Enzyklika "Mit brennender Sorge" vor 80 Jahren veröffentlicht

Nachhall bis in die Gegenwart

Vor achtzig Jahren erschien die Enzyklika "Mit brennender Sorge". Darin verurteilt Papst Pius XI. die Ideologie des Nationalsozialismus deutlich. Der Nachhall reicht bis in die Gegenwart, wie der Generalvikar von Münster betont.

Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. / © N.N. (KNA)
Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. / © N.N. ( KNA )

domradio.de: "Mit brennender Sorge und steigendem Befremden beobachten wir seit geraumer Zeit den Leidensweg der Kirche" – Mit diesen Worten begann ein Schreiben, das vor genau achtzig Jahren, am Palmsonntag 1937 in allen katholischen Kirchen verlesen worden ist. Diese Enzyklika "Mit brennender Sorge" hat einige Besonderheiten. Welche sind das?

Dr. Norbert Köster (Kirchenhistoriker und Generalvikar des Bistums Münster): Die erste Besonderheit ist, dass die Enzyklika in deutscher Sprache verfasst worden ist und deshalb ja auch immer mit den ersten drei deutschen Worten zitiert wird, wie alle Enzykliken ja von ihren Anfangsworten her zitiert werden. Eine weitere Besonderheit ist natürlich das Zustandekommen dieser Enzyklika und vor allen Dingen das Verlesen am Palmsonntag in den Kirchen in Deutschland. Das ist schon ein historisch einmaliger Vorgang gewesen.

domradio.de: Was sind das für Gründe gewesen, die zu dieser Enzyklika geführt haben?

Köster: Ab Mai 1936 ist Adolf Hitler in eine ganz andere Art und Weise eingestiegen, mit der Kirche umzugehen. Er hat Priester in Devisen- und Sittlichkeitsprozesse verwickelt. Das heißt, man machte ihnen Vorwürfe, Gelder zu unterschlagen und sich unsittlich zu verhalten. Damit wollte er im Kern das Priestertum angreifen, sozusagen eine der Säulen der katholischen Kirche. Damit unterlief er natürlich alle Vereinbarungen, die im Konkordat von 1933 zwischen Kirche und Staat geschlossen worden waren. Deshalb tagten jetzt die Bischöfe im Januar 1937, um zu überlegen, wie gehen wir jetzt damit um. Da gab es eine Fraktion, die deutlich gesagt hat, jetzt muss der Papst mal ein deutliches Wort sprechen.

domradio.de: Welches Beispiel gibt es für die von Ihnen angesprochenen Sittlichkeitsverfahren?

Köster: Das waren Vorwürfe, dass Priester sich in irgendeiner Art und Weise unsittlich verhalten haben. Ein klassischer Fall ist der Vorwurf an den Bischof Sproll von Rottenburg-Stuttgart, er habe ein uneheliches Kind. Das sind lauter solche Dinge, die in die Welt gesetzt wurden, um das Ansehen von Priestern zu untergraben.

domradio.de: Wie hat es die katholische Kirche geschafft, die Veröffentlichung der Enzyklika vor der Gestapo bis zum Palmsonntag 1937 geheim zu halten?

Köster: Erst einmal sind der Auftrag und auch das Verfassen dieser Enzyklika ganz geheim gewesen. Das geht darauf zurück, dass nach dieser Bischofskonferenz im Frühjahr 1937 dann fünf Bischöfe – drei Kardinäle und zwei Bischöfe – nach Rom gefahren sind. Und Kardinal Faulhaber hat angeboten – aber auch nur im Zweiergespräch mit dem Staatssekretär Pacelli – diese Enzyklika zu schreiben. Er hat ja auch diesen Grundtext verfasst. Und das ist dann in Rom auch geheim gehalten worden, auch die Form der Überarbeitungen, die dann noch stattgefunden haben, so dass es dann gedruckt, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über die Grenze gebracht und in den Pfarreien verteilt werden konnte, ohne dass die Gestapo es gemerkt hat.

domradio.de: Wer waren denn die treibenden Kräfte, die hinter dem Zustandekommen der Enzyklika steckten?

Köster: Im deutschen Episkopat gab es eine Spaltung. Es gab die einen - und diese Richtung wird vor allen Dingen vertreten durch Kardinal Bertram, dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz -, die weiter mit Hitler hinter verschlossenen Türen verhandeln, beziehungsweise durch Eingaben auf diplomatischem Wege etwas erreichen wollten. Und es gab die Gegenfraktion, die sagten, jetzt muss ein neuer Weg her, eine neue Taktik im Umgang mit dem nationalsozialistischen Regime. Das waren vor allen Dingen der Berliner Bischof von Preysing und der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen.

Und auf von Galen geht eigentlich die Initiative im Kern zurück. Er hat auf der Bischofskonferenz sehr deutlich gesagt, es muss eine neue Taktik gegenüber dieser Regierung her. Damit traf er in Rom bei dem Staatssekretär Pacelli, der ja vorher Nuntius in Deutschland war und die deutschen Verhältnisse sehr gut kannte, auf sehr offene Ohren. Und deshalb hat Pacelli bewusst die drei Kardinäle aus Deutschland und die beiden Bischöfe Preysing und Galen nach Rom geholt, um dieses öffentliche Wort vorzubereiten.

domradio.de: Gab es denn Einvernehmen zwischen den Kardinälen und den genannten Bischöfen hinsichtlich der Enzyklika?

