Einsichten aus der Debatte um Mesut Özil

Schattenseite der Win-Win-Situation

Die Debatte um das Foto mit Präsident Erdogan und der Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Fußballnationalmannschaft erhitzen die Gemüter. Der emeritierte Theologe und Sportethiker Dietmar Mieth mit seinem Blick auf die Lage.

2010: Mesut Özil nach seinem Treffer zum 2:0 im EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei / © Michael Hanschke (dpa)
2010: Mesut Özil nach seinem Treffer zum 2:0 im EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei / © Michael Hanschke ( dpa )

Welche Einsichten bringt die Debatte um Özil hervor? Ein Gedankenexperiment: 2014 vor der WM hätte sich Lukas Podolski in Erinnerung an seine polnischen Wurzeln mit Präsident Lech Kaczynski fotografieren lassen und ihm Wimpel überreicht. Man kann sich Gründe dafür ausdenken, warum dies nicht zu einem Eklat geführt hätte, wie ihn die öffentliche Begegnung von Nationalspielern türkischer Wurzeln mit Präsident Erdogan zur Folge hatte.

WM und Wahlkampf

Sieht man einmal von den unterschiedlichen Persönlichkeiten ab, dann ging es bei dem berühmten Foto um die Mischung zweier Zeitpunkte: der WM und des Wahlkampfes. Kann man das unpolitisch sehen? Lassen sich Privatperson, Bekanntheitsgrad als VIP und (Mit-)Vertretung einer Nationalmannschaft in einer Person auseinanderhalten? Sind bedeutende Fußballer nicht auf politische Sensibilität trainiert? Wie werden sie beraten? Was ist der Unterschied zwischen der selbstverständlichen Anerkennung eines Staatsamtes und der unbeabsichtigten Mitwirkung an Wahl-Propaganda?

Umgekehrt: Welchen Respekt verdienen unangepasste, sperrige Haltungen? Sie haben doch auch ihren Charme. Was sind überzogene Reaktionen, die einen Konflikt nur anheizen? Musste man Özil durch öffentliche Aufforderungen eine Erklärung aufzwingen? Musste er selbst dann in dieser Erklärung alle kritisieren, ohne sich selbst mit zu befragen? Vielleicht ist er aber gerade darin schon mehr Deutscher, als er türkischer Herkunft ist.

Kaum anzunehmen, dass diese Fragen von allen direkt und indirekt Beteiligten rechtzeitig gestellt wurden. Aber sie sollten jetzt gestellt werden. Wie viel politisches Mitdenken ist im exponierten Sport von den im Licht der Öffentlichkeit stehenden Personen gefordert? Werden Klasse-Spieler, die in der Öffentlichkeit stehen, nur darin geübt, nicht irgendwo anzuecken, sich stets einer gefälligen Formelsprache zu bedienen. Wie viel Aufsehen erregt es, wenn einer wie Özil vom Üblichen abweicht? Wie viel Hornhaut muss er haben, um mit Öffentlichkeit und Veröffentlichungen umzugehen?

Win-Win-Situation

Die Integration von Migrationsfamilien im deutschen Sport ist eine Win-Win-Situation. Aber wo waren die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) und der Nationalmannschaft, als es galt, einen solchen Event wie das Erdogan-Fotoshooting vorauszusehen, zu begleiten und zu interpretieren? Offensichtlich waren sie weder vorbereitet noch reaktionssicher.

Dabei ist doch gerade der Fußballsport zu loben: Er leistet viel für die Integration. Aber oft beschränkt er sich auf Deklamationen. Ist er feinfühlig genug für Begleiterscheinungen und für unabweisbare Konflikte? Trainiert er solche möglichen Konflikte im Vorhinein? Zumindest das kann man doch erwarten. Der DFB und das Trainerteam müssen hier dazu lernen.

"Ich werde schweren Herzens nicht mehr für Deutschland spielen, solange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre", hat Mesut Özil gesagt. Da merkt man doch, wie viel Herzblut der Spieler für die deutsche Nationalmannschaft zu geben bereit war und ist. Und wie er sich zurückgestoßen fühlt. In der Abwägung ist es besser, aus der sperrigen Integration eines solchen Spielers zu lernen, als gefällige Anpassungen zu verlangen.

Information der Redaktion: Dietmar Mieth ist emeritierter Theologe und Sportethiker aus Tübingen sowie Mitautor des "Lexikons der Ethik im Sport".

Quelle:
KNA