Wie die Nominierungsrede von Biden zu bewerten ist

"Er muss mit Widerstand rechnen"

Joe Biden wäre der erste Katholik nach John F. Kennedy, der ins Weiße Haus einziehen könnte. Was das für die Wahlen bedeutet und wie sich Biden gegen Präsident Trump schlägt, ordnet der ehemalige USA-Korrespondent Klaus Prömpers ein.

Joe Biden / © Carolyn Kaster (dpa)
Joe Biden / © Carolyn Kaster ( dpa )

DOMRADIO.DE: Die Nominierung von Joe Biden als US-Präsidentschaftskandidat der Demokraten war nur noch Formsache. Der 77-Jährige hat nun seine Nominierungsrede gehalten. Wie bewerten Sie diese?

Klaus Prömpers (Journalist und ehemaliger USA-Korrespondent beim ZDF): In dieser schwierigen Situation eines virtuellen Parteitages, der im Grunde nur über Bildschirme flimmert, war es für ihn natürlich sehr schwierig, wirklich die Partei für sich zu gewinnen. Aber, ich glaube, es ist ihm gelungen. Es gab keinen Applaus, an keiner Stelle, während er redete, und er redete fast eine ganze Stunde lang.

Er stelle ins Zentrum, er werde die Vereinigten Staaten von Amerika, erstens vereinen und zweitens aus dieser Periode der Dunkelheit heraus ins Licht führen. Das ist seine zentrale Botschaft an alle Amerikaner, wie er mehrfach in seiner Rede betonte.

DOMRADIO.DE: Wie wird das "andere Amerika" aussehen, das er in den kommenden vier Jahren erreichen will?

Prömpers: Ein Amerika, das vor allem wieder das schafft, was unter Donald Trump, seiner Meinung nach verloren gegangen ist: Möglichkeiten für alle zu schaffen. Da müsse man wieder hinkommen, hat er gesagt. Das heißt beispielsweise, die Pandemie zu überwinden, die wirtschaftliche Krise hinter sich zu bringen, die Rassentrennung wirklich endgültig zu überwinden und den Klimawandel anzugehen, denn er bedroht das ganze amerikanische Volk, die ganze amerikanische Nation und nicht nur die.

DOMRADIO.DE: Biden wäre der erste Katholik im Präsidentenamt seit John F. Kennedy. Welche Bedeutung hat das für die Amerikaner und die Wahl?

Prömpers: Das wird für einen Teil der Katholiken und einen Teil der Christen in den USA von Bedeutung sein. Für einen anderen Teil nicht, denn man darf nicht vergessen, Trump wurde von einem Teil der sehr konservativen Katholiken gewählt, die in ihm ein Heil sahen, da er sich massiv gegen Abtreibung einsetzt. Biden macht das nicht. Er sieht die Notlage der einzelnen Frau. Bei seiner Familiengeschichte kann man das verstehen. Er hat viele Notlagen in seinem Leben erlebt, deswegen hat er dafür Verständnis.

Er muss natürlich mit Widerstand rechnen, so wie John F. Kennedy vor 60 Jahren, vielleicht nicht mehr ganz so stark. Kennedy wurde damals mit der Parole konfrontiert, er werde, wenn er als Katholik ins Weiße Haus einzieht, den Befehlen des Papstes gehorchen. Das wird heute wohl nicht mehr so schlimm sein.

DOMRADIO.DE: An seiner Seite steht Kamala Harris als Kandidatin für die Vize-Präsidentschaft. Sie steht auch für eine klare Botschaft, oder?

Prömpers: Sie ist eine Schwarze, eine Frau, 55 Jahre jung, im Vergleich zu Biden natürlich viel jünger. Biden ist 77 Jahre alt jetzt. Wenn er im Januar ins Weiße Haus einziehen würde, wird er 78 Jahre alt sein. Sie wäre also auch im berühmten Herzschlagmoment seine Nachfolgerin. Sie ist die Tochter einer Inderin und eines Jamaikaners. Sie hat viel durchgemacht. Am Ende musste ihre Mutter sie und ihre Schwester allein erziehen.

Sie ist heute Baptistin und verbindet in sich sehr vieles, was Amerika zu diesem berühmten "Melting Pot", zu dieser gemischten Gesellschaft gemacht hat, die nicht immer so ganz funktioniert, wie wir in den letzten Wochen gesehen haben.

DOMRADIO.DE: Biden hat einige Erfahrung vorzuweisen, zuletzt als Vizepräsident unter Obama. Sehen die Wähler seine Erfahrung als positiv an?

Prömpers: Sie sehen teilweise sicherlich seine Erfahrung, denn er ist seit 48 Jahren in der Politik aktiv. Mit 29 Jahren wurde er zum Senator gewählt und seitdem ist er praktisch in der Politik. Schon 1988 hat er sich das erste Mal um das Amt des Präsidenten beworben. Das sehen die Wähler natürlich.

Andererseits sagen manche Wähler natürlich auch, er sei viel zu alt und würde die Ängste und Nöte der jungen Menschen nicht verstehen. Deswegen wurde auch die relativ junge Kamala Harris nominiert. Es gibt auch den Druck der ganz Jungen mit den ganzen Sozialgeschichten, die diskutiert worden sind, zwischen Bernie Sanders und den anderen, nun wirklich ernst zu machen. Einiges steht im Programm und wird, wenn Biden bald Präsident wird, umgesetzt werden.

DOMRADIO.DE: Auch Trump hatte zur gleichen Zeit eine Wahlkampfveranstaltung. Wie lief die im Vergleich?

Prömpers: Er kann sich auf seine Anhänger stützen. Und das obwohl die Anhängerschaft – Umfragen zufolge – etwas geschrumpft zu sein scheint, weil die amerikanische Nation, mehr als alles in Europa, was ich kenne, durch die Medien gespalten ist. Die Trump-Anhänger gucken nur Fox-Fernsehen, die anderen gucken nur CNBC und ABC-Fernsehen. Die nehmen die Realität und die Argumente der Gegenseite gar nicht mehr zur Kenntnis.

Das macht ja auch die Politik in Amerika im Moment so schwierig, wo sich die rechte und linke Seite im Kongress nicht mehr einigen können, nicht einmal auf Nothilfemaßnahmen für arbeitslose Menschen jetzt in der Pandemie. Deswegen hat Trump immer noch starke Anhänger.

Er hat Joe Biden als "sleepy Joe" – als schlafenden Joe – herabgewürdigt und gesagt, dass Biden es noch nie gekonnt habe, er werde es auch jetzt nicht können, deswegen bleibt bei mir. Aber der hat gekontert: Das, was Trump in den letzten vier Jahren gebracht hat, sei nur Verzweiflung, Mutlosigkeit, Dunkelheit. Und da wollen wir raus, wir wollen ans Licht.

Das Interview führte Katharina Geiger.

Klaus Prömpers / © N.N. (privat)
Klaus Prömpers / © N.N. ( privat )
Quelle:
DR