Köster: Keineswegs! Gerade Kardinal Bertram war äußerst erbost darüber, dass Galen mit nach Rom reisen sollte. Aber er konnte sich ja dann der Anordnung des Staatssekretärs nicht widersetzen. Es gab kein Einvernehmen im Vorfeld, aber natürlich haben dann alle, als die Enzyklika verfasst und verteilt war, diese auch am Palmsonntag verlesen.

domradio.de: Die beiden Bischöfe von Galen und von Preysing wurden 1946 schließlich auch zu Kardinälen ernannt. Ist das eine Folge dieser Ereignisse gewesen?

Köster: Selbstverständlich! Papst Pius XII. hatte ja die Grundidee, das Papsttum muss sich immer neutral verhalten. Das hatte verschiedene Gründe, vor allen Dingen weil das Papsttum im Ersten Weltkrieg versucht hatte, eine prononcierte Rolle als Friedensstifter zu übernehmen. Das ist gescheitert. Und daraufhin war man sich in Rom völlig einig, das Papsttum muss sich ganz neutral verhalten. Umso mehr aber erwartete Pacelli von den Bischöfen, dass sie ein klares Wort sprechen. Und wir wissen aus Briefen zwischen dem Staatssekretär Pacelli und späterem Papst Pius XII. ab 1939, dass er an Preysing und auch an Galen geschrieben hat und wie dankbar er ist, dass diese ein deutliches und offenes Wort sprechen. Auch gerade nach den Predigten, die Galen 1941 in Münster gegen Euthanasie und den Klostersturm gehalten hat, ist das sehr deutlich, dass Papst Pius XII. da sehr dankbar war.

domradio.de: Aus heutiger Sicht wird an "Mit brennender Sorge" kritisiert, dass nur die Belange der katholischen Kirche behandelt werden und nicht die bedrängte Lage anderer Gruppierungen wie zum Beispiel der Juden. Immerhin gab es bereits Boykottaufrufe der Nazis und zerbrochene Schaufenster jüdischer Geschäfte. Warum wurde das in der Enzyklika nicht erwähnt?

Köster: Das hat zwei Gründe. Das eine ist die Entstehungsgeschichte der Enzyklika, in der es ja erst einmal darum ging, dass die deutschen Bischöfe sich beschweren wollten über die Verletzungen des Reichskonkordats, dass Hitler sich über die Abmachungen hinwegsetzte. Das ist ja dann auch der erste große Teil der Enzyklika. Eine zweite Ebene kommt da hinein, dass es im Vatikan schon länger die Überlegungen gab, das Buch "Mein Kampf" zu indizieren, also auf den Index der verbotenen Bücher zu setzen. Das war allerdings politisch nicht ganz einfach, das Buch eines Reichskanzlers auf den Index zu setzen. Da scheute man sich ein bisschen.

Und deshalb ist eigentlich der zweite Teil dieser Enzyklika, in dem es ganz stark um die religiöse Verbrämung von politischen Begriffen oder – man kann auch umgekehrt sagen – die politische Umdeutung von religiösen Begriffen geht, eigentlich im Kern eine Verurteilung des Buches "Mein Kampf". Das ist der Hintergrund. Diese beiden Linien flossen in dieser Enzyklika zusammen. Was die Judenverfolgung angeht, das ist ja nun ein langgehegtes Thema. Auch hier hat Pacelli politisch Neutralität wahren wollen. Er wollte sich nicht in die Politik einmischen, die ein Land zehrt und hat ganz auf die humanitäre Hilfe für die jüdische Bevölkerung in Rom gesetzt und auch sonst überall. Das ist etwas, was wir heute sicherlich anders beurteilen würden. Da war Pacelli sicher sehr in der Rolle und auch im Denken über die Rolle des Papstamtes gefangen.

domradio.de: Religiöses Vokabular gepaart mit Nationalismus ist eine sehr ungesunde Mischung. Das erleben wir zur Zeit in Europa von Neuem. Gibt es denn in "Mit brennender Sorge" auch Passagen, die heute noch Gültigkeit haben?

Köster: Wenn man auf diese Passagen schaut, ist das ja eine Warnung vor allen Dingen an die Jugendlichen – das ist ein großer Teil in dieser Enzyklika hinten –, sich von falschen und kurzschlüssigen Begriffen und auch Lösungen für Probleme leiten zu lassen. Die Enzyklika warnt junge Menschen: Lauft nicht den einfachen Parolen nach, die eine schnelle Lösung zu sein scheinen, aber im Kern eigentlich keine sind und die Wertmaßstäbe, die wir seit Jahrhunderten in Europa haben, auf den Kopf stellen. Ich glaube, das ist eine Spur, in der diese Enzyklika bis heute sehr aktuell ist, junge Menschen und überhaupt Menschen davor zu warnen, voreiligen Antworten nachzulaufen.

Vielleicht noch ein zweiter Punkt, der in der Enzyklika auch sehr stark vorkommt: Die Eltern werden ja sehr stark animiert, die Kinder in ihren Wertvorstellungen zu erziehen und das, was ihnen wichtig ist, den Kindern weiter zu geben und darauf zu achten, dass auch Kinder nicht in einen anderen Einfluss hineingeraten. Also das ist eine weitere Leitlinie, die parallel ist zu der, die ich gerade genannt habe.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.


Norbert Köster, Generalvikar im Bistum Münster / © Elisabeth Schomaker (KNA)
Norbert Köster, Generalvikar im Bistum Münster / © Elisabeth Schomaker ( KNA )
Quelle:
DR