180 Zeugen befragt - darunter Betroffene und Beschuldigte. Der Bericht sprach von mindestens 540 Missbrauchsopfern und mehr als 250 nachweislich schuldigen oder des Missbrauchs beschuldigten Priestern seit 1950. Die Studie dokumentierte insbesondere schweres Fehlverhalten im Umgang mit den Fällen vor allem bei den früheren Freiburger Erzbischöfen Oskar Saier (1978-2002) und Robert Zollitsch (2003-2013). Ihnen wird vorgeworfen, Verbrechen vertuscht, Täter geschützt und Betroffenen nicht geholfen zu haben.

Eine kirchenrechtliche Anzeige gegen Zollitsch liegt seit mehr als zwei Jahren in Rom. Bislang ohne jede Reaktion und ohne Kommentar des Vatikans. Der Betroffenenbeirat bezeichnet dies als skandalös. 

Missbrauchsstudie im Erzbistum Freiburg

Die Untersuchung zu sexualisierter Gewalt und Verschleierung von Missbrauchstaten im Erzbistum Freiburg sieht bei den früheren Erzbischöfen Robert Zollitsch und Oskar Saier schweres Fehlverhalten und gravierende Rechtsverstöße im Umgang mit Straftaten durch Priester. Der Schutz der Institution Kirche und der Täter habe über allem gestanden, sagte Studienautor Eugen Endress bei der Vorstellung des 600-Seiten-Berichts. Für Betroffene und Angehörige habe es keine Hilfen gegeben: "Sie wurden allein gelassen."

Vorstellung der GE-Kommission zu sexuellem Missbrauch in Freiburg / © Andree Kaiser (KNA)
Vorstellung der GE-Kommission zu sexuellem Missbrauch in Freiburg / © Andree Kaiser ( KNA )
Quelle:
KNA